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Staatsoper: So lustig schrecklich ist das Eheleben

FOTOPROBE: ´DON PASQUALE´ IN DER STAATSOPER
FOTOPROBE: ´DON PASQUALE´(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Brook hat nach drei Jahrzehnten in einer frisch-frechen Neuinszenierung Donizettis „Don Pasquale“ ins Repertoire zurückgeholt und in eine Art Opern-Cartoon verwandelt, der musikalisch wie szenisch amüsiert.

Wie ist eigentlich der gute Don Pasquale zu seinem Reichtum gekommen? Falls sich jemand diese Frage gestellt haben sollte: Noelle Ginefri-Corbel, die Bühnenbildnerin der Donizetti-Neuinszenierung an der Staatsoper, beantwortet sie im Verein mit Kostümschneiderin Sylvie Martin-Hyszka schon vor Beginn der Ouverture: Bei offenem Vorhang tummelt sich eine Katzenjammer-Gesellschaft in einem reichlich abgewohnten Nachtclub.

„Don Pasquale“ spielt also, wie sich Donizetti das seinerzeit gewünscht hat, in der Gegenwart. Diesfalls natürlich nicht in seiner, sondern in unserer. Doch scheint das Regisseuse Irina Brook Aktualisierung genug zu sein. Die Geschichte vom geprellten Hagestolz, der auf seine alten Tage gern ein junges Mädchen ehelichen würde, schnurrt auch in diesem Ambiente ab wie ein klassisches Komödienuhrwerk: mit allen Versatzstücken der Buffo-Oper.

Wobei sich die tollpatschigen Überzeichnungen im „Hochzeits“-Finale zur veritablen Slapstick-Farce verdichten. Mindestens zehnmal verliert der Bräutigam im Zuge der eitlen Werbung und der folgenden furiosen Verwandlung der vermeintlichen Klosterschwester in einen hysterischen Konsum-Tsunami seine Perücke.

 

Belcanto in allen Stockwerken

Die Gags und Pointen sind allerdings meisterlich arrangiert und auf die Spitze getrieben und entsprechen damit der musikalischen Farce von Donizettis Partitur. Die ist das Werk eines reifen Meisters aus dem Jahr 1842 – nur noch zwei weitere Titel nennt der überreiche Werkkatalog des genialen Vielschreibers, bevor die geistige Umnachtung ihn zum Aufgeben zwang. Fünf Jahre nach der Uraufführung ist Donizetti in völlig zerrüttetem Zustand gestorben.

Sein komödiantisches Meisterstück „Don Pasquale“ ist nicht einfach ein hervorragendes Detail der langen Geschichte der Opera buffa. Er ist, historisch betrachtet, ihr letzter Gipfelpunkt, eine komische Oper über die komische Oper sozusagen, denn Donizetti gebietet (wenn man so will als Erbe Rossinis) längst virtuos über alle musikalischen und dramaturgischen Topoi dieses Genres, reichert sie fantasievoll an, weitet sie aus – wobei er die Orchestersprache ungemein raffiniert verfeinert: Ununterbrochen wechseln die Klangfarben, die Bläsersolisten müssen so heikle Koloraturen absolvieren wie die Vokalartisten auf der Bühne; Belcanto in allen Stockwerken.

Eine Meisterleistung absolviert an diesem Premierenabend Jesús López-Cobos als veritabler Maestro concertatore e direttore d'orchestra: Gesungen und musiziert wird rasant, mit Verve und Witz; und nicht das kleinste Sandkorn lässt das Komödienräderwerk stocken.

 

Verspielte Orchesterkommentare

Das Orchester liefert lustvoll-verspielt den Kommentar zum agilen Bühnenleben. Michele Pertusis Don Pasquale lässt gleich in der ersten Szene erkennen, dass er sich nicht nur auf den Schöngesang verlegen, sondern auch jede der minutiösen, oft zungenbrecherischen rhetorischen Aperçus auskosten wird: in den Ensemblesätzen, beiseitegesprochen oder im eloquenten Duett mit Alessio Arduini, dem nicht minder eloquenten Drahtzieher der Intrige, Doktor Malatesta. Vor dem Vorhang absolvieren die beiden ein regelrechtes Duell nach Sechzehntelnoten; das Dacapo nach dem zu erwartenden tosenden Applaus ist gleich effektsicher mitinszeniert ...

 

Juan Diego Flórez brilliert

Überhaupt bekommt das Publikum, das sich einen spaßigen Abend erwartet, alles Nötige geliefert – und noch manche Zuwaag' fürs Gemüt, denn Juan Diego Flórez ist der Ernesto. Den unstrittig führenden Belcanto-Tenor unserer Tage beschenkt Donizetti mit den lyrischen Höhepunkten dieses Werks, und Flórez nützt seine Chance, nicht nur seine legendären, schier unfehlbaren Spitzentöne strahlend zu platzieren, sondern auch sensible, expressive melodische Linien zu modellieren.

Die „Serenade“ kurz vor dem Finale wird, ganz abgesehen von der köstlichen poppigen Stilisierung mit zwei spiegelbildlich gitarrezupfenden „Groupies“, zu einem vokalen Höhepunkt des Abends. Bewundernswert, dass und wie es Valentina Naforniţa gelingt, im folgenden Duett den belkantesken Fehdehandschuh aufzunehmen. In Sachen stimmlicher Modulationsfäigkeit, Pianokultur wie in der Koloristik vermag sie mit dem scheinbar übermächtigen Partner mitzuhalten.

Die Regie macht diese Norina zu einer Schauspielerin, was erklärt, warum sie mit so viel Professionalität die Verstellungskünste der Vermählungszeremonie ausspielt. Dass sie nach der schicksalhaften Ohrfeige, die Norina dem Don Pasquale verpasst, durchaus auch mitfühlende Töne hörbar werden lässt, spricht für die Aufmerksamkeit, mit der man an diesem Abend auch Donizettis Zwischentöne beachtet.

Klamauk ja, aber in dieser Komödie klopft auch das Herz, nicht nur das Metronom zielsicherer dramaturgischer Timing-Arbeit, an der auch Wolfram Igor Derntl als Notar, die beiden Diener und, nicht zu vergessen, der hoch motiviert scheinende Chor ihren Anteil haben. Jubel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2015)