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Nepal-Erdbeben: Schwierige Rückkehr zur Normalität

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Erdbeben in NepalAPA/EPA/DIEGO AZUBEL
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Die offizielle Opferzahl nach der Katastrophe liegt bei mittlerweile 6600, Hilfsgüter können nur schwer in die betroffenen Regionen gebracht werden.

Die Erde kommt immer noch nicht zur Ruhe. Eine Woche nach dem verheerenden Beben in Nepal der Stärke 7,8 erschütterte am Samstagmorgen ein Nachbeben der Stärke 5,1 das Katastrophengebiet. Für zigtausende Menschen im besonders betroffenen Kathmandu-Tal eine weitere Bestätigung ihrer Ängste – sie übernachten seit der vergangenen Woche im Freien.

Erst nach und nach zeigt sich das wahre Ausmaß der Naturkatastrophe, die Experten schon seit Jahren erwartet haben. Die offizielle Zahl der Todesopfer lag am Samstagnachmittag bei 6600. Nepals Armeechef zeichnet ein düsteres Bild: Er rechnet damit, dass mehr als 15.000 Menschen ums Leben gekommen sind. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen hat das Beben mehr als 130.000 Häuser völlig zerstört und über 85.000 beschädigt. Mindestens drei Millionen Menschen sind derzeit auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen.

Unni Krishnan ist seit Montag im Katastrophengebiet im Einsatz. Der Mediziner leitet die Katastrophenhilfe der Kinderhilfsorganisation Plan International – und hat schon viele Beben gesehen: Er war bereits in China, im Iran, in Haiti, Japan und Indien, als dort Erderschütterungen schwere Verwüstungen angerichtet hatten. Nepal aber empfindet er als besondere Herausforderung. „Die Region ist sehr bergig. Hilfsgüter zu den Betroffenen zu bringen ist nicht einfach. Zudem war das Wetter nicht günstig“, sagt er.

In den Tagen nach dem Beben hat es im Katastrophengebiet immer wieder geregnet. Dieser Regen habe zahlreiche Erdrutsche verursacht und Straßen blockiert, erklärt Krishnan. „Daher kommt die Hilfe oft nicht durch.“ Die anhaltenden Nachbeben hielten die Menschen in der Region weiter in Anspannung, erzählt Krishnan. „Gestern gab es nicht so viele Nachbeben. Wir dachten, vielleicht hört das jetzt auf. Aber dann sind wir gestern Nacht um drei Uhr wieder gerannt. Es war ein massives Nachbeben.“ Die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen hätten sich in Hotels in Kathmandu einquartiert, an denen es keine sichtbaren Schäden gäbe. Viele schliefen auch in Zelten oder in Autos.

Zumindest in Ansätzen normalisiere sich das Leben in Kathmandu, sagt Krishnan. Einige Geschäfte und Märkte in der Hauptstadt hätten inzwischen wieder geöffnet. In entlegeneren, stärker betroffenen Gegenden würden die Menschen jedoch vorläufig weiter auf Nahrungsmittellieferungen angewiesen bleiben.

Keine weiteren Überlebenden. Nepals Regierung erklärte am Samstag, sie gehe nicht mehr davon aus, dass noch Überlebende unter den Trümmern gefunden werden könnten. „Wir versuchen unser Bestes in Sachen Rettungs- und Hilfsarbeit. Aber ich denke nicht, dass noch die Möglichkeit besteht, dass es weitere Überlebende gibt“, sagte ein Sprecher des Innenministeriums.

Hinsichtlich des Schicksals zahlreicher Touristen herrschte ebenfalls weiter Unklarheit. Die EU-Gesandte in Nepal, Rensje Teerink, erklärte, über den Verbleib von etwa 1000 EU-Bürgern sei weiterhin nichts bekannt. Viele von ihnen hätten sich zum Zeitpunkt des Bebens vermutlich auf Trekking-Touren in entlegenen Bergregionen aufgehalten. Beobachter gehen aber davon aus, dass viele der Vermissten in Sicherheit und nur vorübergehend von der Außenwelt abgeschnitten sind. „Sie können das Land auch schon vor dem Beben verlassen haben, ohne jemanden zu informieren“, meint Teerink. Nepal bat unterdessen um weitere internationale Hilfe. Informationsminister Minendra Rijal sagte der britischen BBC, das Beben – das lang erwartet worden ist – habe in seiner Wucht alle Prognosen übertroffen. „Keine Vorausschätzung hat berücksichtigt, dass so viele Menschen in so vielen Distrikten betroffen sein würden. Das ist ein Unglück enormen Ausmaßes.“

Auch die Vereinten Nationen und die Europäische Union riefen die internationale Gemeinschaft in einer gemeinsamen Erklärung dazu auf, ihre Unterstützung für die Betroffenen im Katastrophengebiet fortzusetzen. Bisher seien nur rund 53 Millionen US-Dollar für die Hilfsmaßnahmen eingegangen. Wegen der unmittelbar bevorstehenden Regenzeit und des Ausmaßes der Katastrophe seien jedoch weitere Gelder notwendig. „Mehr finanzielle Mittel werden dringend benötigt, damit die Hilfsoperationen fortgesetzt werden können.“ Christos Stylianides, EU-Kommissar für Entwicklungshilfe, kündigte weitere Hilfen der EU-Kommission an. Das Land brauche jetzt am dringendsten Zelte, Decken, Hygieneartikel und Generatoren – aber auch Krankenstationen, Schwestern und Ärzte.

Die US-Raumfahrtagentur Nasa will Nepal mit Daten und Ausrüstung versorgen – unter anderem wurden Radargeräte verschickt, die unter zusammengekrachten Gebäuden eingesperrte Menschen ausfindig machen können.

Unmittelbar nach dem Erdbeben hatten Nepals Behörden zahlreiche schwierige Entscheidungen zu treffen. Eine Kontroverse bahnt sich bereits an: Statt die wenigen Hubschrauber der nepalesischen Behörden in entlegene Regionen des Landes zu schicken, um Verletzte auszufliegen, sind diese tagelang zur Bergung ausländischer Bergsteiger im Hochgebirge im Einsatz. Auch dort herrscht zweifelsfrei Not: Eine Lawine, die vom Beben ausgelöst wurde, hat Teile des Basislagers am Mount Everest zerstört. Mindestens 18 Menschen kamen dabei ums Leben. Hunderte Bergsteiger saßen zudem fest. Behördenvertreter in entlegenen, schwer zugänglichen Regionen beklagten unterdessen, sie hätten kaum oder gar keine Unterstützung aus der Luft erhalten.

„In den ersten Tagen hatten wir das Problem, wer die Hubschrauber zuerst bekommen sollte, Bergsteiger oder vom Beben betroffenen Gemeinden“, sagte ein Mitarbeiter der staatlichen Katastrophenschutzbehörde einer Nachrichtenagentur. „Wir hoffen aber, dass sich die Situation nun nach und nach normalisiert.“ Doch auch jetzt sind gerade einmal 20 Hubschrauber im Einsatz. Eingerechnet sind da bereits die rund ein Dutzend Hubschrauber, die Indien bereits unmittelbar nach der Katastrophe ins Erdbebengebiet geschickt hat. Die Behörden kündigten an, dass Expeditionen ins Hochgebirge in wenigen Tagen wieder aufgenommen würden.

Kulturelles Erbe zerstört. Ein weiteres Opfer des Bebens ist das reiche kulturelle Erbe des Landes. Zahlreiche Tempelanlagen und historische Marktplätze im Kathmandu-Tal – darunter mehrere Unesco-Weltkulturerbe – sind durch die Erschütterungen zerstört worden. Von 57 Monumenten sind nur noch Trümmer übrig. Experten gehen davon aus, dass es Jahre dauern und immense Beträge kosten wird, bis die Kulturschätze wiederaufgebaut sind.

„Ich war schon mehrere Male in Nepal“, sagt Unni Krishnan von Plan International. „Aber so wie jetzt habe ich es noch nie gesehen. Das gesamte Land ist auf die eine oder andere Art in Mitleidenschaft gezogen worden.“ Für eine große Zahl von Menschen habe sich das Leben für immer verändert. „Sie haben Freunde verloren, viele von ihnen auch Familienmitglieder. Viele Kinder haben ihre Eltern verloren.“

Das Beben habe einen großen Teil der Entwicklung, die Nepal – ohnehin schon eines der ärmsten Länder der Welt – in den vergangenen Jahrzehnten bewerkstelligt hat, zunichtegemacht. „Es wird Jahre dauern, um wieder auf den Stand von vor dem Beben zurückzukommen“, sagt Krishnan.

zahlen

6600

Menschen kamen laut offiziellen Angaben durch das schwere Beben der Stärke 7,8 ums Leben. Der Armeechef befürchtet insgesamt 15.000 Tote.

53

Millionen US-Dollar sind bisher für Hilfsmaßnahmen eingegangen. Vereinte Nationen und EU rufen zu weiterer Unterstützung für das Katastrophengebiet auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2015)