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Zentralmatura: Neue Matura, bessere Schule?

(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Mit der Prüfung in Deutsch startet in fünf Tagen die Zentralmatura. Über die größte Schulreform seit Langem wird viel gestritten. Was sie dem Schulsystem wirklich bringt.

Nur noch fünf Tage, dann wird es ernst für die erste echte Zentralmatura. Die letzten Aufgabenhefte werden heute ausgeliefert – die Lieferwagen sind zum Teil sogar mit Farbpatronen bestückt, damit die Beispiele nicht in den falschen Händen landen. Mit Deutsch beginnen am Dienstag dann die Klausuren.

Über Sinn und Unsinn der Zentralmatura wird viel gestritten – nicht zuletzt wegen diverser Malheurs. Erst gestern wurde kritisiert, dass Schummelgefahr bestehe, weil die Prüfungen an den Schulen zu unterschiedlichen Uhrzeiten beginnen. Klar ist: Es ist die größte Reform seit Langem, weil sich mit der Matura auch der Unterricht verändert. „Die Presse“ hat sich angesehen, warum die Schule durch die Zentralmatura (nicht) besser wird.

 

Besser, weil sich niemand mehr durchschummeln kann – und manche besser werden müssen.

Bei einer zentralen Matura kann sich keiner mehr durchschummeln – weder die Schüler noch die Lehrer. Und dass die Leistungen künftig vergleichbar werden, bringt Potenzial für Verbesserungen: Schulen und Lehrer, die wiederholt schlecht abschneiden, werden an sich arbeiten müssen. Dass das wirklich passiert, darauf werden Schulaufsicht und Ministerium achten (müssen).


 

Besser, weil der Stoff nicht auswendig gelernt wird, sondern es ums Verständnis geht.

Die Erfinder der neuen Matura haben sich ein hehres Ziel gesetzt: Das Gelernte soll nicht sofort wieder vergessen, sondern nachhaltig gespeichert werden. Voraussetzung dafür ist, dass die Schüler den Stoff verstehen. Das hat etwa den Mathematikunterricht verändert. Es wird mehr Wert auf Reflexion und Interpretation gelegt. Gerechnet wird weniger. Die Rechenfertigkeiten werden damit zwar geringer, man darf aber darauf hoffen, dass das mathematische Verständnis ein besseres wird.

 



Schlechter, weil nicht mehr so in die Tiefe gegangen wird– auf Kosten der Allgemeinbildung.

Um Schüler auf die spezifischen Aufgabenstellungen vorzubereiten, braucht es viel Unterrichtszeit. In Deutsch müssen neun Textsorten trainiert werden. Damit geht Zeit verloren, um bei anderen Themen in die Tiefe zu gehen. Das Schreiben – mehr oder weniger brillanter – Analysen und die Beschäftigung mit Literatur weicht dem Bedarfstext. Damit kann ein Teil jener Allgemeinbildung verloren gehen, die früher am Gymnasium wesentlich war. Ob für Wissen Platz ist, das über das Abgefragte hinausgeht, wird dem Lehrer überlassen sein. Schulen, die nicht auf ein eigenes Profil und Schwerpunkte verzichten wollen, werden die Zeit dafür finden müssen.

 

Schlechter, weil es jetzt zwar um den Output geht – der sich aber an der Vergangenheit orientiert.

Mit der Zentralmatura geht es im Schulsystem mehr darum, was Schüler letztlich können sollen. Das ist gut. Das Problem: Man hat sich nicht zuerst überlegt, was Schüler nach acht Jahren können sollen – sondern sich zu sehr daran orientiert, was bisherige Jahrgänge konnten. Auch die Politik hat schließlich ein Interesse, dass nicht allzu viele Schüler an der neuen Matura scheitern. Überspitzt könnte man sagen: Die Latte richtet sich nach den schlechtesten Schulen.


 

Besser, weil die Lehrer zumindest vor der Matura vom Prüfer zum Begleiter werden.

Die Rolle der Lehrer ändert sich, wenn sie es nicht mehr sind, die die Schüler prüfen. Im Vordergrund steht – vielleicht noch mehr als bisher –, die Matura gemeinsam gut zu bewältigen, und nicht das Prüfen und Geprüftwerden. Was vielleicht zu einer anderen Lehrkultur führt: mit dem Lehrer als Begleiter.

 

Besser, weil Standardisierung eine Bedingung für die oft geforderte Autonomie ist.

Alle wollen mehr Schulautonomie – von der Bildungsministerin abwärts. Aber nur, wenn klar geregelt ist, was am Ende herauskommen soll, kann man Schulen auch alle (oder viele) Freiheiten für den Weg dorthin geben. Dass eine zentrale Prüfung diese Freiheiten indirekt beschränkt, ist klar – aber auch gewollt.

Weitere Infos: www.diepresse.com/bildung

AUF EINEN BLICK

Am 5. Mai startet die Zentralmatura mit dem Fach Deutsch. Tags darauf folgt Englisch, die letzten zentralen Klausuren finden am

13. Mai statt (Latein

und Griechisch).

Rund 26.000 Schüler absolvieren heuer die Zentralmatura. Rund 19.000 von ihnen an den 334 AHS, 7000 im Rahmen des Schulversuchs an den BHS.

Die Aufgaben werden vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE) vorgegeben. Am Tag nach der jeweiligen Prüfung werden sie veröffentlicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2015)