Schnellauswahl

Ein junges und hochaktives Riesengebirge

Der Himalaja wächst erst seit 40 bis 50 Millionen Jahren, das ist erdgeschichtlich gesehen sehr jung. Die Kräfte, die ihn dennoch das höchste Gebirge werden ließen, machten ihn auch tektonisch äußerst brisant.

Für geologische Verhältnisse ist der Himalaja, der sich vom Grenzraum Nordpakistan/Nordwestindien (in der Region Jammu und Kaschmir) über rund 2500 Kilometer in flachem Bogen entlang der indisch-chinesischen (tibetischen) Grenze, durch Nepal und Bhutan bis Burmas Nordspitze zieht, ein Jungspund: Es ist „erst“ 40 bis 50 Millionen Jahre her, dass die von den tektonischen Kräften der Erde getragene Indische Kontinentalplatte mit einer Geschwindigkeit von neun bis 15 Zentimetern pro Jahr in die weit größere Eurasische Platte gekracht ist; die Kollisionszone hat sich seither zum höchsten Gebirge der Welt mit den meisten 8000ern aufgefaltet. Zum Vergleich: Die weit kleineren Alpen begannen schon vor rund 140 Millionen Jahren zu wachsen.

Tatsächlich wandert die Indische Platte mit vier bis sieben Zentimetern pro Jahr gen Norden weiter, drückt sich unter die Eurasische Platte und hebt den Himalaja und nahe Bergregionen wie den Karakorum und das Hochland von Tibet um fünf bis zehn Millimeter jährlich. Kein Wunder, dass das so junge und schon so hoch aufgeschossene Gebirge zu den geologisch aktivsten Regionen zählt: Beben sind sehr häufig, wenngleich angestaute Kräfte sich meist in schwachen bis mäßigen Erschütterungen entladen, oft nicht spürbar. Zudem sind weite Teile der maximal 350km breiten Gebirgskette dünn bis nicht besiedelt, Beben bleiben also oft folgenlos.

 

Muren als Todesbringer

Daher war Nepal, dessen Gebiet sogar im Zentrum der Kollisionszone liegt (Wandergeschwindigkeit hier etwa 43mm/Jahr), von Großkatastrophen bisher verhältnismäßig verschont geblieben. Seit 1900 hatte es ein halbes Dutzend Beben der Stärke 6 und mehr gegeben, die aber meist folgenreich waren: 1988 starben (Bebenstärke 6,9) etwa 1500 Menschen; besonders schlimm war das Nepal-Bihar-Beben von 1934 (Stärke 8,2), bei dem über 10.600 Menschen in Nepal und Nordindien starben, ganze Städte wurden zerstört. Vor allem Schlamm- und Gerölllawinen erwiesen sich (im Hochgebirge nicht unerwartet) als Todesbringer; es hieß sogar, dass der Boden sich „verflüssigt“ habe.

Außerhalb Nepals starben 1905 beim Kangra-Beben (7,5) in Nordwestindien nahe Kaschmir über 20.000 Menschen, während das stärkste bisher im Himalaja gemessene Beben, das Assam-Beben von 1950 in Nordostindien an der Grenze zu China und Burma, trotz Magnitude 8,6 „nur“ 1500 bis 3000 Todesopfer forderte. Das stärkste global gemessene Beben war übrigens jenes von 1960 in Chile (Magnitude 9,5, 1600–2000 Tote).

2012 wurden Studien publiziert, wonach im Himalaja seit 1255 mindestens zwei enorme Beben (darunter jenes von 1934) ganze Regionen bis zur Oberfläche zerrissen hätten– und gerade in Gebieten, die jetzt als geologisch besonders intakt bzw. kompakt gelten, künftig Beben von Magnitude 8 aufwärts möglich seien. (wg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2015)