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Nach Erdbeben: Prügeleien um Busplätze für Flucht

Bild der Zerstörung: Dörfer im Distrikt Sindhupalchwok, 75 Kilometer von Nepals Hauptstadt Kathmandu entfernt. Allein dort starben mehr als 1200 Menschen.(c) APA/EPA/NARENDRA SHRESTHA (NARENDRA SHRESTHA)
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Auch Tage nach der Erdbebenkatastrophe versuchten Tausende, aus dem Kathmandu-Tal herauszukommen. In abgelegenen Regionen saßen die Menschen wegen Erdrutschen fest.

Kathmandu/Bangkok. An den Busbahnhöfen der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu herrschte am Mittwoch Chaos. Tausende Menschen warteten an den Schaltern und Haltestellen, um einen Sitzplatz in einem der wenigen Busse zu ergattern. Lokale Medien berichteten, dass es dabei vereinzelt zu Prügeleien gekommen sei.

Viele Busunternehmen haben ihren Betrieb bisher nicht wieder aufgenommen. Einige Bewohner der Hauptstadt machten bei einem spontanen Protest vor dem Parlament ihrem Ärger Luft: Rund 200 Demonstranten forderten bei einer Kundgebung vor dem Parlament, dass die Regierung weitere Busse bereitstellt.

 

Suche nach Angehörigen

Nachdem in den vergangenen Tagen viele Bewohner Kathmandus in die Tiefebene entlang der Grenze zu Indien gereist sind, um den Nachbeben und dem Engpass an Lebensmitteln und Trinkwasser in der Hauptstadt zu entfliehen, suchen nun verstärkt Menschen aus den Bergregionen weiter im Landesinneren nach Möglichkeiten, in ihre Dörfer zurückzukehren und nach ihren Angehörigen zu sehen. Die offizielle Zahl der Todesopfer des verheerenden Erdbebens vom Wochenende stieg unterdessen auf mehr als 5000. Einige Schätzungen gehen sogar von 10.000 Toten aus. Den Behörden zufolge starben mehr als 1000 Personen allein in der Hauptstadt.

Am Mittwoch sorgten Meldung für Verwirrung, wonach die Regierung erklärt habe, es würden keine weiteren internationalen Rettungsteams benötigt. Jamie McGoldrick, Leiter des Entwicklungsorganisation UNDP der Vereinten Nationen, sagte einer Nachrichtenagentur, die Regierung habe erklärt, die Behörden und das Militär seien nun in der Lage, allein mit den Folgen des Erdbebens klarzukommen. Shanker Das Bairagi, Staatssekretär im nepalesischen Außenministerium, appellierte im weiteren Tagesverlauf am Mittwoch jedoch an das Ausland, weitere Bergungsteams sowie Ärzte ins Krisengebiet zu entsenden.

Der für Krisenhilfe zuständige EU-Kommissar, Christos Stylianides, wollte noch am Mittwoch nach Nepal reisen. Er werde sich an Ort und Stelle ein Bild von der Situation machen, kündigte er am Mittag in Brüssel an. So könne die von Europa benötigte weitere Hilfe besser eingeschätzt werden. Bisher stellte die EU-Kommission aus dem Gemeinschaftshaushalt eine Soforthilfe von drei Millionen Euro zur Verfügung. Zudem schickte die Brüsseler Behörde nach eigenen Angaben Experten und koordinierte Hilfslieferungen von 14 EU-Staaten sowie von Norwegen nach Nepal.

Berichte aus dem Landesinneren zeichneten ein düsteres Bild. In zahlreichen abgelegenen Regionen saßen die Menschen wegen Erdrutschen fest. Zugleich häuften sich Berichte, wonach in Bergregionen nahe dem Epizentrum ganze Dörfer durch Erdrutsche zerstört worden sind. Viele Zufahrtsstraßen würden kurz, nachdem sie frei geräumt worden sind, wieder durch neue Erdrutsche verschüttet, berichteten lokale Medien. Zunehmende Regenfälle verschärften die Lage zusätzlich. In vielen Regionen beklagten Anwohner, sie hätten bisher noch keine Hilfe erhalten.

 

Regierung räumt Fehler ein

Die Regierung des Landes räumte am Mittwoch erstmals Versäumnisse ein. „Das hier ist eine Naturkatastrophe in einem beispiellosen Ausmaß“, sagte Kommunikationsminister Minendra Rijal. „Es hat einige Versäumnisse bei der Hilfsoperation gegeben.“

Es gab jedoch auch Erfolgsmeldungen: Einem nepalesisch-französischen Bergungsteam gelang es am Mittwoch, einen 28-jährigen Mann aus den Trümmern eines eingestürzten Wohnblocks lebend zu bergen, in dem er rund 80 Stunden lang gefangen war. Einige Geschäfte in Kathmandu öffneten wieder, was die Versorgungslage ein wenig verbesserte. Viele Besitzer von Geschäften hatten jedoch Berichten lokaler Medien zufolge Angst, ihre Läden, die sich in beschädigten Gebäuden befinden, zu betreten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2015)