Alte Klangkultur oder Rattles „offener“ Kurs?

Am 11.Mai wählen die Berliner Philharmoniker einen neuen Chefdirigenten: Das wird eine Richtungsentscheidung.

Es ist das spannendste Konklave der Musikwelt: Die Berliner Philharmoniker wählen einen neuen Chefdirigenten. Kein Musikerkollektiv der Welt kann so selbstbestimmt und frei über seine künstlerische Zukunft entscheiden wie dieses. Die Wiener Philharmoniker ausgenommen, die freilich keinen Chefdirigenten wählen...

Also blicken die Musikfreunde am 11.Mai gespannt nach Berlin. Die Gerüchteküche brodelt. Das hat allerdings noch nie viel gebracht, denn die Musiker entscheiden wirklich in einem demokratischen Abstimmungsprozess, in den jeder Einzelne Vorschläge einbringen darf.

So ist die Wahl 1989 noch in guter Erinnerung, als gegen jede Prognose Claudio Abbado zum Nachfolger Herbert von Karajans gekürt wurde. Auch Simon Rattle, der amtierende Karajan-„Enkel“, war seinerzeit nicht als Favorit gehandelt worden.

Man darf also gespannt sein. Mehr denn je ist diese Wahl eine Richtungsentscheidung. Will man den freizügigen, in Sachen PR, Vermarktung und Jugendarbeit zeittypisch „offenen“ Kurs weiterfahren, den Abbado lanciert und Rattle ausgebaut hat?

Oder besinnt man sich der eminenten Klangtradition der Berliner, die längst nur noch dem Namen nach das unstrittig „beste Orchester Deutschlands“ sind. Nach den Jahren des Klang- und Probenfanatikers Karajan hat man ein gutes Vierteljahrhundert hörbar wenig Arbeit in die einst tatsächlich beinah konkurrenzlose Klangkultur verschwendet. Weniger „Politur“ mag man sympathisch finden, die Berliner klingen aber jedenfalls verwechselbar, sind eines von vielen Mainstream-Orchestern der ersten Riege.

Kenner sind sich einig, dass es unter den vielen genannten Kandidaten nur einen einzigen gäbe, der imstande wäre, das Ruder herumzureißen und im Wissen um die große philharmonische Tradition seit Furtwängler und Karajan zu agieren: der Berliner Christian Thielemann. Der freilich gilt als schwierig, will auch – was viel Geld kostet – während Tourneen nicht auf Ruhetage verzichten. Er hätte viele deutsche Kritiker gegen sich, die lieber die fashionablen Rundumaktivitäten Marke Rattle verstärkt sähen, statt in Sachen Brahms und Bruckner wieder die unbestrittene Marktführung zu erobern. Wichtig, dass es einen Online-Konzertsaal gibt, weniger wichtig, was in diesem zu hören ist...

Unter den jüngeren interessanten Interpreten dürfte man sich zwischen Andris Nelsons, Kirill Petrenko oder Philippe Jordan noch nicht recht entscheiden können. Kann sein, dass die Berliner auf eine Regenerationsphase setzen, um deren Entwicklung abzuwarten. Mariss Jansons ist unter den älteren Semestern der für das Publikum attraktivste Kandidat, Daniel Barenboim scheint an der Entwicklung des Orchesters immer interessiert und könnte als eine Art „Gastdirigent“ zu binden sein, Riccardo Chailly hat bewiesen, dass er im deutschen Repertoire mehr als solide Leistungen erbringen kann. Mit einem der Genannten ließe sich „durchatmen“. – Wie wir die Berliner kennen, wird am 11. Mai aber alles ganz anders aussehen...

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2015)

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