Das Jerusalem Quartet spielte Mozart, aber auch Janáček perfekt. Elisabeth Leonskaja nahm sich mit ihm bei Schumann Zeit für Rede und Gegenrede.
Großen Jubel gab es im Mozartsaal für das Jerusalem Quartet, das eines der führenden Quartett-Ensembles unserer Tage ist – und diesmal hellhörige Wiener Kammermusikfreunde überrascht haben dürfte.
Da ist einmal die unglaublich homogene Spielweise der vier. Ein Werk wie Mozarts G-Dur-Quartett (KV 378) aus der Reihe der Haydn-Quartette erklingt bei ihnen wie aus einem Guss, als ob sie am Beginn des Stirnsatzes mit einer Phrase anhöben, um diese nahtlos bis zum letzten Takt des Finales zu führen.
Derart weich ausbalancierte, in sich aber höchst lebendig modellierte Bögen können nicht viele Ensembles spannen. Hinzu kommt ein Perfektionsgrad in der Intonation, der freilich jede kleinste Trübung zum Nadelstich werden lässt. Im Licht der höchsten Klarheit wirft jeder minimal aus der Reihe tanzende Grashalm düstere Schatten.
Dann fragt sich, ob es so etwas wie eine instrumentale Gesanglichkeit geben kann. Mozart schreibt über sein Andante ausdrücklich „cantabile“ – und man fragt sich angesichts der makellosen Phrasen der Jerusalemer, ob sie je einen Ausflug in eine Oper gemacht haben, um Sängern zu lauschen, wie sie Mozart-Rezitative aus der Wortbedeutung heraus gestalten. Am Beginn der Durchführung im ersten Satz von KV 378 gibt es schon einen Moment, in dem ein solches „Rezitativ“ den zuvor brillant ungebremsten Ideenfluss zu bremsen scheint.
Virtuose Geiger, ruhiges Klavier
Dieser Moment hat bei den vieren gar nichts Dramatisches. Er scheint sich ganz mathematisch klar aus der Umsetzung der instrumentalen Vorgaben zu ergeben. Interessanterweise nimmt sich auch ein aufwühlendes Werk wie Janáčeks Zweites Streichquartett im bis in die höchsten Lagen der Primgeige perfekten Spiel des Jerusalem Quartets eher als virtuoses Spiel mit kühnen thematischen Verknüpfungen aus als wie eine persönlich bewegende Rezitation „Intimer Briefe“, von der Janáčeks Untertitel kündet.
Nach der Pause aber Elisabeth Leonskaja und eine vom ersten Takt des Schumann-Klavierquintetts an völlig umgewertete Herangehensweise an den Notentext: Bei Passagen, die von den vier Streichern nach den Erfahrungen im ersten Konzertteil gewiss in einem großen Atemzug abgewickelt worden wären, nimmt sich die Pianistin Zeit, um Rede und Gegenrede ruhevoll abzuwägen. Zwei Welten prallten da aufeinander – derlei Konfrontationen zählen nicht zum Schlechtesten, das die Kunstwelt zu bieten hat: Musiker wie Hörer beginnen dann vielleicht übers Musizieren und übers Zuhören nachzudenken; und wie relativ manchmal alles sein kann, Präzision, Zusammenspiel – Musiker wussten das ja bekanntlich lang vor Albert Einstein...
Als Zuwaag' gab's dann nach lautem Applaus noch die Dumka aus Antonín Dvořáks Klavierquintett; da geht jedem Konzertbesucher ja spätestens beim Eintritt des Seitenthemas das Herz auf; gleich wie genau die Dinge vermessen worden sein mögen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2015)