Der Uhrenhersteller protestiert in großen Anzeigen gegen die Polemik des Premiers – was für ein PR-Coup!
Welche Stunde hat Rolex da geschlagen? Wenn ein Schweizer Produzent von Luxusuhren einen offenen, ganzseitigen Brief in allen wichtigen italienischen Zeitungen schaltet, sich darin bitter über Premier und Innenminister beklagt und förmlich eine Entschuldigung fordert, muss ja wohl einiges passiert sein. Ruiniertes Image, zerstörter Ruf – oder nur ein Ritt auf der schönsten Werbewelle seit Langem?
Fangen wir zur Klärung ganz von vorn an: bei der Expo-Eröffnung in Mailand. Neben Glanz und Gloria gab es da auch eingeschlagene Fensterscheiben und Brandsätze. Eben die übliche Protest-Folklore rabiater Radaubrüder, die heute bei keinem Großereignis des Großkapitals fehlen darf. Aber ein Pressefoto machte deutlich, wie gewohnte soziologische Raster ins Wanken geraten. Darauf zu sehen ist eine genregerecht in Schwarz vermummte Demonstrantin, mit dem adäquaten Accessoire einer Spraydose. Doch beim Zücken der Graffiti-Waffe gegen das Schaufenster einer Bankfiliale entblößt sie das Handgelenk. Und dort sieht man – nun ja, etwas, was einer Rolex zumindest ziemlich ähnlich sieht.
Grund genug für Innenminister Alfano, vor dem Parlament den Volkszorn in seine eigenen herzhaften Worte zu kleiden: „Die üblichen Halunken mit Kapuzensweater und Papasöhnchen mit der Rolex“ hätten sich zu einer üblen Koalition verschworen. Regierungschef Renzi setzte nach: „Halbstarke mit der Rolex.“ Auf gut Österreichisch: wohlstandsverwahrloste Gfraster. Da konnte der Italien-Chef des Uhrenherstellers ja gar nicht anders, als seinem Ärger Luft zu machen, freilich der Marke gemäß großspurig und teuer. Zwischen den höflich-hochtrabenden Zeilen seines Briefs bebt der Zorn über die „inakzeptable Verbindung des Images von Rolex“ mit der „Welt subversiver Gewalt“. Dabei sei ja gar nicht sicher, ob man auf dem Foto wirklich eine Rolex sieht, geschweige denn, ob sie echt ist.
Genüsslich erinnert sich nun die italienische Öffentlichkeit an den Rücktritt des Infrastrukturministers Lupi im März – gestolpert über eine 10.000-Euro-Rolex, die sich sein Sohnemann von einem Unternehmer zur Sponsion hat schenken lassen. Und schon kursieren Fotos, auf denen auch Renzi selbst eine Rolex trägt. Grande cinema! Doch es bleibt der Verdacht, dass hinter der unternehmerischen Erregung ein schlaues Kalkül steckt. Schon das Name-Dropping durch die hohen Politiker im Hohen Haus war in Wahrheit eine grandiose Gratiswerbung. Da lohnt es sich locker, im Marketingbudget ein paar hunderttausend Euro für Inserate draufzulegen. Denn wann disputiert schon ein ganzes Land über eine Zeitungsanzeige?
Wenn Rolex wirklich um sein Image fürchtet, heißt es tiefer graben. Auch hierzulande steht der Klunker nicht gerade für dezenten Luxus. Sicher wirkt die weltweite Bekanntheit als Fluch: Keine Uhrenmarke wird so oft gefälscht. Wer wirklich Geld hat, protzt nicht mit einer „Prolex“. Und so schwingt beim unbescheidenen Chronometer stets ein wenig das Flair des Neureichen, des Parvenus mit, in seiner goldenen Version geradezu das des Zuhälters. Falls sich das Management von Rolex über meine Worte empört: Ganzseitige Inserate werden gern angenommen. Mille grazie!
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