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Na und?

„Zur frohen Zukunft“: Egon Christian Leitner konfrontiert Adolf Holl mit seinen Widersprüchen, ohne das Recht auf diese Widersprüche infrage zu stellen. Für alle an Philosophie, Religion, Politik und nicht zuletzt an Holls Denken und Leben Interessierten eine Fundgrube.

Adolf Holl wird 85 – unglaublich! Und ich kenne ihn schon seit, sage und schreibe, 55 Jahren. Zu Holl fällt mir also sicher einiges ein. Vorerst drei Szenen, die mir spontan in den Sinn kommen:

1. Szene: In einem Klassenzimmer der Realschule Wien X, Ettenreichgasse. 1960. Adolf Holl als Religionslehrer. Er steht vorn an der Tafel oder geht zwischen den Bankreihen hin und her. Er unterscheidet sich signifikant von den Katecheten, die unsere Klasse bis dahin gehabt hat.

Erstaunlich. Die Religionsstunden vorHoll haben wir entweder dazu genutzt, um unter der Bank Hausübungen für die sogenannten Hauptfächer zu schreiben, oder wir haben den langweiligen Typ mit dem weißen Kragen reden lassen und vor uns hin gedöst. Jetzt ist das anders. Jetzt wachen manche von uns auf. Zweifellos sind wir im erweckbaren Alter. Aber dass wir eine besonders aufgeweckte Klasse sind, ist bisher noch niemandem aufgefallen.

Eher das Gegenteil. Einige von den anderen Lehrern haben uns das wiederholt gesagt. Je untalentierter sie als Vermittler ihres Fachwissens waren, desto untalentierter sind wir ihnen vorgekommen. Mit Holl läuft das anders. Vielleicht liegt es einfach daran, dass er selbst einen aufgeweckten Eindruck macht. Irgendetwas oder irgendwer hat diesen Menschen geweckt, das merkt man.

Ich will nicht darüber spekulieren, wer oder was das war. Aber so wirkt er. Aufgeweckt und lauschend. Auf dem Cover eines seiner Bücher, das ich besonders gern habe, ist er so zu sehen – auf einem wahrscheinlich kurz nach seiner Priesterweihe aufgenommenen Foto. Das Buch hat einen langen Titel: „Wie ich ein Priester wurde, warum Jesus dagegen war, und was dabei herausgekommen ist“.


Stellt uralte, ganz neue Fragen

Ungefähr so sieht er auch noch drein, als er jetzt in unserer Klasse steht. Lauschend. Fallweise auch darauf, was wir zu sagen haben. Was sich durch uns junge Burschen artikuliert an uralten, ganz neuen Fragen. Er gibt keine kurzschlüssigen Antworten, er regt zum Denken an. Das ist viel.

2. Szene: Im ORF-Studio auf dem Küniglberg. Holl als Gastgeber der Fernsehsendung „Club 2“. Das muss Anfang der Achtzigerjahre gewesen sein. Die Diskussion, die an diesem Abend stattfinden soll, steht unter dem Motto „Ohne festen Wohnsitz“.

Anlass: das angebliche Überhandnehmen von Unterstandslosen in der Wiener Innenstadt. Und das Ansinnen des Bezirksvorstehers, diese aus seinem Bezirk zu verbannen. Folglich ist der Bezirksvorsteher eingeladen, wenn ich mich recht erinnere, hieß er Heinz. Außerdem Rolf Schwendter, Wiener Philosoph, Autor und Professor für Subkulturforschung in Kassel, und natürlich ein Betroffener, also ein echter Sandler. Als Verfasser eines Buches über den Baronkarl, einen legendären Stadtstreicher der Zwischenkriegszeit, bin auch ich dabei. Und werde Zeuge des souveränen Umgangs des Gastgebers mit seinen Gästen. Der ausgesuchten Höflichkeit, mit der Holl den Unterstandslosen behandelt. Den Bezirksvorsteher hingegen behandelt er mit der leisen Ironie, die einen Teil des Fernsehpublikums ärgert, während ein anderer Teil sie besonders schätzt.

In diesem Fall ist die Ironie jedenfalls angemessen. Denn der Herr Bezirksvorsteher steht, wie man auf gut Wienerisch sagt (für das Holl übrigens auch viel übrig hat), auf der Leitung. Geraume Zeit hält er Schwendter, der daherkommt wie immer, also um seine äußere Erscheinung sehr unbesorgt, für den Sandler. Und muss in logischer Konsequenz den Sandler, der mit Anzug und Krawatte auftritt, für den Professor halten.

Holl lächelt unter der Haut. Er lässt sich Zeit damit, den Mann über seinen Irrtum aufzuklären. Auch das ist Holl: Ihm sitzt der Schalk im Nacken. Der Sandler nützt seine Chance und glänzt auch durch unerwartete Eloquenz. Nach der Sendung bekommt er einige Jobangebote.

3. Szene: Im Haus, in dem Holl und seine Gefährtin Inge Cyrus Santner wohnen. Wir haben gut gegessen, Holl hat etwas sehr Bodenständiges gekocht, womöglich waren es Krautfleckerln. Jetzt sitzt er auf dem Sofa und streichelt eine Katze, die er liebt. Das ist fünf oder sechs Jahre her, ich habe ihm das Manuskript zu meinem Buch „Der verirrte Messias“ zu lesen gegeben.

„Von Jesus“, sagt er, „kommt man nicht so leicht los. Trotzdem“, sagt er, „träume ich nicht mehr von ihm. Aber ich träume immer noch, dass ich die Messe lese. Dass ich vor den Altar trete und die Wandlungsworte spreche.“

Sätze ungefähr dieses Inhalts finden sich in mehreren seiner Bücher. So auch in seinem jüngsten Buch „Braunau am Ganges“. Ein Buch, in dem es um etwas ganz anderes geht. Ein Buch, das weit weg führt von der Tradition und der Religion, aus der Adolf Holl kommt.

Versuch einer Annäherung an die in vieler Hinsicht fremde, befremdliche Gedanken- und Mythenwelt Indiens. Assoziatives Surfen zwischen Realsystem, Schattensystem und Verklärungssystem. Das Wahnsystem ist auch nicht zu unterschätzen. Dass Typen wie Hitler wahrscheinlich noch viele Reinkarnationen vor sich haben, bis sie ins Nirwana entlassen werden, ist zur Kenntnis zu nehmen.

Weit weg also führt das von Holls subjektiver Geschichte. Und doch steht da dieser Satz, wenn auch nicht in der Ichform geschrieben, sondern als Anrede durch einen nicht näher erklärten Gesprächspartner. „In deinen Träumen bleibst du Priester, auch wenn dir die Zelebration der heiligen Messe verboten wurde.“ Was hat Holl damals gesagt, mit der Katze auf dem Schoß? „Das ist ja alles nicht so einfach.“

Es gibt eine Zäsur in Holls Leben, mit der nicht so leicht fertig zu werden war. Nicht im Entferntesten so leicht, wie sich Holls „progressive“ Fans das damals vorstellten. Das war 1976, in seinem 36. Jahr. Nach dem bereits drei Jahre davor erfolgten Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis wurde ihm nun auch die Ausübung des Priesteramtes untersagt.

Für alle, die sich nur vage daran erinnern können, und für die, die damals noch nicht bewusst auf der Welt waren: Das waren die Folgen eines Buchs, das er, nicht unbeeinflusst vom Aufbruchsgeist von 1968, geschrieben hatte. „Jesus in schlechter Gesellschaft“ – sein großer Erfolg. Im Grund genommen ist es der Jesus der Bergpredigt, den er darin evoziert.

„Jesus ist bei den Kindern, die von zu Hause fortlaufen. Bei den Gefangenen und Verurteilten. Immer bei den Armen, nie bei den Reichen. Stets bei den Unzufriedenen, die Satten meidet er. Nicht bei den Erhaltern des Bestehenden, denn die kommen ohne ihn zurecht.“

Interessant, dass so etwas, fast 2000 Jahre nach der Bergpredigt, in der Institution, die sich auf Jesus als ihren Gründer beruft, immer noch provokant wirkt. „Dass ich Jesus als sozialen Außenseiter, fast als Anarchisten dargestellt habe“, sagt Holl in einer Radiosendung, die vor fünf Jahren, zu seinem Achtziger, aufgenommen wurde, „das hat halt dem Kardinal wenig Freude gemacht.“ Zuvor hatte Holl, schon seit ein paar Jahren nicht mehr Religionslehrer, sondern Dozent an der theologischen Fakultät der Universität Wien, sogar Reden für Franz König schreiben dürfen. Aber nun ging er seiner Eminenz, die als beinah fortschrittlich galt, denn doch etwas zu weit.

Man muss auch mitbedenken, wer damals Papst war. Paul VI. enttäuschte viele Hoffnungen, die man in seinen Vorgänger Johannes XXIII. gesetzt hatte. Jorge Bergoglio, der ja als Papst nicht von ungefähr den Namen Franziskus angenommen hat, müsste für vieles, was Holl in „Jesus in schlechter Gesellschaft“ geschrieben hat, tiefe Sympathie empfinden. Aber es geht ja in diesem Buch nicht nur um den Jesus der Armen und Verachteten, es geht auch um den Jesus, der, so Holl (und mit dieser These beruft er sich auf namhafte Bibelwissenschaftler), weder ein Priestertum stiften noch eine Kirche gründen wollte.

Die Schriftstelle mit Petrus als dem Felsen, auf den Christus seine Kirche bauen will? Das ist, darüber sind sich fast alle einig, eine manipulierte Stelle. Hingegen gibt es genug glaubwürdige Stellen, in denen die Priester vom damals ihr Fett abbekommen. Also keine Priester? Keine Kirche? Damit hätte auch Bergoglio ein Problem.

Doch zurück ins Jahr 1976. Das Jahr, in dem Holl als Priester dispensiert wurde. Er könne doch froh sein, dass er die Bürde jetzt los sei, dass er sich nicht mehr mit dem Apparat, der Bürokratie der Kirche herumärgern müsse. So sahen das damals viele, denen er imponierte, vermutlich auch nicht wenige, die ihm nahestanden – aber die meisten wussten nicht, wovon (und von wem) sie redeten.

Er habe sein Priesteramt ja gern ausgeübt. Den 30. Juli 1954, den Tag, als er im Stift Heiligenkreuz seine erste Messe zelebrieren durfte, nennt er noch Jahre danach den glücklichsten seines Lebens. Vor den Altar zu treten und das Ritual zu vollziehen, habe ihn immer wieder mit Freude und Genugtuung erfüllt. Die Wandlungsworte zu sprechen und Gott damit immer aufs Neue in die Welt zu bringen. Und das, obwohl Jesus gar keine Kirche und kein Priestertum wollte? Das ist ein Widerspruch, klar, überhaupt keine Frage. Doch Holl bekennt sich zu seinen Widersprüchen. „Ich pflege mich zu widersprechen“, sagt er. „Na und?“

Holl mit seinen Widersprüchen zu konfrontieren, ohne das Recht auf diese Widersprüche infrage zu stellen, versucht Egon Christian Leitner im ersten Band der von ihm herausgegebenen Reihe „Auswege“. Über 400 Seiten Werkstattgespräche mit Adolf Holl, unter dem schönen Titel „Zur frohen Zukunft“. In einem Zeitraum von drei Jahren (2009 bis 2012) hat er Holl neunmal besucht. Ergebnis dieser Besuche: ein für an Philosophie, Religion, Politik, und nicht zuletzt an Holls Denken und Leben interessierte Leser höchst empfehlenswertes Buch.


Immer wieder von vorn anfangen

Es geht um Gott und die Welt, sowohl im landläufigen, beiläufigen als auch im wortwörtlichen Sinn dieser Redewendung. Und das eine schließt das andere nicht aus – diese Erfahrung werden auch andere in Gesprächen mit Holl gemacht haben. Man kommt vom Hundertsten ins Tausendste und von dort nicht selten wieder zurück an den Nullpunkt. Widersprüche sind kein Grund, mit dem Denken nicht immer wieder von vorn anzufangen.

Spannend vom ersten bis zum letzten Gespräch. Das erste Gespräch versucht Leitner mit sieben Sätzen in Schwung zu bringen, auf die er Holl zu assoziieren bittet. Drei dieser Sätze sind von Bourdieu. Aber die anderen sind, wie sich bald herausstellt, von Holl selbst. Was Leitner dann immer wieder gelingt: Holl mit sich selbst zu überraschen. „Das hab ich gesagt?“ „Was der Holl alles zusammenschreibt!“ „Was ich alles zusammengeredet habe!“

Bei aller Selbstironie scheint ihm die Wiederbegegnung Freude zu machen.

Für mich eines der interessantesten Bücher, die ich in letzter Zeit in die Hände bekommen habe. Ein Steinbruch. Eine Fundgrube. Möglicherweise ein Buch für die Insel. Auf die wir allerdings noch einige Holl-Bücher mitnehmen sollten. „Jesus in schlechter Gesellschaft“ ohnehin, das Franziskusbuch „Der letzte Christ“ selbstverständlich auch, „Der lachende Christus“ erst recht. ■

Egon Christian Leitner (Hrsg.)

Zur frohen Zukunft

Werkstattgespräche mit Adolf Holl.
Band 1 der Reihe Auswege. 450S., geb., €24,50 (Wieser Verlag, Klagenfurt)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2015)