Die vergessenen Kinder des Krieges

Kriegsfolgenforschung. Der Krieg nimmt und bringt Kinder: als Folge von Liebesaffären, Prostitution und Vergewaltigung. Doch die Kinder des Feindes waren zumeist nicht willkommen.

Oktober 1945. „Immerhin – zu Seifenlauge und Stricknadel hast du nicht mehr gegriffen.“ Diese Worte richtet eine Grazerin, deren Vater ein britischer Soldat war, in ihrem autobiografischen Text an ihre Mutter. Die Zeithistorikerin Barbara Stelzl-Marx schätzt die Zahl der Kinder von Besatzungssoldaten in Österreich zwischen 1945 und 1955 auf 30.000. Das ist in etwa die Einwohnerzahl von Bregenz. Der Krieg und die Besatzungszeit wirkten lang auf die Gesellschaft nach. Die abfällig „Russenkinder“ bezeichneten – und Kinder in anderen Besatzungszonen – wurden jahrzehntelang diskriminiert und waren von einer Mauer des Schweigens umgeben.

Die Leiterin des Grazer Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung, Stelzl-Marx, und Silke Satjukow, Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Magdeburg, bringen nun im Böhlau-Verlag ein Buch heraus, das den „vergessenen“ Kindern gewidmet ist. Das Buch „Besatzungskinder“ wagt erstmals einen Überblick mit wissenschaftlichen Ergebnissen von Historikern, Soziologen, Pädagogen und Psychologen. Die eigentlichen Protagonisten werden aber nicht vergessen und berichten in mehreren Aufsätzen über ihre Erlebnisse.

Die Aufarbeitung ist wichtig, weil diese Kinder in der Forschung jahrzehntelang unbeachtet blieben. Auch der Staat unterstützte sie kaum, obwohl die meisten alleinerziehenden Mütter in finanziell desaströsen Verhältnissen lebten und von der Gemeinschaft in Dorf und Stadt allzu oft stigmatisiert wurden. Die Kinder waren – ob aus Liebesbeziehungen, pragmatischen Versorgungspartnerschaften oder durch sexuelle Gewalt entstanden – schließlich „Kinder des Feindes“. Gerade die emotionalen, autobiografischen Texte veranschaulichen, was das für die Kindheits- und Jugendjahre bedeutete.

Schwierige Suche nach dem Vater

Die Mütter wussten, dass die Herkunft der Kinder eine gesellschaftliche Ächtung nach sich zog. Sie tabuisierten und verheimlichten die Abstammung des Nachwuchses häufig, sofern das möglich war. Denn Frauen gingen auch Beziehungen mit Afrikanern ein – in den US-amerikanischen Besatzungszonen oder im französisch-marokkanisch besetzten Vorarlberg. Doch die „braunen“ oder „schwarzen“ Nachkriegskinder schienen aus dem „weißen“ österreichischen Gedächtnis spurlos verschwunden zu sein.

Entscheidend für die Kinder war und ist vor allem eines: die Suche nach dem Vater. Die Väter waren bereits oft in ihre Heimat zurückgekehrt, bevor der Nachwuchs zur Welt kam. Vaterschaftsfestlegungen ließen sich schwer oder gar nicht durchsetzen. In der sowjetischen Zone war dies gar verboten. Viele Betroffene erfuhren erst bei der Durchsicht des mütterlichen Nachlasses etwas über ihre biologische Herkunft. Die Frage nach der eigenen Identität ist zentral und zieht sich durch sämtliche Texte des Buches. (por)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2015)

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