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Nach dem Erdbeben: Nepal steht vor dem Kollaps

Rescue workers inspect the rubble of a building for possible survivors in Kathmandu Nepal on April
Kathmandu(c) imago/UPI Photo (imago stock&people)
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Im Himalaja-Land wächst nach dem Erdbeben die Wut auf die Regierung: Für den Tod von 10.000 Menschen werden auch unfähige Politiker verantwortlich gemacht.

Kathmandu/Wien. In dem kleinen, entlegenen nepalesischen Dorf Jharibar gräbt eine Frau in den Trümmern ihres Hauses den Körper ihrer kleinen Tochter aus. Die Leiche ihres Sohnes liegt neben ihr. Niemand ist da, um ihr zu helfen – kein Helfer, keine Regierungsvertreter. Nur einige wenige Reporter haben es in die Ortschaft geschafft.

Nach dem Erdbeben am Samstag sind viele Nepalesen auf sich gestellt. Erst langsam wird deutlich, wie groß das Ausmaß der Zerstörung tatsächlich ist: 10.000 Menschen, so schätzt die Regierung, könnten ums Leben gekommen sein. Vielleicht sind es noch mehr: Über die Lage in den entlegenen Bergregionen hat niemand einen Überblick.

Die Zugangsstraßen sind durch Erdrutsche verschüttet worden, es fehlt an Lebensmitteln, Wasser, Medikamenten. Zehntausende sind auf der Flucht. Internationale Hilfe kommt nur langsam ins Land: In Kathmandu, der Hauptstadt, ist der Airport überlastet. Stundenlang kreisten zu Wochenbeginn Flugzeuge mit den dringend benötigten Hilfen und Helfern in der Luft, weil sie nicht landen konnten. In den Abflughallen drängen sich tausende Menschen, die das Land verlassen wollen.

 

Bürgerkrieg und Palastmassaker

Das kleine Land am Himalaja steht kurz vor dem Kollaps: Sogar in der Hauptstadt Kathmandu ist die Stromversorgung zusammengebrochen, weder Wasserversorgung noch Telekommunikation funktionieren. Menschen schlafen im Freien, auf der Straße, in Parks – weil sie ihre Häuser verloren haben oder weil sie die andauernden Nachbeben fürchten. Die Seuchengefahr ist akut.

Bereits am Wochenende haben internationale Helfer die fehlende Unterstützung durch die sichtlich überforderten nepalesischen Behörden kritisiert. Aber erst am Dienstag räumte die Regierung öffentlich ein, nicht Herr der Lage zu sein: „Wir waren auf ein Desaster dieses Ausmaßes nicht vorbereitet“, gab Innenminister Bam Dev Gautam zu. „Wir haben Schwierigkeiten, die Krise zu meistern.“ Die Warnungen der vergangenen Monate, dass ein großes Erdbeben bevorstehe, blieben offensichtlich ungehört.

Diese Katastrophe könnte das bitterarme 27-Millionen-Einwohner-Land, das sich erst langsam von seiner blutigen Vergangenheit zu erholen schien, wieder in die Knie zwingen. Dass Premier Sushil Koirala während des Bebens im Ausland war, unter anderem, um sich wegen einer Erkrankung behandeln zu lassen, deuten viele als emblematisch für die Schwäche dieser fragilen Demokratie. Bei Koirala von der sozialdemokratischen Kongresspartei ist wenige Monate nach seinem Amtsantritt im Februar 2014 Lungenkrebs diagnostiziert worden.

Erst vor neun Jahren endete in Nepal ein zehnjähriger Bürgerkrieg mit den Maoisten, der zehntausende Menschen das Leben gekostet hatte. Im Friedensvertrag wurde das Ende der jahrhundertealten Monarchie vereinbart – deren letzte Jahre, unter König Gyanendra, ganz besonders autoritär gewesen waren. Der Monarch war im Sommer 2001 an die Macht gekommen, nachdem ein betrunkener Prinz Gyanendras älteren Bruder sowie nahezu die gesamte restliche Königsfamilie erschossen hatte.

Zerstrittene Parteien

Doch auch nach einer historischen Wahl 2008, bei der die Maoisten gewannen, erwies sich der Weg in Richtung Demokratie als extrem holprig: Die zerstrittenen Parteien haben es immer noch nicht geschafft, sich auf eine gemeinsame Verfassung zu einigen. Wegen des Streits trat in den vergangenen Jahren eine Regierung nach der anderen zurück, die Maoisten haben sich längst wieder in die Fundamentalopposition zurückgezogen. Zuletzt ist es in den Bergregionen immer wieder zu Zwischenfällen gekommen, die Ängste vor einem Aufflammen des Konfliktes geschürt haben. Auch in den Städten brodelt es: Erst im Februar fanden in Kathmandu Massenproteste gegen die Regierung statt.

Die Menschen werfen den Politikern vor, sich nur selbst bereichern zu wollen und nichts für die Bevölkerung zu tun: Tatsächlich lebt nahezu die Hälfte der Nepalesen nach wie vor unter der Armutsgrenze, es gibt nur Tourismus, aber so gut wie keine Industrie, der Zustand der Infrastruktur – vom Straßennetz bis hin zur Stromversorgung – war bereits vor dem Erdbeben katastrophal.

„Die Politiker haben unser Land noch verletzbarer gemacht“, sagte ein nepalesischer Ingenieur nach dem Erdbeben der „New York Times“. Das sei auch an den unsicheren Gebäuden sichtbar. Ein Freund sei in der Lobby eines Hotel lebendig begraben worden. „Das gesamte Gebäude stürzte auf ihn. Einfach so.“ (basta/ag.)

AUF EINEN BLICK

Bis zu 10.000 Menschen könnten beim Erdbeben in Nepal bisher umgekommen sein – das ist weit mehr als bisher angenommen. Damit wäre es für das Land die schlimmste Katastrophe seit rund 100 Jahren. 1934 sind bei einem Erdbeben rund 8500 Nepalesen gestorben. Die internationale Hilfe kommt wegen der schlechten Infrastruktur nur schleppend ins Land. Die Regierung gibt offen zu, die Lage nicht unter Kontrolle zu haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2015)