Horrorfilme im Laborexperiment

Melanie Wegerer
(c) Die Presse - Clemens Fabry

Porträt. Melanie Wegerer erforscht die Erinnerung an traumatische Erlebnisse: Östrogen fördert bei Frauen nach negativen Ereignissen, dass Angstreaktionen unterdrückt werden.

Es war nur ein harmloser lauter Knall. Und doch fand sich der junge Mann plötzlich zusammengekauert unter dem Tisch wieder. Im Moment großer Angst prägen sich nicht nur das Ereignis selbst, sondern auch damit verbundene Geräusche, Gerüche oder Bilder tief ins Gedächtnis ein. Der Knall hat den Mann, der den Bosnien-Krieg erlebt hat, an einen Schuss und die Lebensgefahr erinnert. Die Psychologin Melanie Wegerer beschäftigt sich mit solchen Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung. In ihrer Dissertation untersuchte sie den Einfluss von Östrogen auf das Angstgedächtnis. Ein Ergebnis: Ist zum Zeitpunkt des Traumas bei Frauen viel des Geschlechtshormons vorhanden, schützt es sie vor allzu starken belastenden Erinnerungen.

Die Ursachen von Angststörungen und Depressionen interessieren die Psychologin schon lang. Sie will mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass den Patienten besser geholfen werden kann. Nach der Matura in Linz begann Wegerer ein Biologiestudium. Doch nach einem Jahr wechselte sie zu Psychologie. „Biologie war zu viel Reagenzglas und zu wenig nahe am Menschen“, sagt Wegerer. In ihrer Arbeit kann sie nun beide Fachrichtungen verbinden. Sie beschäftigt sich intensiv mit den biologischen Grundlagen psychischer Prozesse.

In München untersuchte sie mit einem Team aus Psychologen, Ärzten, Chemikern und Genetikern die Zusammenhänge zwischen genetischen Merkmalen und Hirnstrommessungen (EEG) in Familien mit depressiven Störungen. Daraus entstand ihre Diplomarbeit. Es stellte sich heraus, dass es einen Zusammenhang zwischen bestimmten genetischen Voraussetzungen, höherer körperlicher Empfindsamkeit und Depression gibt. „Körperliche Missempfindungen, Schmerzen und Depression schaukeln sich gegenseitig auf“, erklärt Wegerer.

2011 erhielt sie an der Uni Salzburg einen Platz im FWF-Doktorandenkolleg Imaging the Mind und arbeitete im Klinischen Stress- und Emotionslabor von Frank H. Wilhelm. Wegerer untersuchte im Laborexperiment, warum manche Menschen Umgebungsreize stärker mit einem angstvollen Erlebnis verknüpfen als andere. Dazu zeigte die Dissertantin 100 Testpersonen Ausschnitte aus Horrorfilmen und setzte sie gleichzeitig verschiedenen Umgebungsreizen – wie dem Ticken einer Uhr – aus. Im Labor wurden die physiologischen Angstreaktionen der Probanden gemessen.

„Menschen, die die Umgebungsreize stärker mit den Trauma verknüpfen, haben später im Alltag mehr belastende Erinnerungen“, sagt Wegerer. Einen entscheidenden Einfluss dabei spielt das weibliche Geschlechtshormon Östrogen. Frauen, die zum Zeitpunkt der Untersuchung höhere Östrogenwerte hatten, zeigten weniger nachhaltige Verknüpfungen zwischen dem belastenden Ereignis und Umweltreizen. Sie hatten daher später weniger belastende Erinnerungen. Wegerer schließt daraus, dass Östrogen auf die Unterdrückung von Angstreaktionen im Gehirn einen positiven Effekt hat.

 

Psychotherapie an Zyklus anpassen?

„Das Östrogen ist kurz vor dem Eisprung am höchsten. Angst ist nicht förderlich, wenn man sich auf die Suche nach jemandem für die Fortpflanzung macht“, mutmaßt Wegerer. Der mögliche Nutzen für betroffene Patientinnen: In Zyklusphasen mit hoher Östrogenausschüttung könnten Therapien wie etwa die Expositionstherapie, bei der sich Patienten Reizen und Situationen aussetzen, die an das Trauma erinnern, wirksamer sein.

Ob das zutrifft, kann die junge Forscherin bald auch in der Praxis untersuchen. Sie macht gerade eine Ausbildung zur Klinischen und Gesundheitspsychologin in Wien. In der Forschung will sie sich weiter mit dem Wechselspiel zwischen Hormonen und Ängsten beschäftigen.

ZUR PERSON

Melanie Wegerer (30) stammt aus Oberösterreich. Die Psychologin erhielt nach ihrer Diplomarbeit am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München eine Doktorandenstelle in Salzburg. Dort erforschte sie den Einfluss weiblicher Geschlechtshormone auf posttraumatische Belastungsstörungen. Zurzeit ist Wegerer an der Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien und in Ausbildung zur Klinischen und Gesundheitspsychologin.

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