Kenianer Kirwa und Österreicherin Mayr gewinnen Wien-Marathon

GEPA pictures/ Christian Ort
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Der Außenseiter lief die 42,195 Kilometer im 26. Vienna City Marathon in einer Zeit von 2:08:21. Der Oberösterreicher Günther Weidlinger verpasste den österreichischen Uralt-Rekord des Tirolers Gerhard Hartmann um 17 Sekunden.

Die Oberösterreicherin Andrea Mayr hat am Sonntag ein sensationelles Marathon-Debüt auf den Pflastern von Wien hingelegt und den 26. VCM in der österreichischen Rekordzeit von 2:30:43 Stunden gewonnen. Die 29-Jährige sorgte damit für den erst zweiten Erfolg einer Österreicherin in der Donaumetropole, den ersten seit 22 Jahren. Sieger im "Rookie"-Feld der Männer war der kenianische Außenseiter Gilbert Kirwa, der die 42,195 km in 2:08:21 Stunden bewältigte, Günther Weidlinger verpasste als Neunter in 2:12:39 den Uralt-Rekord des Tirolers Gerhard Hartmann (2:12:22/1986) um 17 Sekunden.

Tag der Debütanten


Das mutige Konzept des VCM 2009, für das Elitefeld ausschließlich ausländische Debütanten zu engagieren, ist bei herrlichem Frühlingswetter voll aufgegangen, die Newcomer auf der längsten olympischen Laufdistanz schlugen sich beachtlich, die Spitzenzeit ist die drittbeste je in Wien erzielte Leistung, auf Rang zwei landete der Äthiopier Dereje Debele Tulu (2:09:08), auf Rang drei der Kenianer Joseph Maregu (2:09:25) - erstmal waren die Top Vier unter 2:10.


"Ich bin überglücklich, Wien ist anscheinend eine fröhliche Stadt, weil alle lächeln, und ich heute mit ihnen", sagte der 23-jährige Kirwa, der heuer bei einem Halbmarathon in Eldoret in 1:02:45 Dritter geworden war. Er trat erst das zweite Mal außerhalb seiner Heimat Kenia an - im März 2008 machte er in Seoul den Pacemaker für Jason Mbote, der Zweiter wurde. Erst im Februar entschied er sich, selbst einen Marathon zu bestreiten.

"Es war Maßarbeit"

Der Gewinner präsentierte sich wortkarg, die Siegerin indes fasste ihr Glück ausführlicher in Worte. "Wahnsinn, ich bin glücklich! Das war Maßarbeit! Ehrlich gesagt, ich bin auf österreichischen Rekord losgelaufen. Ich habe das vorher aber nicht gesagt, weil ich mich danach nicht für eine 2:31 rechtfertigen wollte", sagte die Medizinerin, die sich im Vorfeld nicht in die Karten schauen ließ. Große Unbekannte war nicht nur der Marathon, sondern auch das verletzte und dick getapte linke Bein, bei dem sie sich bedankte, dass es sie ins Ziel getragen hatte.

Kann Gradwohl kontern?

Die bisherige österreichischen Frauen-Bestmarke stand bei 2:30:51, aufgestellt von der Steirerin Eva Maria Gradwohl am 13. April 2008 in Linz. Man darf gespannt sein, ob die Olympiateilnehmerin am 17. Mai kontern wird. Der zuvor einzige Wien-Sieg einer Österreicherin ging auf das Konto von Carina Weber-Leutner (1987), die am Sonntag als 48-Jährige und unter ihrem jetzigen Namen Carina Lilge-Leutner in 2:51:11 Neunte und zweitbeste des Gastgeberlandes wurde. Hinter Mayr waren die Äthiopierinnen Derbe Godana Gebissa (2:31:31) und Hayato Zeineba Hasso (2:34:01) auf den Ehrenplätzen gelandet.

Mit dem österreichischen Rekord unterbot Andrea Mayr das WM-Limit für Berlin von 2:35 deutlich, die Athletin, die in der Vergangenheit bei Bergläufen, über 3.000 m Hindernis, bei Treppenläufen und im Duathlon erfolgreich war, plant auch einen Start bei den Welttitelkämpfen, hat aber einige andere Optionen, so auch die Berglauf-EM in Telfes. Die WM in Berlin hat Weidlinger fix nicht eingeplant, obwohl er die von ihm verlangten 2:14 ebenfalls locker knackte. Der 31-Jährige will stattdessen einen Herbstmarathon bestreiten.

Im Ziel hatte es für den ÖLV-Rekordler auf zahlreichen Strecken für den neunten Platz gereicht, womit er gut leben konnte. "Mit der Zeit bin ich aber nicht zufrieden", sagte Weidlinger selbstkritisch, diese Meinung relativierte sich dann aber schnell. "Es ist nur eine Frage der Zeit, wann ich den Rekord laufe, aber es wird mindestens ein halbes Jahr dauern."

Weidlinger war mit einem konservativen Plan in den Marathon gegangen und hatte sich lange exakt daran gehalten. Der Rekord war das Ziel gewesen, so Weidlinger, hätte er gesagt, er wolle 2:14 laufen, hätte ihm das niemand geglaubt. Zu seiner Unterstützung war auch Judoka Sabrina Filzmoser angereist, die am Freitag in Tiflis um EM-Gold kämpfen wird und dafür gute Stimmung einfangen wollte.

"Vier unter 2:10, das ist eine Neuheit für Wien. Es war ein hochklassiges Feld, wir hatten noch nie so lange eine so kompakte Gruppe bei den Männern. Das Frauenrennen war überraschend, da haben wir mit anderen Damen gerechnet, die um den Sieg laufen wollten. Aber das Ergebnis hätte man sich für Österreich nicht besser vorstellen können", freute sich auch Rennleiter Mark Milde über den Rennausgang.

Schlusskilometer waren entscheidend


Die entscheidenden Sekunden gewonnen bzw. verloren haben Mayr und Weidlinger auf den letzten zwei Kilometern. "Da habe gemerkt, jetzt wird's zach", erklärte Mayr, die drei Kilometer vor dem Ziel eigentlich schon die Rekordmarke von Eva-Maria Gradwohl (2:30:51/13. April 2008 in Linz) "abgeschrieben" hatte. "Da es für mich aber noch immer um den Sieg ging, habe ich aufgehört, an die Zeit zu denken und dadurch hat sich die Verkrampfung gelöst."

Und auf der Ringstraße hat Mayr dann auf einmal den "entscheidenden Push" bekommen. "Da habe ich gewusst, dass mich die Leute heim ins Ziel tragen werden", betonte die 29-jährige Medizinerin, um dann noch lachend anzumerken: "Dieser Rekord war Maßarbeit."

Allerdings war ihr Marathon-Debüt am seidenen Faden bzw. an einem vom intensiven Training enorm angeschlagenen linken Unterschenkel bzw. Fuß gehangen. "Vor etwas mehr als fünf Wochen, als mir jedes Training extrem wehgetan hatte, ließ ich eine Magnetresonanz-Untersuchung machen", verriet die Gewinnerin, die vor dem Marathon sämtliche Fragen nach ihrem lädierten Bein abgewehrt hatte. Auch für Fragen nach der angestrebten Zeit hatte sie nur ein "Quält mich nicht" als Standard-Antwort übrig.

Die MR-Diagnose war damals vernichtend, wie Mayr beim Siegerinterview verriet. In ihrem linken Bein bzw. Fuß ist so viel kaputt, dass man schon ein Fachmann sein muss, um alles zu verstehen. "Es war ein klassisches Überlastungssyndrom: Knochenmarksödem mit Stressfraktur im Schienbein, gerissene Sehne, dazu auch noch die Achillessehne verletzt und und und", erläuterte die SVS-Athletin, die ihr Antreten in Wien mit einem Schlag in Gefahr sah.

Auslöser für dieses kaputte linke Bein war eine ältere Verletzung. "Ich habe mir einmal den großen Zehenbeuger gerissen, das war vor längerer Zeit. Das ist ein Muskel, der das Fußgewölbe stabilisiert", verriet Mayr. Und durch das harte Marathon-Training wirkte sich dieser fehlende Stabilitätsfaktor verheerend auf das Bein aus. "Ich muss deshalb meinem linken Fuß danken, dass er mich ins Ziel getragen hat. Die letzten Kilometer waren aber sicher auch ein Sieg des Kopfes über den Körper", merkte Mayr an, die nun ihrem blessierten Bein "einige Wochen" wohlverdiente Pause gönnen muss, bevor sie sich Gedanken über die weiteren Saisonziele machen kann.

Bei Weidlinger war ein solcher mentaler Kraftakt nicht mehr möglich. "Ab Kilometer 35 musste ich extrem kämpfen. Bis Kilometer 40 ist mir das gelungen. Doch dann ist es mir extrem schlecht gegangen, weil meine Füße extrem kaputt waren. Ich bin mit dem letzten Benzin ins Ziel gekommen und hatte am Ende Mühe, mich überhaupt auf den Beinen zu halten", beschrieb der 31-jährige Oberösterreicher seine Eindrücke auf den letzten Metern, ehe er seiner ersten Enttäuschung - "Ich war um 18 Sekunden zu langsam! Gerhard hat um 100 Meter gewonnen" - um den so knapp verpassten Hartmann-Rekord Luft machte.

"Es tut mir so leid", versuchte auch Mayr ihren Landsmann zu trösten. Mit entsprechendem Abstand konnte sich Weidlinger dann aber doch ein wenig über seine tolle Debüt-Leistung und die bisher zweitbeste Zeit eines Österreichers freuen. "Ich bin sicher, dass es mit dem Rekord klappen und einmal in den Ergebnislisten stehen wird: Günther Weildinger 2:0 und irgendwas", dachte der ehemalige Hindernis-Spezialist bereits an seine großen Marathon-Ziele für die Zukunft. Wie man es macht, hat Weidlinger am Sonntag bei Mayr gesehen. Um ihr Finish mitverfolgen zu können, unterbrach er sogar die ersten Interviews.

(APA)

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