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Josef Cap: Durchaus mit Arbeit verbunden

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Was macht Josef Cap nun eigentlich so genau im Renner-Institut? Er denkt über die Zukunft der SPÖ nach. Und dabei auch an die eigene Vergangenheit zurück. Ein Besuch - kurz vor dem 1. Mai.

Ein wenig hat es die Anmutung eines englischen Internats: der weitläufige Park mit dem Teich, das alte Gemäuer mit den Steinstufen und kleinen Säulen. Das Renner-Institut in Wien-Altmannsdorf passt nicht so wirklich zu jenem Bild, das man üblicherweise von der Sozialdemokratie hat.

Unter Bruno Kreisky wurde das verfallene Gebäude gekauft, renoviert und später um ein Hotel erweitert. Hier findet alljährlich das SPÖ-Kanzlerfest statt. Und hier hat auch Josef Cap ein neues Betätigungsfeld gefunden.

Cap ist geschäftsführender Präsident der Parteiakademie der SPÖ. Präsident ist nach wie vor Alfred Gusenbauer. Es ist eine Symbiose, die Jahrzehnte überdauerte. Als Josef Cap in den 1970ern Chef der Sozialistischen Jugend war, war Alfred Gusenbauer sein Verbandssekretär. Später war Gusenbauer der offizielle Klubchef im Parlament, Cap der geschäftsführende. Sein größter politischer Erfolg, sagt Josef Cap, sei der gemeinsame, unerwartete Wahlsieg 2006 mit Alfred Gusenbauer gewesen, womit die Regierungszeit von Wolfgang Schüssel auf ein erträgliches Maß beschränkt worden sei. „Gefolgt von der Verhinderung des AKW Zwentendorf.“ Auch da war Gusenbauer mit von der Partie.

Vor 32 Jahren, am 24. April 1983, war Josef Cap ins Parlament eingezogen – und hat es seither nie mehr verlassen. 62.457 Vorzugsstimmen hatten ihn in den Nationalrat gebracht, nachdem der SJ-Revoluzzer dem autoritären burgenländischen SPÖ-Landeshauptmann Theodor Kery auf dem Parteitag die Leviten gelesen hatte.

Zwölfeinhalb Jahre war Cap von 2001 an dann SPÖ-Klubchef im Parlament gewesen. Doch die Chemie mit dem neuen SPÖ-Vorsitzenden Werner Faymann, der auf Gusenbauer folgte, hatte nie so wirklich gestimmt. Cap musste 2013 Andreas Schieder weichen. Und wurde dafür zum Geschäftsführer des Renner-Instituts gemacht. Und – so rechtfertigte er damals die Gehaltsfortzahlung von in Summe 14.000 Euro brutto als Abgeordneter und Parteiakademie-Chef – das sei „durchaus mit Arbeit verbunden“.

Am Freitagvormittag sitzt Josef Cap beim „Moderatoren-Training“ im Renner-Institut: Funktionäre, die Veranstaltungen im Rahmen des Ideenfindungsprozesses für das neue Parteiprogramm moderieren sollen, werden geschult. Nicht von Cap selbst, dafür gibt es einen erfahrenen Genossen, der schon in den „Morgenrot“-Programmprozess der oberösterreichischen SPÖ involviert war.

Cap spricht die einleitenden Worte, hält eine Art Motivationsrede. „Wir dürfen nicht mit Angst Politik machen. Wir müssen den Menschen die Angst nehmen“, sagt er. „Angst ist eine konservative Perspektive“, zitiert er den Hamburger SPD-Bürgermeister Olaf Scholz. Auch Nicht-SPÖ-Funktionäre sollen dazu bewegt werden, ein Stück des Weges mitzugehen. Dazu brauche es auch eine klare, verständliche Sprache. „Die Zeit des Soziologen-Deutsch ist vorbei“, erklärt Cap.

Chavez-T-Shirt. Es ist eine bunt gemischte Runde – Anzugträger neben Jungfunktionär im Hugo-Chavez-T-Shirt. Und Cap schmiert ihnen auch ein wenig Honig ums Maul: Moderatoren würden später zu Erklärern in den Sektionen werden. Zu Erklärern der sozialdemokratischen Positionen. Die wichtigsten umreißt Cap in kurzen Anmerkungen. Da sei einmal die soziale Sicherheit. „Aber auch zur Leistung haben wir eine positive Grundeinstellung.“ Auch wenn immer wieder einmal das Gegenteil behauptet werde. Es gehe darum, „unser Gesellschaftsmodell“ – Stichwort Wohlfahrtsstaat –, das nach 1945 auch gemeinsam mit der ÖVP verwirklicht worden sei, weiterzuentwickeln.

Die Arbeit am neuen Parteiprogramm und die Nachwuchsarbeit – das sind die beiden Hauptaufgaben des Josef Cap im Renner-Institut. Allerdings legt er auch Wert auf die Feststellung, dass er darüber hinaus nicht nur stellvertretender Klubchef im Parlament sei, sondern auch in zehn Ausschüssen sitze, im außenpolitischen führt er etwa den Vorsitz. An der Verabschiedung von 3773 Gesetzen habe er bisher mitgewirkt. Zudem ist er noch Bezirksparteichef von Wien-Hernals. Und unlängst hat Josef Cap seine Reden, Aufsätze und Kommentare von 1983 bis 2008 in zwei Bänden – auch auf seiner Homepage einzusehen – herausgebracht. „Meine größte Stärke“, sagt Cap in aller Bescheidenheit, „ist mein Erfahrungsschatz“. Von Kreisky bis Faymann – er hat sie alle miterlebt.

Das neue Parteiprogramm nimmt den Großteil seiner Arbeitszeit ein. Derzeit finden im ganzen Land Ideen-Foren – eben auch für Nichtmitglieder offen – statt. Diese Ideen werden nach Expertenrunden von der Programmkommission gebündelt, in der Partei diskutiert und letztlich allen Mitgliedern zur Abstimmung vorgelegt. Beschlossen soll das neue Programm im Herbst 2016 auf dem Parteitag werden.


Verbrecherische Schlepper. Der Bildungsbereich sei ein zentraler Punkt, sagt Cap, der Verwaltungsstaat und nicht zuletzt das heikle Thema Migration. Es sei, wie sich nun zeige, ein Fehler gewesen, Muammar Gaddafi und Saddam Hussein zu stürzen bzw. Baschar al-Assad stürzen zu wollen – ohne zu wissen, was danach sein soll. Kein Wunder, dass die Betroffenen – auch jene einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung – nun zu wandern beginnen würden, ausgenützt auch von verbrecherischen Schleppern. Auch mit Russland müsse man einen vernünftigen Weg finden. „Denn ohne wirtschaftliche Kooperation mit Russland wird es für Europa sehr schwer.“

Josef Caps programmatisch-philosophisches Motto lautet: „Das Selbstverständliche ist nicht selbstverständlich.“ Also die Funktionsfähigkeit des Sozialstaats, der Verwaltung etc. „Wir müssen unsere österreichische Lebenskultur trotz globaler politischer und wirtschaftlicher Veränderungen weiterentwickeln, wenn wir sie erhalten wollen.“

Den programmierten Konflikt mit der Parteilinken, den Jungen von der SJ, der Sektion 8, glaubt Cap umschiffen zu können: „Ich bin gesprächsbereit nach allen Seiten. Es gehören auch alle miteingebunden.“ Und den Traum von der klassenlosen Gesellschaft, den manche Linke noch immer träumen, habe man ohnehin überwunden. „Unser Ziel ist eine Gesellschaft der Mittelschicht.“ Was einer klassenlosen Gesellschaft dann eh schon wieder recht nahe kommt.

Josef Cap

Geboren am 4. Jänner 1952 in Wien. Studium der Politikwissenschaft. Von 1978 bis 1984 Vorsitzender der Sozialistischen Jugend. Seit 1983 im Parlament. Von 1988 bis 1993 Zentralsekretär der SPÖ, von 1993 bis 1995 SPÖ-Bundesgeschäftsführer. Von 2001 bis 2013 SPÖ-Klubobmann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2015)