Von den frühen Zwergmenschen auf Flores lernte ein späterer Einwanderer: Homo sapiens. Das Gehirn der kleinen Inselbewohner war nur so groß wie das eines Australopithecus, ähnelte aber schon unserem.
Ihr Körper war gerade einen Meter hoch, ihr Gehirn kaum größer als eine Grapefruit – 400 Kubikzentimeter, so viel wie das eines Schimpansen, wir haben zwischen 1200 und 1400 –, und doch hielten sie sich über 80.000 Jahre auf der indonesischen Insel Flores, sie, die Zwergmenschen, die offiziell Homo floresiensis und scherzhaft „Hobbits“ heißen und deren Reste 2003 in der Höhle Liang Bua gefunden wurden.
Seitdem sorgen sie unter Anthropologen für Streit, die einen halten sie für einen ganz neuen Menschen, die anderen für Homo sapiens, die durch Krankheiten zwergwüchsig geworden waren. Erst spekulierte man über Mikrozephalie – eine Wachstumsstörung des Schädels –, aber die sieht anders aus, zuletzt kam Kretinismus ins Gespräch, aber William Jungers (Stony Brook, New York) schloss das nach der Analyse von Computertomografien bei einer Tagung der US-Anthropologen Anfang April aus.
Dort stellte auch Dean Falk (Florida State University), Verfechterin eines eigenständigen H.floresiensis, ihre Interpretation des kleinen Gehirns vor: Man hat nur einen Hobbitschädel, er ist 18.000 Jahre alt, vom Gehirn selbst ist natürlich nichts mehr da. Aber was einmal da war, hat sich in die Schädelknochen hineingedrückt, daraus kann das Gehirn rekonstruiert werden: Es gleicht in der Größe dem eines Australopithecus, der vor drei Millionen Jahren in Südafrika lebte, aber gebaut ist es eher wie unser Gehirn: „Es hat sich grundlegend umorganisiert“, erklärt Falk, die diese Strategie für eine Alternative zum Größenwachstum hält (Journal of Human Evolution, 28.2.).
Und es konnte etwas: Die ersten Hobbits lebten vor 100.000 Jahren in der Höhle, sie fertigten mit hoher Kunst Steinwerkzeuge und behielten das Design bei, bis sie vor etwa 11.000 Jahren verschwanden. Dann kamen andere in die Höhle, H.sapiens – und sie produzierten Steinwerkzeuge nach exakt dem gleichen Design. Mark Moore (Armidale, Australien) hat 11.667 Werkzeuge ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass H.sapiens die Technik von H.floresiensis übernahm: „Ohne direkte Beobachtung oder Interaktion wäre das schwer vorstellbar“ (Journal of Human Evolution, 16.4.).
Haben sie miteinander gelebt?
Sind sie einander begegnet, haben sie gar miteinander gelebt? Möglich wäre es, Homo sapiens kam vor 45.000 Jahren auf die Insel. Oder haben sie – als Antwort auf die gleiche Umwelt – unabhängig voneinander gleiche technische Lösungen gefunden? Und wer waren die Hobbits überhaupt? Erst hielt man sie für verzwergte H.erectus, inzwischen gehen die Spekulationen bis dahin, es könnten Australopithecus gewesen sein (die in einer bisher unbekannten Wanderwelle eine Million Jahre vor allen anderen aus Afrika ausgezogen sein müssten).
Es gibt genug zu klären, immerhin können jetzt auch (privilegierte) Laien einen Blick auf einen Hobbit werfen: Auf einer Tagung in Stony Brook wird gerade erstmals eine Nachbildung gezeigt (www.sunysb/edu).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2009)