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Petržalka ist überall

1966. Die Stadt Bratislava schreibt einen Wettbewerb für ihr neues Viertel Petržalka aus. Sieger gibt es keine, aber fünf der 84 Teilnehmer werden mit dritten Preisen ausgezeichnet. Letztlich beauftragt freilich wird jemand ganz anderer. Über Wiener Lösungen – dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs.

Der Kurs stand auf West, damals, im Wien des Jahres 1954. Da entwarfen Roland Rainer und Carl Auböck, der gerade von einem Studienaufenthalt in Boston nachWien zurückgekommen war, gemeinsam eine ambitionierte Modellhaussiedlung. Das Projekt war von der US-Wirtschaftskommission initiiert worden, das im Rahmen des Marshall-Plans fünf Jahre zuvor gegründete Österreichische Produktivitäts-Zentrum finanzierte es. Nicht zufällig lag der vorgesehene Bauplatz in Lainz an der Veitingergasse, direkt gegenüber der Wiener Werkbundsiedlung, an deren Innovationspotenzial man anknüpfen wollte.

Rainer und Auböck konzipierten eine Gruppe von 15 Sperrholz-Fertigteil-Bungalows mit Gärten, gepflasterten Sitzplätzen, fußläufigen Erschließungswegen und einer kleinen Piazza mit Wasserbecken. Die erdgeschoßigen Bungalows mit flachen Satteldächern konnten in achteinhalb Stunden aufgestellt werden. „Amerikanische“ offene Grundrisse, Warmluftheizung und Klimaanlagen sollten modernes Leben vermitteln; demgemäß wurden die Häuser mit dem Slogan „Designed for modern living“ beworben. Aus einem komplexen Katalog von Grundrissmodulen, Oberflächen, Materialien und zahlreichen Extras bis hin zu verschiedenen Obstbäumen für die Gartenbepflanzung sollten sich Käufer ihr Anwesen individuell zusammenstellen können.

Dem Projekt war wenig Glück beschieden: Die Prototypen wurden von Medien und Volksmund als „Baracken“ geschmäht und gingen letztlich nie in Produktion. Heute ist die in das üppige Grün ihrer Gärten geschmiegte Siedlung auch Fachleuten kaum ein Begriff. Wer die gerade restaurierte Werkbundsiedlung besucht, nimmt meist nicht wahr, dass auch ein Blick auf die andere Straßenseite lohnt. Das Beton-Flugdach der Autoabstellplätze an der Veitingergasse rottet vor sich hin, das Wasserbecken ist lange trockengelegt. In die Häuser aber sind die Kinder der Erstbesitzer eingezogen, teils auch Architekten, die die hohe Wohnqualitätder Häuser mit ihren geschützten Gartenhöfen, offenen Wohnbereichen und großflächigen Fensterwänden – und wohl auch die im Vergleich zur großen Schwester von gegenüber geringe Anzahl neugieriger Architekturtouristen – zu schätzen wissen.

Einen weit größeren Maßstab hatte ein anderes Projekt, das Roland Rainer zwölf Jahre später erarbeitete: 1966 hatte die Stadt Bratislava einen internationalen Wettbewerb für den urbanistischen Leitplan ihres neuen Stadtviertels Petržalka ausgeschrieben. Es war die Zeit des sich ankündigenden Prager Frühlings, mit Alexander Dubček als damaligem Erstem Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei der Slowakei. Der neue Stadtteil südlich der Donau, auf dem einst von Kleingärten geprägten Gebiet der Gemarkung Engerau oder Pozsonyligetfalu, die seit der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei den Kunstnamen Petržalka – etwa: Petersilistan – trug, sollte für 100.000 Bewohner konzipiert werden. Unter den 84 Wettbewerbseinreichungen wurden erste und zweite Plätze nicht vergeben – die Jury war zu dem Schluss gekommen, „dass keiner der Entwürfe den Qualitätsstandards und den Anforderungen der Wettbewerbsausschreibung gerecht wurde“. Fünf dritte Preise gingen ex aequo an Teams aus Bratislava, Olmütz, Tokio, Los Angeles sowie an das Trio Roland Rainer, Albin Arzberger und Herbert Karrer aus Wien. Ihr Entwurf strukturierte die riesigen Baumassen in ringförmigen Clustern mit südseitig abgetreppten Gebäudehöhen. Es erinnert an Wiener Lösungen, wie die Geschichte ausging: Schließlich wurde keines der Teams auch nur zu einer weiteren Ausarbeitung eingeladen. Stattdessen beauftragte man zwei Architekten des ortsansässigen Entwurfsbüros Stavoprojekt mit der Ausarbeitung eines neuen Bebauungsplanes. Als Petržalka realisiert wurde, war der Prager Frühling bereits der bleiernen „Normalisierung“ gewichen, Dubček kaltgestellt, architektonische Ambition durch Plattenbau ersetzt.

Diese und andere mitteleuropäische Architekturprojekte diesseits, jenseits und über den Eisernen Vorhang und andere Staatsgrenzen hinweg, überraschend fruchtbare, unbekannte, gut gemeinte und gescheiterte, präsentieren in Wien derzeit Ausstellung und Katalog des internationalen Projektes „Lifting the Curtain“, das erstmals im vergangenen Jahr auf der Architekturbiennale in Venedig zu sehen war. 36 beispielhafte Case Studies kommen aus Polen, Ungarn, Tschechien, der Slowakei, Österreich und Ex-Jugoslawien.

Das Forschungsprojekt zu Architekturnetzwerken in Mitteleuropa, zu dem die Ausstellung gehört, ist noch im Gange. Weitere Studien sind in Arbeit – so ein heute vergessenes Wiener Großprojekt, das parallel mit Petržalka lief: Im selben Jahr, 1966, plante man ein riesiges Stadterweiterungsgebiet mit dem Arbeitstitel „Wien-Süd“, für damalige Begriffe verkehrsgünstig gelegen an der Südautobahn zwischen Vösendorf und Inzersdorf (die heute in der Tat hauptsächlich als „Knoten“ eben dieser Autobahn ein Begriff sind), und zudem in unmittelbarer Nähe einer großen Fertigteilbaufirma. Ziel war die „Schaffung eines funktionell ausgewogenen und weitgehend ,selbstständigen‘ Stadtteiles für 75.000 Menschen mit Wohnungen, circa 25.000 Arbeitsplätzen und allen nötigen Folgeeinrichtungen“.

Von der Absichtserklärung dauerte es bis 1970, bis ein Wettbewerb für die 942 Hektar große Satellitenstadt ausgeschrieben wurde. „Die Jury tagt“, berichtete die Wiener Rathauskorrespondenz vom 1. Juni 1971. In einer Halle auf dem Wiener Messegelände wählten internationale Fachleute aus den 219 eingegangenen Entwürfen die Preisträger. Am Ende der Beratungen wurde vermeldet: „Erster Preis an USA“. Das Projekt des Teams Geddes Brecher Qualls Cunningham trug den Sieg davon, der zweite Preis ging an das slowakische Siegerteam von Petržalka: Jan Kavan, Tibor Alexy, Filip Trnkus und Jan Antal.

Dem großen Wettbewerb folgte keine Realisierung. In den kommenden Jahrzehnten wurde das Gebiet teils mit Gewerbebauten, teils mit ambitionslosen Einfamilienhäusern, teils mit kleineren Siedlungen und teils gar nicht bebaut. Eine Wiener Lösung. ■


Die Ausstellung „Lifting the Curtain“ ist noch bis 5. Mai im AIL am Wiener Franz-Josefs-Kai 3 zu sehen. Finissage mit einer Kuratorinnenführung, Beginn 19 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2015)