Andrea Mayr siegte in Wien mit neuem österreichischen Rekord. Die 29-Jährige gewann als erste Österreicherin seit Carina Weber-Leutner 1987 den Vienna City Marathon (VCM) in der Zeit von 2:30:43 Stunden.
Wien. Es war eine gewisse Portion Understatement dabei, als Andrea Mayr vor ihrem allerersten Marathon mit der österreichischen Rekordzeit partout nicht in Verbindung gebracht werden wollte. „Quält mich nicht damit“, hatte sie beharrlich gemeint. Auf der Ehrenrunde am blauen Teppich des Zielbereichs auf dem Heldenplatz war ihre Freude über den Doppelschlag umso größer: Die 29-Jährige gewann als erste Österreicherin seit Carina Weber-Leutner 1987 den Vienna City Marathon (VCM) in der Zeit von 2:30:43 Stunden. Wohlgemerkt bei ihrem Debüt über 42,195 Kilometer. Allerdings: Als Berglauf-Weltmeisterin, Treppenläuferin und 3000-Meter-Hindernis-Spezialisten kannte sie Siegesfeiern aus eigener Erfahrung.
Dabei hatte Mayr, der es auf den ersten drei Vierteln der Strecke „super“ gelaufen war, drei Kilometer vor dem Ziel den Rekord innerlich abgeschrieben. „Das hat mich ein wenig traurig gemacht.“ Weil es für sie aber auch um den Sieg ging, konnte sie nicht aufhören, über die Zeit nachzudenken: „Dadurch hat sich die Verkrampfung gelöst.“ So, dass sie auf der ansteigenden Ringstraße die letzten Reserven aus sich herausquetschen und doch noch mit der auf Rekordzeit getrimmten Marschtabelle Schritt halten konnte. „Dieser Rekord war Maßarbeit“, resümierte die Medizinerin.
Schwer lädiertes linkes Bein
Dabei hatte im Finale jeder Tritt geschmerzt. Vom intensiven Training waren der linke Unterschenkel und der linke Fuß schwer angeschlagen. Eine Magnetresonanz vor gut fünf Wochen hätte das Abenteuer Marathon beinahe beendet. Die klassischen Überlastungssyndrome zeigten sich: Knochenmarksödem mit Stressfraktur im Schienbein, eine gerissene Sehne und eine beleidigte Achillessehne. „Ich muss deshalb meinem linken Fuß danken, dass er mich ins Ziel getragen hat – danke lieber Fuß“, sagte die völlig enthusiasmierte Siegerin im Ziel.
Als Rekordhalterin löste sie Eva-Maria Gradwohl ab. Die Steirerin hatte im Vorjahr in Linz in 2:30:51 Stunden das Ticket für Olympia in Peking gelöst. Als Schrittmacher hatten ihr damals Peter Fankhauser und Thomas Bosnjak Beine gemacht. Auf dieses Duo vertraute auch Andrea Mayr. „Sie hat ihren Plan sehr toll eingehalten“, lobte Fankhauser, Chefpatissier in einem Ischgler Hotel. Er selbst habe zwar noch Reserven gehabt, meinte Leistungsdiagnostiker und Trainer Bosnjak, aber schließlich sei es darum gegangen, sich ganz in Mayrs Dienst zu stellen.
Begeistert von der Leistung war auch ihr Trainer Hubert Millonig, der in früheren Jahren schon VCM-Organisator Wolfgang Konrad oder Olympiateilnehmer Michael Buchleitner betreut hatte. Auch wenn er bei Kilometer 40 Bedenken hatte, ob Mayr den Rekord wirklich packen würde. „Manchmal läuft es ganz gut und dann holt dich der Krambambuli.“ Mayr aber habe den Durchhänger überwunden, „Kämpferqualitäten bewiesen und gezeigt, wie unglaublich stark sie im Kopf ist.“ Genau diese mentale Stärke sei mit ein Grund, warum die Zusammenarbeit so gut funktioniere.
Am Ende ihrer Marathonentwicklung sieht Millonig Mayr noch lange nicht. „Reserven im Trainingsumfang hat sie zwar kaum, in der Trainingsqualität aber sehr wohl“, sagt der seit Herbst pensionierte Sporthauptschullehrer. Er meint damit, dass aus Intervall- und Tempoeinheiten durchaus noch mehr Kapital zu schlagen wäre. Ob und wann sie den nächsten Marathon bestreiten wird, wollte Millonig – auch angesichts der Verletzungen – offen lassen.
17 Sekunden zu langsam
Ganz im Gegenteil zu Andrea Mayr hatte Günther Weidlinger für sein Marathondebüt eine Rekordjagd angekündigt. Der Uraltrekord von Gerhard Hartmann (2:12:22), aufgestellt vor 23 Jahren in Wien, sollte fallen. Am Ende fehlten dem Exhindernisläufer 17 Sekunden auf die österreichische Bestzeit. Völlig ausgepumpt kam Weidlinger nach 2:12:39 Stunden auf dem Heldenplatz an. „Ich war zu langsam, Gerhard hat um 100 Meter gewonnen“, sagte Weidlinger, der im Ziel von Rekordhalter Hartmann erwartet wurde. Der Druck, den Rekord zu brechen, sei sehr groß gewesen.
Jener Kraftakt, der Andrea Mayr auf den letzten beiden Kilometern gelungen war, war Weidlinger nicht mehr möglich. „Nach 40 Kilometern ist mir dann der Saft ausgegangen, meine Füße waren extrem krampfig und ich wurde immer langsamer.“
Weidlinger hatte sich für seinen ersten Marathon genaue Zeitvorgaben zurechtgelegt. Er wollte den Fehler vermeiden, zu schnell ins Rennen zu starten. Bis Kilometer 35 wurde er von Tempomachern begleitet, ab diesem Zeitpunkt wollte der 31-Jährige Tempo zulegen. Aber: „Ab Kilometer 35 musste ich extrem kämpfen. Bis dahin lief alles nach Plan, plötzlich hatte ich starke Schmerzen in den Beinen.“ Die frühlingshaften Temperaturen hätten ihn nicht behindert, auch „das Publikum war grandios. Es war alles perfekt, bis auf meine Füße.“ Richtig glücklich war Weidlinger mit seiner Leistung im Ziel noch nicht, aber „mit Platz neun kann ich zufrieden sein“.
In den nächsten zehn Tagen wird sich Weidlinger in der Therme Bad Tatzmannsdorf von den Strapazen erholen. Danach will sich der Oberösterreicher auf seine nächsten Rennen vorbereiten: „Im Herbst möchte ich noch einen Marathon absolvieren, und in einem Jahr werde ich wieder in Wien starten.“ Dass er den Hartmann-Rekord in den nächsten Jahren brechen wird, daran zweifelt Günther Weidlinger nicht.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2009)