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Europa nach dem Krieg: 70 Jahre Ausnahmezustand

Europa nach dem Krieg: 70 Jahre Ausnahmezustand
8. Mai 1945, London(c) imago/ZUMA/Keystone (imago stock&people)
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Nach Ende des Zweiten Weltkriegs schienen stetiges Wachstum, Überwindung von Nationalismus und politische Stabilität der Normalfall. Aber das stimmt nicht. Das war ein Ausreißer in Europas Geschichte.

Wien. Die Animation ist ein Internetquotenhit. Sie zeigt die Grenzveränderungen in Europa seit 1000 Jahren. Sie belegt im Zeitraffer, wie sich ständig neue Grenzen bilden, wieder verschwinden, verschoben werden, dann wieder neu entstehen. Irgendwann kommt der Betrachter zum Jahr 1945, und die Landkarte wird in Mitteleuropa ruhig. Nur am östlichen Rand gibt es noch Bewegung. (>>> zum Video) Die Animation versinnbildlicht die Besonderheit der Nachkriegszeit: 70 Jahre lang gab es in Europa mit Ausnahme des Sezessionskriegs in Jugoslawien und der jüngsten Kämpfe in der Ukraine keine kriegerischen Auseinandersetzungen. Gewaltsame Grenzveränderungen gehörten anscheinend der Vergangenheit an. Ist Europa nach dem Schock des Zweiten Weltkriegs, nach all den Verbrechen im Namen des Nationalismus und Rassismus also endlich reifer geworden? Oder war es nur ein vorübergehender Ausnahmezustand?

Nie gab es in der Geschichte des Kontinents einen freiwilligen Zusammenschluss von 28 Staaten, nie eine so generöse Öffnung staatlicher Grenzen wie durch den Binnenmarkt und das Schengen-Abkommen. Der Europäischen Union wird oft vorgeworfen, sie sei von Konzernen gemacht und getrieben. „Sie ist zunächst und wesentlich ein kulturpolitisches Projekt“, schreibt der Essayist Robert Menasse und belegt, dass die Gemeinschaft nicht wegen, sondern trotz der Einwände der Wirtschaftsvertreter 1951 als Kohle- und Stahlunion gegründet wurde. Sie war der Kontrapunkt zum Nationalismus, in dessen Namen militärische und Wirtschaftskriege geführt wurden.

Dass ein Denken in nationalen Dimensionen überwunden werden konnte, hing auch mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den ersten Jahrzehnten nach 1945 zusammen. Sowohl die skeptische Industrie, die von einer gemeinsamen Verwaltung der wichtigsten Ressourcen wenig hielt, als auch die Bevölkerung, die Ressentiments gegen ehemalige Kriegsgegner hegte, wurden in einen Sog des stetig wachsenden Wohlstands gezogen. Zwischen 1950 und 1973 lag das durchschnittliche jährliche Wachstum in Westeuropa bei 4,0 Prozent. Frankreich erreichte 1949 ein Wachstum von 19 Prozent. Selbst das vom Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogene Österreich erlebte Wachstumsraten von bis zu 15,2 Prozent (1951).

Die Idee, dass ein befriedetes und vereintes Europa mehr Gewinn als ein Europa, in dem sich ständig konkurrierende Nationen durch Handelshemmnisse und Protektionismus gegenseitig behindern, bringen kann, schien belegt. Und diese Erkenntnis löste mit politischer Unterstützung sogar alte Feindschaften wie jene zwischen Deutschland und Frankreich auf.

Die heutige EU war lang der Anker dieses Wohlstands und Friedens. Ihre ökonomischen Lebensadern wurden durch eine ständige Erweiterung – die größte 2004 – mit immer neuen Wachstumsmärkten versorgt. Doch seit 2007 ist dieser Antrieb mit der Ausnahme des Beitritts von Kroatien versiegt. Das zu stark finanzmarktgetriebene System zeigt zudem seit 2008 seine Schwächen. Die Perspektive auf ständiges Wachstum hat sich als Illusion herausgestellt.

Sehnsucht nach nationalen Grenzen

Mit dieser Enttäuschung kehren heute jene Phänomene zurück, die über mehrere Jahrhunderte Auslöser von Konflikten auf diesem Kontinent waren. Der Nationalismus, die Sehnsucht nach primärer Verankerung in einem Einzelstaat, wächst wieder. Obwohl die junge Generation das grenzfreie Europa zu schätzen gelernt hat, sucht die Gesamtbevölkerung im Wunsch, der Globalisierung zu entrinnen, erneut die Abgrenzung. In Österreich sahen sich im Herbst 2014 laut einer Eurobarometer-Umfrage wieder 40Prozent der Bevölkerung allein ihrer eigenen Nation verbunden. Das waren um sieben Prozent mehr als ein halbes Jahr zuvor. Jener Anteil, der sich als Österreicher und Europäer fühlt, geht hingegen sukzessive zurück.

Nationale Grenzen, so zufällig sie sich historisch herausgebildet haben, bekommen wieder Bedeutung. In vielen EU-Ländern wie den Niederlanden, Frankreich, aber auch Österreich punkten Parteien, die eine Rückkehr zu Grenzkontrollen propagieren. War die europäische Einigung also nur über ihren vorübergehenden wirtschaftlichen Erfolg erkauft? Vielleicht, denn im Bewusstsein der Bevölkerung ist das gemeinsame Europa nie zum Selbstverständnis geworden. Historiker wie der 1963 verstorbene Ludwig Dehio sehen Europas Geschichte illusionslos als Abfolge von Phasen der Vereinheitlichung und der Aufsplitterung. Am Anfang und am Endpunkt dieser Phasen – das sollte dem Kontinent allerdings eine Warnung sein – standen fast immer Kriege.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2015)