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Schulmeister-Affäre: „Die Causa Zilk ist viel gravierender“

(c) APA (Heinz Tesarek)
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Siegfried Beer, der das CIA-Dossier über Otto Schulmeister aufgestöbert hat, bewertet den Fall. Im Dossier heißt es, dass Schulmeister Leitartikel argumentativ nach den Wünschen des US-Geheimdienstes ausgerichtet habe.

WIEN Für den Zeitgeschichteprofessor Siegfried Beer ist der „Geheimdienstfall Zilk viel gravierender als der Geheimdienstfall Schulmeister“. Der Grazer Forscher war es, der im letzten Sommer das CIA-Dossier über den 2001 verstorbenen früheren „Presse“-Chefredakteur Otto Schulmeister in einem US-Archiv entdeckt und die 92 Seiten fotokopiert hat. Das Nachrichtenmagazin „profil“ machte daraus eine Titelgeschichte.

Der frühere Wiener Bürgermeister Helmut Zilk war posthum in die Schlagzeilen gekommen, weil Dokumente über seine Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst der kommunistischen Tschechoslowakei aufgetaucht waren. Beer: „Zilk hat von den tschechoslowakischen Geheimdienstlern Geld genommen, und er hat immer über seine Informantentätigkeit gelogen. Schulmeister dagegen hat von den CIA-Leuten nie Geld genommen.“ Für Beer gibt es dabei keinen Zweifel, dass Schulmeister immer genau wusste, mit wem er da Informationen austausche.

 

Ein „Kulturkampf“ in Wien

Für den Geheimdienstexperten wirft das CIA-Dossier zu Schulmeister ein Schlaglicht darauf, wie scharf die Auseinandersetzung zwischen dem freien Westen und dem Kommunismus im Kalten Krieg gerade auch in Wien ausgetragen wurde: „Der Fall zeigt, wie erfolgreich die Amerikaner in diesem Kulturkampf waren.“ Die CIA habe auch Konfidenten im ORF, „Kurier“, „Wochenpresse“ und „Salzburger Nachrichten“ sitzen gehabt; deren Namen wurden in den US-Dokumenten unkenntlich gemacht.

Beer hält das Schulmeister-Dossier für „keine so große Story“. Der Hintergrund des Kalten Krieges erkläre eben, dass auch Journalisten sich auf einer Seite engagiert hätten – „und für viele war der Westen die richtige Seite“. Etwas anderes sei jedoch, wie sich die Behauptung, journalistische Unabhängigkeit zu vertreten, mit der Zusammenarbeit mit einem Geheimdienst vereinbaren lasse: „Da sehe ich ein ethisches und moralisches Problem.“

Im Dossier heißt es, dass Schulmeister – er war „Presse“-Chefredakteur von 1961 bis 1976 – Leitartikel argumentativ nach den Wünschen des US-Geheimdienstes ausgerichtet und amerikakritische Geschichten in der „Presse“ unterdrückt habe. Schulmeister selbst gab seinen CIA-Kontaktleuten laut Dossier Infos aus Hintergrundgesprächen mit heimischen Politikern und Botschaftern von Ostblockstaaten weiter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2009)