Solange es aufwärtsging, waren börsenotierte Unternehmen nicht um Geschäftsausblicke verlegen. Doch bei der Hauptversammlung von Henkel erfuhren die Investoren diesmal nicht, wie es mit Persil und Pritt weitergeht.
Wien. Hauptversammlung bei Henkel: Ein großer Tag für viele Aktionäre, die sich am deutschen Paradekonzern beteiligen. Doch wie es mit Persil und Pritt weitergeht, erfuhren die Investoren diesmal nicht. Eine konkrete Prognose für das laufende Jahr könne er nicht abgeben, gestand Konzernchef Kasper Rorsted in seiner gestrigen Rede. Stattdessen servierte er metaphernreiche und inhaltsleere Formeln: Es gebe „heftigen Gegenwind“, aber man „lasse sich nicht entmutigen“ und sei „zuversichtlich“, den Wettbewerbern „Marktanteile abjagen“ zu können. Alles klar?
Nichts ist klar, klagen Investoren und Analysten. Henkel ist freilich kein Einzelfall. Die 30 Dax-Konzerne bilden eine fast geschlossene Front des Schweigens. Umsätze, Gewinne? Sie wissen von nichts, außer von „noch nicht erlebten Unwägbarkeiten“ und einem „anhaltend unsicheren wirtschaftlichen Umfeld“.
In Österreich sieht es nicht viel besser aus. Vor allem die geprügelten Banken lassen sich nichts mehr entlocken. Die kühlen Rechner von Raiffeisen „hoffen“ nur noch, dass sie „einen Gewinn machen werden“. Die Erste Group schweigt überhaupt wie ein Grab.
Analysten als „arme Schweine“
Aber wissen sie wirklich nichts? Ist die „Visibilität“ tatsächlich so schlecht, die Zukunft nichts als eine „Nebelwand“? Keineswegs, meint etwa Cheuvreux-Chefanalyst Alfred Reisenberger: „Ein Unternehmen sollte doch in der Lage sein, eine Aussage über seine aktuelle Lage und nahe Zukunft zu treffen. Aber viele drücken sich davor in der Krise, aus falschen Vorsichtsgründen.“
Dazu gehört die Angst, im Extremfall rechtlich belangt zu werden, wenn es noch schlechter kommt als erwartet. Aber die Nichtinformationspolitik kann einem börsennotierten Unternehmen auf den Kopf fallen, fürchtet Reisenberger: „Der Finanzmarkt nimmt es negativ auf, wenn ein Unternehmen die Aussage verweigert. Dann blühen die Gerüchte.“
Aber auch für den Analysten sei die Situation „sehr unerfreulich“: „Wir sind zurzeit arme Schweine.“ Denn die im Fachjargon „Guidances“ genannten Geschäftsausblicke waren in den Boomjahren eines der wichtigsten Werkzeuge der Aktienanalysten. Stefan Maxian von der Raiffeisen Centrobank erinnert sich: „Alle haben sich an den offiziellen Prognosen orientiert. Die Pessimisten lagen ein wenig drunter, die Optimisten ein wenig drüber.“
Positiv: Telekom, Post, Andritz
Nun aber muss ein Analyst zeigen, wie brauchbar seine Modelle sind. „Wer sich keine eigene Meinung bilden kann, ist ohnehin fehl am Platz“, meint auch Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Bank: „Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen.“
Ganz auf die Aussagen der Unternehmen verzichten will freilich niemand. Also schnappt man dankbar nach den kleinen Hölzchen, die Pressestellen noch zuwerfen – und interpretiert möglichst viel in sie hinein. Die Voest etwa meldet immerhin, dass sie „sicher wieder Gewinn machen“. wird. Im Übrigen habe sie zurzeit 70 Prozent Kapazitätsauslastung – eine Information, die jedes Industrieunternehmen geben kann, wenn es nur will. Aber in Zeiten wie diesen werden auch solche Mosaiksteine zu wertvollen Teilen im Analystenpuzzle.
Besser sieht es mit den Andritz-Prognosen aus: „15 Prozent weniger Umsatz und weniger Gewinn – damit kann man schon etwas anfangen“, lobt Reisenberger. Von allen Experten positiv erwähnt werden Telekom und Post – sie bleiben bei klaren Aussagen, tun sich dabei als wenig konjunkturabhängige Werte aber auch leichter. Für alle anderen hat Reisenberger nur „rein menschlich“ Verständnis: „Wer streut sich schon gerne Salz in die eigenen Wunden?“ Aber aus Sicht der Investoren käme es gerade jetzt darauf an „hinauszugehen – auch wenn es regnet“.
AUF EINEN BLICK
■Auch Geschäftsausblicke(Guidances) haben in der Krise keine Konjunktur. Unternehmen halten sich bei Umsatz- und Gewinnprognosen nobel zurück. Das macht den Analysten die Arbeit schwer, ist aber auch für die Firmen negativ: Statt Fakten regieren Gerüchte. In Österreich schweigen vor allem die Banken.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2009)