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Berliner in Wien: Wo blieb der Klang-Urgrund?

(c) APA/EPA/ANGEL MEDINA G. (ANGEL MEDINA G.)
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Das Konzert unter Rattle provozierte Fragen nach den Tugenden der Berliner Philharmoniker.

Zum Einstand wählten die Berliner Philharmoniker diesmal die „Sinfonietta“ von Leoš Janáček, ein Werk, dessen Partitur gespickt ist mit technischen Schwierigkeiten, vertrackten Läufen, schwer zu koordinierenden Zweiunddreißigstel-Passagen, melodischen Linien, die in extremen Höhenregistern balancieren.

Es gibt nicht viele Orchester in der Welt, die derlei Hexenmeistereien so souverän erledigen wie die Berliner. Das Stück beginnt und endet mit feurigen Trompetenfanfaren, die der Patriot Janáček den nationalistischen Turnvereinen gewidmet hat. Neun Bläser auf der Empore des Musikvereins schmetterten die kriegerischen Klänge zum Zeichen orchestraler Unbesiegbarkeit. Die „Sinfonietta“ gehört, um beim martialischen Vokabular zu bleiben, zu Sir Simon Rattles Schlachtrossen. Nicht von ungefähr führen die Berliner sie nun im Reisegepäck – eine knappe Woche, bevor sie Rattles Nachfolger wählen.

Phrase an Phrase

Bruckners Siebente nach der Pause, ein Stück, an dem sich Sir Simon redlich abarbeitet: Die Berliner fügen Phrase an Phrase, Themengruppe an Themengruppe, lassen auch das Adagio nahtlos fließen, nicht einmal vor dem Beckenschlag gibt es einen retardierenden Atemzug.

Solche Unbeirrbarkeit mag man als Interpretation werten, jedenfalls spielen die einzelnen Gruppen beinah makellos, lassen freilich auch hören, dass in der Ära Rattle wenig Mühe an die harmonische Klangkultur verschwendet wurde. Schon bei Janáček überlegte mancher Musikfreund, wie manche satten Akkorde bei diesem Orchester vor dem Schicksalsjahr 1989 geklungen hätten, wie es auch und vor allem bei Bruckner einen einheitlichen, wohl austarierten Tonfall beherrschte. Davon kann ein Vierteljahrhundert nach Karajans Tod keine Rede mehr sein. Farbmischungen entstehen, jedenfalls hat man den Eindruck, nach dem Zufallsprinzip. Der edle Klang-Urgrund, aus dem heraus die Berliner früher einmal jede Aufführung erarbeiteten, scheint verloren. Am 11. Mai werden wir erfahren, ob das Orchester sich dazu entschließt, derlei Tugenden wiederzubeleben. Oder die aktuelle Volle-Kraft-voraus-Attitüde beizubehalten – dass diese nicht zum Erfolg führte, kann niemand behaupten; der Applaus war auch diesmal heftig. (sin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2015)