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Nepal: „Riesige Felsblöcke flogen vorbei“

epaselect KATHMANDU EARTHQUAKE
KATHMANDU(c) APA/EPA/ABIR ABDULLAH (ABIR ABDULLAH)
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Nach dem Beben vom Samstag hat eine Flucht aus Kathmandu und dem Bergland in die Ebenen im Süden eingesetzt. Viele Dörfer sind zerstört, eine Ärztin aus Österreich schildert die Lage.

"Wir waren auf dem Weg ins Dorf Phulpingkot, als es anfing. Riesige Felsblöcke flogen an uns vorbei, plötzlich war eine Staubwolke über der Stadt unter uns, und wir hörten Menschen schreien. Wir kamen dann an vielen Häusern vorbei, die völlig zerstört waren, es gab viele Tote. Wir gingen zum Gesundheitsposten und behandelten in den nächsten Stunden mehrere Kinder mit schweren Kopfverletzungen.“

Die österreichische Ärztin Gerda Pohl, die seit vielen Jahren in Nepal lebt, für die NGO Phase (Practical Help Achieving Self Empowerment) tätig ist und von dort berichtet, kämpft seit dem Beben der Stärke 7,8 vom Samstag an vorderster Front der Bergungs- und Hilfsarbeiten. Phulpingkot, rund 50 Kilometer östlich Kathmandus, liegt in 1900 Metern Höhe an einem Steilhang und ist einer der Orte, wo Phase in Nepal tätig ist. Pohl fuhr später nach Kathmandu, um unter anderem Hilfe und Hubschrauberflüge zu organisieren, hieß es seitens des österreichischen Zweigs der NGO, Phase Austria, im Gespräch mit der „Presse“.

Die Ärztin erzählt, dass stellenweise 90 Prozent der Häuser zerstört seien und jeder Haushalt mindestens einen Toten zu beklagen habe; viele Nutztiere seien verendet, in der Nacht werde es kalt und man brauche vor allem Decken, Heizmaterial und Nahrung.

Massenflucht in die Ebene

Tausende Menschen verließen am Montag das Kathmandu-Tal und höher gelegene Gebiete, sie ziehen in die tiefere Terai-Ebene an der indischen Grenze. Dort hat das schwere Beben vom Samstag geringere Schäden verursacht, und es ist wärmer. Sie flohen auch vor Nachbeben und Versorgungsengpässen. Aufnahmen von Ausfallstraßen, die aus Kathmandu führen, zeigten Kolonnen von Bussen, Autos und Lkw. Bis Montagabend wurden mindestens 4100 Tote aus eingestürzten Gebäuden und Muren geborgen, man rechnet insgesamt mit mehr als 5000 Toten.

Auf dem Flughafen von Kathmandu bildeten sich Schlangen von Einheimischen und Touristen, die ausfliegen wollen; der Flugverkehr läuft auch wegen der Nachbeben nur sehr eingeschränkt, viele Ausreisewillige stecken vorerst fest. Indien begann, seine Bürger in Transportflugzeugen der Luftwaffe auszufliegen. Ausländische Rettungsteams trafen am Montag ein, etwa aus Neuseeland, Australien, den USA und Großbritannien; Japaner, Chinesen und Inder sind bereits vor Ort, am Montag kamen auch erste Helfer aus Österreich.

In Kathmandu und anderswo campierten die meisten Menschen auch am Montag in Zelten und unter Planen im Freien. An die 60 Nachbeben haben die Region bis Montagabend erschüttert. Manche von ihnen ließen Gebäude einstürzen. Nach einer verregneten und kühlen Nacht besserte sich am Montag zumindest das Wetter. Die Regierung sagte, man werde binnen Tagen die Stromversorgung wiederherstellen. Der Mobilfunk funktioniert vorerst kaum.

Die Versorgungslage ist weiter heikel. Berichten indischer Medien zufolge haben zumindest in Kathmandu wieder einige Geschäfte geöffnet. NGOs und Nepals Regierung wiesen aber darauf hin, dass es an Trinkwasser und an Lebensmitteln mangelt. Die Krankenhäuser sind überlaufen, viele Eingriffe finden im Freien statt, Medikamente werden knapp.

Ruinen auf Berghängen

Nepals Militär weitete mithilfe indischer Truppen die Aufklärungs- und Rettungsbemühungen auf die Region um das Epizentrum des Bebens nordwestlich von Kathmandu aus. Erkundungsteams, die tief ins Gebirge geflogen waren, berichteten von erschütternden Szenen. Ganze Dörfer seien zerstört worden. Auf Fotos, die „Die Presse“ von Phase Austria erhielt, sieht man viele große Schutthaufen auf steilen grünen Berghängen – das waren einmal Häuser.

Am Mount Everest sitzen weiterhin hunderte ausländische Bergsteiger und Sherpas fest. Dort sind durch das Beben mehrere Lawinen abgegangen, die mindestens 19 Menschen getötet haben. Wegen des besseren Wetters konnten Hubschrauber beginnen, Menschen von dort wegzufliegen. Wegen der dünnen Höhenluft können bei den aktuell eingesetzten Maschinen aber nur jeweils zwei Passagiere mitfliegen, was die Evakuierung verlängert. Auch aus anderen Landesteilen trafen Berichte von Wanderern ein, die wegen des Bebens festsaßen.

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef erklärte, eine Million Kinder seien von den Folgen des Bebens betroffen und nun dem Risiko von Seuchen ausgesetzt. Nepals Regierung beschloss am Montag, den landesweiten Schulbetrieb wiederaufzunehmen. Das soll dazu beitragen, dass sich die chaotische Lage etwas normalisiert.

USA geben zehn Millionen Dollar

Die USA haben angekündigt, ihre Nothilfe auf zehn Millionen Dollar (9,19 Millionen Euro) zu erhöhen. US-Außenminister John Kerry verkündete die Summe am Montag in New York und sprach der Bevölkerung des Himalaya-Staates sein Mitgefühl aus. Die Bilder der Zerstörung seien "herzzerreißend".

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat um zusätzliche Mittel für Hilfseinsätze gebeten. Für die weitere Nothilfe brauche man dringend rund fünf Millionen Dollar (4,6 Millionen Euro), erklärte die UN-Sonderorganisation am Montag in Genf.

Weltkulturerbe soll wiederaufgebaut werden

Die vom Erdbeben zerstörten Welterbestätten sollen wiedererrichtet werden. "Wir sind relativ zuversichtlich, dass sich viele Anlagen wiederaufbauen lassen", sagte der Unesco-Repräsentant in Kathmandu, Christian Manhart, am Montag der dpa. "Wie haben unzählige Fotos der Anlagen und für alles detaillierte Pläne und Messungen", sagte der Experte.

Das werde aber Jahrzehnte dauern und viel Geld kosten. Nicht alle der sieben Unesco-Welterbestätten seien zerstört. Am schlimmsten habe es die Plätze mit den Palästen der einstigen Königsfamilien getroffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2015)