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Der „Fall“ Schulmeister und das Vergessen

Selbstverständlich haben sich Spitzenjournalisten mit Geheimdienstleuten getroffen. Anrüchig ist das nicht.

Die Journalistenlegende Otto Schulmeister kollaborierte mit dem US-Geheimdienst und hintertrieb so die Unabhängigkeit seiner Zeitung und des Landes“, schreibt das „Profil“ auf der Titelseite seiner jüngsten Ausgabe. Nicht die unbedeutende Story, die sich daran schließt, ist der Skandal, sondern das Urteil der Tugendhüter: Schulmeister hätte damit seiner Zeitung und dem Land geschadet. Leben die Herrschaften auf dem Mond?

Schulmeisters Erben, sein Blatt „Die Presse“, versprechen prompt auf zwei Seiten Aufklärung. Man riecht förmlich den Anstand: Uns kann man nichts anhaben, wir klären alles auf, wir sind so aufklärerisch, wie man es nur sein kann.

Es ist tatsächlich viel aufzuklären. Aber nicht der „Fall“ Schulmeister, sondern ein Stück jüngster Weltgeschichte ist in Erinnerung zu rufen. Wiewohl es erst so kurz zurückliegt, haben die Wohlstandsbürger von heute offenbar vergessen, dass bis zum letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts ein weltweiter Kampf ums politische Dasein tobte. Ob Freiheit und Demokratie siegen oder das größte Sklavenregime der Geschichte. Ob wir, nur 60 Kilometer vom Eisernen Vorhang entfernt, auch so vegetieren sollten wie alle Völker, die die Sowjetunion überfallen hatte.


Wahrheit ist das Kind der Zeit

Wir Enthüller von heute haben andere Sorgen. Wir verwandeln alles in Kriminalberichterstattung. Uns ficht kein Zweifel an, wir sind standfest, weil nie von einer großen Angst, geschweige denn, von einem Krieg gebeutelt. Wir wissen alles über Hitler und Stalin, unser Hirn ist das Archiv, wir sind das Gestern und das Morgen, und leider auch das Heute. Wir haben noch nie etwas nicht gebracht, was wir nicht hätten bringen sollen. Und wir bringen nichts, was einer größeren Sache dient als der Auflage und unserer Standesehre, die wir nicht haben. Denn wichtiger als die beiden ist nichts. Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, deren Kinder wir sind. Uns soll man nicht erzählen, wir hätten vor nichts Respekt. Wenn es uns damals schon gegeben hätte, hätte es keinen Hitler und keinen Stalin gegeben. Wir scheißen uns vor ganz anderen Werten an.

Also: Schulmeister habe sich in den 60er-Jahren mit CIA-Leuten getroffen, im Sinne der Amerikaner geschrieben, der schon vorher meist der seine war, und Nachrichten unterdrückt, die „nur den Sowjets genützt“ hätten. Selbstverständlich haben sich damals Spitzenjournalisten mit Diplomaten und Geheimdienstleuten getroffen. Oft waren sie der Meinung der Amerikaner, weil nur die Amerikaner die Sowjets daran hinderten, auch das noch freie Europa zu kassieren. Anrüchig wird das erst, wenn man sich die Gesinnung honorieren lässt, Aufträge gegen Geld übernimmt. Davon kann keine Rede sein. Sogar das „Profil“ zitiert aus dem CIA-Akt: „Im Februar 1973 ließ Schulmeister die CIA abblitzen. Er könne nicht garantieren, dass der US-Standpunkt von der „Presse“ übernommen wird. Dafür empfehle er die Inseratenabteilung.“ Vermutlich hatte er damals spitzgekriegt, dass ihn seine Gesprächspartner als ihren Erfolg dokumentierten. Wir lebten in existenziellen Zeiten, viele von uns waren Teil des Kalten Krieges, es gab mitunter Wichtigeres für einen Chefredakteur als das Redaktionsstatut.

Es ist infam, wenn „Profil“ von „den Fällen Zilk und Schulmeister“ schreibt. Weder ging es bei Schulmeister um Geld, noch suchte er Kontakt mit den Bütteln des Sklavenimperiums.

Man kann Geschichte nicht „aus heutiger Sicht“ erkennen, sondern nur aus dem Damals. Das kann man wiederholt bei z.B. Hobsbawm, Mitterand oder Kreisky nachlesen. Heute vermag man sich gar nicht mehr vorzustellen, dass der politische Mensch mitten in der wohl größten Gesinnungs- und Propagandaschlacht der Weltgeschichte lebte. Auf der einen oder der anderen Seite. Freiheit war keine Phrase, sondern ein gefährdetes Lebensbedürfnis. Hätte Moskau gesiegt, wäre es das Ende unserer Geschichte gewesen. Der sowjetischen Propagandawalze stand die mühselige Demokratie gegenüber, ein Biotop aller Fünften Kolonnen, ein selbstschänderischer McCarthy, aber eben auch freie Medien, große Autoren, die vielfach aus den Reihen ehemaliger Kommunisten und Bolschewiken kamen, die am eigenen Leib erduldet hatten, was der freien Welt drohte (Koestler, Sperber, Djilas).

Österreich blieb vom Kalten Krieg nicht verschont. Die sowjetische Besatzungszone bedeutete Gefahr, und wer die Ennsbrücke in Richtung Westen passiert hatte – „You are now entering the American zone of Austria“ –, fühlte sich befreit. Der US-finanzierte „Kongress für Politische Freiheit“ gab in ganz Europa hervorragende Monatszeitschriften heraus; in Österreich war es „DAS FORVM“, geführt vom legendären Friedrich Torberg. Österreichische Zeitungen wie die „Arbeiterzeitung“, „Die Presse“, die „Salzburger Nachrichten“ verstanden sich als antibolschewistisch und ihre Leser wussten dies. Wir wollten keine nützlichen Idioten sein.


Deklarierter Antibolschewik

In solcher Welt war Otto Schulmeister Chefredakteur, sicherlich der gebildetste der Zweiten Republik; ein deklarierter Antibolschewik, er schrieb, was er für richtig hielt, und er entschied, selten, nicht zu bringen, was ihm als falsch erschien. So, wie das zu dieser Zeit das Selbstverständnis eines Chefredakteurs war. Dazu brauchte er den CIA nicht, aber er war ihm richtigerweise Quelle.

Auch wenn ein CIA-Agent mit ihm angab. Otto Schulmeister war der bedeutendste Chefredakteur der „Presse“. In schwierigsten Zeiten kämpfte er wie ein Löwe für die Unabhängigkeit seiner Zeitung, die er bis zur Überschätzung liebte. Und er gereicht diesem Land mehr zur Ehre als alle seine Denunzianten zusammen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2009)