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Saigon, April 1975: Das Ende eines nie erklärten Kriegs

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Vor 40 Jahren kapitulierte Südvietnam vor den kommunistischen Truppen des Nordens. Damit endete ein Jahrhundert französischer und US-amerikanischer Großmachtpolitik in Indochina, begleitet von einer beispiellosen Massenflucht in Hubschraubern.

Am Ende war nicht einmal mehr ein Präsident da, der seine Macht an den siegreichen Feind hätte übergeben können. Als nordvietnamesische Panzer am Vormittag des 30.April 1975 durch die Tore des Präsidentenpalasts in Saigon brachen, bestand Südvietnams Regierung nur mehr aus einem eilig zusammengewürfelten Kabinett von Offizieren ohne Mannschaft.

„Ich habe seit dem Morgen darauf gewartet, Ihnen die Macht zu übertragen“, sagte General Duong Van Minh zu seinem kommunistischen Gegenüber, Oberst Bui Tin. „Es kann keine Rede davon sein, dass Sie Macht übertragen“, herrschte er Minh an. „Sie können etwas, das Sie nicht besitzen, nicht übertragen.“

Der Sturz des südvietnamesischen Regimes war der letzte Sargnagel einer knapp hundertjährigen Geschichte westlicher Großmachtpolitik in Indochina. 1861 hatten die Franzosen Saigon eingenommen. Seit damals und (mit Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg) bis zur Niederlage gegen die kommunistischen Rebellen unter Ho Chi Minh im Jahr 1954 beherrschten sie die heutigen Staaten Vietnam, Laos und Kambodscha. Schon im Jahr darauf begann die US-Regierung unter Präsident Dwight D. Eisenhower, die neu gegründete, prowestliche Republik Südvietnam mit Geld und Militärberatern zu unterstützen. Aus ursprünglich knapp 700 US-Soldaten waren 1962, im zweiten Amtsjahr von John F. Kennedy, 12.000 geworden. Ende 1965 standen 200.000 Amerikaner in Vietnam, ein Jahr darauf doppelt so viele, noch zwei Jahre später 540.000.

Im Dschungel ging nichts mehr. Doch spätestens seit Anfang 1968 war den Strategen in Washington bewusst, dass der Krieg gegen eine wendige Dschungelguerilla im Süden und eine von Moskau und Peking hochgerüstete reguläre Armee im Norden kaum zu gewinnen ist. Nach dem Wahlsieg von Richard Nixon begann Henry Kissinger, sein Berater für Nationale Sicherheit, geheime Kontakte zu den Nordvietnamesen aufzubauen. Die geopolitische Großwetterlage tat ihr Übriges: Nixon und vor allem Kissinger lag mehr an einer Entspannung des Verhältnisses zu Maos China und der UdSSR als an einem verfahrenen Dschungelkrieg.

Am 21.Februar 1970 traf Kissinger nahe Paris erstmals Le Duc Tho, den Verteter Hanois. „Kissinger saß einem Exemplar gegenüber, wie er es noch nie getroffen hatte – ein professioneller Revolutionär, für den Verhandlungen eine Form des hinausgezögerten Guerillakrieges waren“, beschrieb der langjährige Südostasien-Korrespondent und spätere Harvard-Politikforscher Stanley Karnow das Treffen in seinem Meisterwerk „Vietnam: A History“.

Doch die Gespräche kamen nicht voran. Kissinger bestand darauf, dass die USA nur dann aus dem Süden abziehen würden, wenn die Nordvietnamesen gleichfalls zurückzögen. Und so tobte der Krieg weiter. Doch es war zusehends ein vietnamesischer Bruderkrieg. 1972 waren nur mehr knapp 70.000 US-Soldaten in Vietnam, etwas weniger als 6000 von ihnen Kampftruppen. Die US-Luftwaffe unterstützte Südvietnams Armee zwar mit apokalyptischen Bombenkampagnen. Das war es aber auch schon. Auf dem Papier sahen die Streitkräfte des Südens formidabel aus: Knapp eine Million Mann, fünfmal mehr, als die regulären Streitkräfte der Nordvietnamesen. Die USA rüsteten das Regime unter Präsident Nguyen Van Thieu enorm auf; zu Kriegsende besaß die Republik Vietnam die viertgrößte Luftwaffe der Welt.

Hochgerüstet, korrupt und arm. Doch dieses Militär war korrupt, unterbezahlt und demoralisiert. Im Sommer 1974 erhob die US-Botschaft in Saigon, dass 90 Prozent der Soldaten nicht genug verdienten, um ihre Familien ernähren zu können. Der neue US-Botschafter Graham Martin, seit Frühling 1973 auf seinem Posten, tat dieses Problem ab: „Ein bisschen Korruption schmiert die Maschine.“

Zu diesem Zeitpunkt war das Schicksal Südvietnams schon besiegelt. Am 8.Oktober 1972 hatten Kissinger und Le Duc Tho einen Durchbruch erzielt, im Örtchen Gif-sur-Yvette südwestlich von Paris, in einem Haus, das der Maler Fernand Léger Frankreichs Kommunistischer Partei vermacht hatte. Sie vereinbarten einen Waffenstillstand – und Nordvietnam durfte Truppen im Süden stationiert lassen, vorbehaltlich einer künftigen Einigung zwischen Hanoi und Saigon.

Dafür erhielten Kissinger und Le Duc Tho den Friedensnobelpreis; Letzterer lehnte es ab, ihn anzunehmen. Die Tinte auf dem Abkommen vom 27.Jänner 1973 war kaum trocken, als die Nordvietnamesen begannen, ihren Großangriff auf den Süden zu planen. Sie wussten: Nur US-Truppen könnten Saigon retten. „Aber diese würden nicht einmal mehr dann zurückkommen, wenn wir ihnen Zuckerl anböten“, ätzte Pham Van Dong, Nordvietnams Premierminister.

Massenflucht per Hubschrauber. Ab Dezember 1974 zerrieben die Kommunisten eine Stellung der Südvietnamesen nach der anderen. „Dieser Krieg ist beendet“, erklärte US-Präsident Gerald Ford am 23.April 1975. Zwei Tage später floh Präsident Thieu nach Taiwan. Am 29.April standen die Kommunisten in Saigons Vororten und nahmen den Flughafen so heftig unter Beschuss, dass eine Flucht der verbliebenen Amerikaner und ihrer vietnamesischen Mitarbeiter per Flugzeug unmöglich war. Admiral Noel Gayler, Kommandant der US-Pazifikflotte, hatte dem überforderten und von einer fiebrigen Lungenentzündung geschwächten Botschafter Martin die Zügel aus der Hand genommen und befahl eine kühne Rettungsaktion: Binnen 18Stunden flogen 70 Marinehelikopter die rund 1000 verbliebenen Amerikaner sowie 6000 Vietnamesen aus Saigon auf Flugzeugträger aus.

Die Fregatte USS Kirk improvisierte gleichzeitig Notlandungen zahlreicher südvietnamesischer Hubschrauberpiloten, die sich und ihre Familien zu retten versuchten, indem sie auf gut Glück auf das offene Meer flogen. Jedes Mal, nachdem einer der Helikopter seine Passagiere auf dem winzigen Landeplatz der Kirk deponiert hatte, kippte ihn die Mannschaft ins Meer, um Platz für den nächsten zu schaffen; ein Vorgang, der so auch auf manch anderem US-Schiff vor der Küste stattfand.

Die Kirk mit ihrer rund 280-köpfigen Crew nahm auf diese Weise rund 200 Flüchtlinge auf. Und es sollten noch mehr werden: In der Nacht auf den 1.Mai erhielt sie Befehl, die Reste der südvietnamesischen Marine – rund 30 Kriegsschiffe, dazu Dutzende kleinere Fischerboote – zu den Philippinen zu führen. Der Pentagon-Sondergesandte Richard Armitage (2001–2005 Vizeaußenminister unter GeorgeW. Bush), der diese Operation leitete, entdeckte rasch, dass die Besatzungen ihre Frauen und Kinder mitgenommen hatten: Zwischen 20.000 und 30.000Menschen waren auf den Schiffen. Unbeschadet kamen sie Tage später in der philippinischen Súbic-Bucht an.

Dort stellte sich ein neues Problem. Diktator Ferdinand Marcos hatte das neue, unter kommunistischer Führung vereinte Vietnam anerkannt. Also konnten die Philippinen die 30 Kriegsschiffe nicht unter südvietnamesischer Flagge aufnehmen. Nun improvisierten die Offiziere der Kirk: Sie trieben 30US-Fahnen auf und veranstalteten zeremonielle Flaggenwechsel auf jedem Schiff, um so deren Rückgabe an die USA zu markieren. „Ein Marineschiff ist Hoheitsgebiet. Somit war das der letzte Rest von Südvietnam“, sagte Rick Sauter, einer der Offiziere, Jahrzehnte später zum National Public Radio.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2015)