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Ein Prediger gegen den Konsumismus

Reverend Billy, am 24.April beim Donaufestival, wettert gegen die Welt der Kaufhäuser.

„Konsumiert, denn damit können wir den Terrorismus bekämpfen“, riet Rudy Giuliani, republikanischer Bürgermeister von New York zur Zeit der Anschläge auf das World Trade Center. An so etwas kann heute niemand mehr glauben. In Zeiten der globalen Finanzkrise macht sich deshalb ein Kandidat von ganz anderer Statur an die Eroberung des Amtes: Billy Talen alias Reverend Billy eröffnete am 18.April sein Campaign Office.

Er ist Kandidat der Green Party. Seinen Wahlkampf wird er unter dem Slogan „The Rise of The Neighborhoods“ führen. Seine Kandidatur war sogar dem „Wall Street Journal“ am 16.April eine große Story wert. Höchst erstaunt berichtete sie davon, dass Reverend Billys Kirche allen Ernstes glaubt, „dass die Regierung eine moralische Verpflichtung hat, den Kommunen vor den Großbanken zu helfen.“


Gegen Sweatshops in Übersee

Seine Ochsentour zur prinzipiellen Neuorientierung der Amerikaner startete Talen 1996 als Soloperformancekünstler. Bald war er, wiewohl kein bekennender Christ, bekannt als Reverend Billy, Leiter der „Church of Life After Shopping“, die mit dem 35-köpfigen „Stop Shopping Gospel Choir“ wohltönend schwieriges Gedankengut kommunizierte. Bevor es ihn in die politische Arena drängte, predigte er in den Asphaltschluchten Manhattans. Mal auf Verkehrsinseln wie dem Times Square, dann wieder direkt in klimatisierten Filialen von Chainstores wie Wal-Mart, Victoria's Secret und Starbucks. Im Falle einer Verhaftung nützte er seine Zeit auch auf Polizeiwachen und in Gefängnissen. Rastlos agitiert er gegen Sweatshops in Übersee, gegen schlechte Arbeitsbedingungen in den USA, vor allem aber gegen die anerzogene Mentalität, dass der Mensch mit Konsum seine Persönlichkeit definieren oder erweitern könnte.

Reverend Billy fordert die radikale Hinterfragung von Markenfetischismus und Logowahn. Klugerweise kommuniziert er die prinzipielle Verführbarkeit der Menschen mit verführerischen Mitteln. Etwa mit Musik. Sein sehr soulful klingendes Album „The Shopocalypse“ geht mit Songs wie „How Can You Raise A Child?“ an die Wurzeln: „Mickey Mouse in baby's bed, big eyes, big ears, a bursting head – when baby screams, the money flows, when baby dreams, a soul is sold.“ So lenkt Reverend Billy die Aufmerksamkeit dahin, dass Warenästhetik und Markenimages schon im zarten Kindheitsalter damit beginnen, den Traum von zusätzlichen Möglichkeiten zu nähren. Derart sozialisiert, will man einer Existenz dann mehrere Leben abtrotzen. Um das zu erreichen, ist man ständig auf der Suche nach Produkten, die als eine Art multioptionaler Joker das eigene Selbst transzendieren.


„Die Supermodels fliegen weg...“

Reverend Billy will solche Fiktionsräume des Konsumismus abgelöst wissen: „The supermodels fly away and we're left with our original sensuality. So we are singing and preaching for local economies and real – not mediated through products – experience.“

In seinem höchst amüsanten, vehement gegen die Disneyfizierung der Welt angehenden Buch „What Should I Do If Reverend Billy Is in My Store“ sieht er im Grätzel gar revolutionäres Potenzial. Anders als in der Welt der Kaufhäuser, wo man ständig in Bewegung sein muss, um nicht verdächtig zu erscheinen, kann sich an den Straßenecken der Neighbourhoods ein neuer, alter Geist entwickeln. Im Austausch von Geschichten und Ideen entsteht womöglich jenes individuelle, vielleicht sogar subversive Lachen, auf das es ankommt. Und das ist ganz weit von dem entfernt, was Marktforscher erheben. Reverend Billy: „They do expensive smile research. Then they broadcast smiles back at us until we're depressed.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2009)