Schnellauswahl

Figaro überlebt die Revolution

FOTOPROBE: 'LA MERE COUPABLE'
FOTOPROBE: 'LA MERE COUPABLE'APA/HERBERT NEUBAUER
  • Drucken

Im Theater an der Wien stellt man Darius Milhauds 1966 entstandene Vertonung des postrevolutionären Finales von Beaumarchais "Figaro"-Trilogie,"La mère coupable", zur Diskussion.

Ein wenig sägt die Sache an den Nerven. Nicht, weil die auf Sacher-Masoch-komm-raus psychologisierende Inszenierung Herbert Föttingers tiefe Wunden aufrisse. Sondern weil man nach einiger Zeit den Eindruck gewinnen könnte, ein kleines Archivteufelchen hätte im Stimmenmaterial des Wiener Radio-Symphonieorchesters über Nacht flächendeckend dissonante Gegenstimmen notiert, die jeweils in Sekund- oder Septimreibung zu den vorgegebenen Instrumentallinien akustische Widerhaken hinzufügen.

Darius Milhaud, einer der bedeutendsten Vertreter der frechen französischen Moderne, hat Pierre Augustin Caron de Beaumarchais dritte, postrevolutionäre „Figaro“-Komödie, „La mère coupable“, 1966 vertont. Milhaud liebte das frisch-grelle Aufbegehren gegen alte melodische Musiziertraditionen und neue mathematische Avantgardevorschriften. „Bitonalität“ ist das meistzitierte Stichwort in den (vergleichsweise spärlichen) Abhandlungen, die sich zu seiner Musik finden.

Das Rezept dazu lautet etwa so: Füge zu einem Stück, das ganz klassizistisch in C-Dur gefertigt ist, eine Begleitstimme in Fis-Dur hinzu. Schon schreckt sich das bürgerliche Publikum, die Connaisseurs aber werden über so viel unverkrampften Zugang zur Tradition entzückt sein.


Zu gleichförmig und eintönig. Das ist ein bisschen platt ausgedrückt, zugegeben, doch tönt das klangliche Ergebnis solcher akustischen „Übermalungen“ altvertrauter Strukturen in aller Regel eben nicht wie Strawinskys „Petruschka“ (bei dem der genannte Trick raffiniert zur Anwendung kommt), sondern mangels schöpferischer Fantasie der Komponisten eher wie oberflächliches Geklingel. Dieses nutzt sich rasch ab, es sei denn, die Interpreten verstehen sich auf den Feinschliff, der nötig ist. Farbliche Nuancen, rhythmische Akkuratesse, dynamische Differenzierungen könnten die vielgestaltigen Anspielungen auf Bekanntes, die Zerrbilder und artifiziellen Verspiegelungen bunt und abwechslungsreich wirken lassen. Das RSO unter Leo Hussein spielt freilich in einem allzu gleichförmigen Dauer-Forte drauflos. Das wirkt bald eintönig, zumal vor allem die nötige rhythmische Agilität auf der Strecke bleibt. Die an sich gute Idee, die Vertonung von Beaumarchais drittem, kaum bekannten „Figaro“-Drama endlich einmal auf die Bühne zu bringen, bedürfte liebevollerer Sachwalterschaft. Ein paar Proben mehr, die Sache hätte feinsinniger klingen können. Schon die einleitend gespielte „Maurerische Trauermusik“ litt ja unter irritierenden Intonationsmängeln, als wollte man die bewusst „angeschrägte“ Harmonik Milhauds vorwegnehmen.

Im Theater an der Wien stellt man Darius Milhauds 1966 entstandene Vertonung des postrevolutionären Finales von Beaumarchais "Figaro"-Trilogie,"La mère coupable", zur Diskussion. Die Anleihe bei Mozart untermalt die Regie-Idee eines Prologs: Herbert Föttinger zeigt zu Beginn das Begräbnis des älteren Sohnes des Grafen Almaviva. Auch sonst bringt er Figuren auf die Bühne, die von Beaumarchais und Milhaud nicht vorgesehen sind: Doppelgänger und den längst auf dem Feld der Ehre gefallenen Cherubin, der, wie sich herausstellt, der wahre Vater des zweiten jungen Grafen ist, der als Stammhalter nun aus dem Kloster zurückbeordert wurde. Im Haus – in der Wiener Inszenierung eine von vier großen Lifttüren dominierte Hotelhalle aus den Sechzigerjahren des 20.Jahrhunderts (Bühne: Walter Vogelweider) – lebt auch eine Ziehtocher, Florestine, die wiederum in Wahrheit die leibliche Tochter des Herrn Grafen ist. Die Früchte der Seitensprünge fallen einander zu; aber nur über Umwege. Ein Intrigant namens Begearss versucht, sich das Geld des Grafen und Florestines zu angeln; mit dem Verweis auf die Unmöglichkeiten einer inzestuösen Verbindung.

Figaro, wer sonst, bringt die wahren Umstände ans Licht: Der „neue Tartuffe“ (so der ursprüngliche Titel der Komödie) macht sich aus dem Staub – und die ganze Gesellschaft drängt sich in eine Liftkabine zusammen. Man muss miteinander auskommen, gleich, welche seelischen Schäden man einander schon zugefügt hat.

Diese Moral von der Geschicht' untermauert Föttinger mit zahlreichen Adventkalender-Scharaden. Was ist es, was in den kleinen Kämmerchen, die sich öffnen und wieder schließen, sichtbar wird? Die verdrängten Ängste, Begierden, Visionen der handelnden Personen? Eine „andere Gräfin“ wäscht sich mit Blut, eine „andere Florestine“ bereitet sich zur Auspeitschung vor . . .

Die Entfaltung der Beziehungen zwischen den Darstellern des Verwirrspiels werden durch solche Zusatzangebote eher behindert. Aber gespielt wird unter Föttingers Führung engagiert: Angelika Kirchschlagers verschmitzte Suzanne räumt der Dramaturgie halber bald für die (auch durch übermäßigen Alkoholkonsum) zerstörte Gräfin (Mireille Delunsch) und die bagschierliche Florestine (Frederikke Kampmann) das Feld.


Singen gegen Dauerbeschallung. Die Damen sind hier die Getriebenen: Stephane Loges gibt dem intriganten Begearss souveränes Profil und verliert erst ganz zuletzt die Fassung. Aris Argiris als Figaro kommt sogar vokal gegen die orchestrale Dauerbeschallung an, verwandelt das Finale des ersten Akts mit einem kraftvoll bassbaritonalen Wutausbruch in eine effektvolle Opernnummer. Markus Butter hat als Graf dagegen mehr Schwierigkeiten, im polytonalen Gewühl liedhaftere Entfaltungsmöglichkeiten ausfindig zu machen. Nur das Liebespärchen tut sich leicht: Ihm schenkt Milhaud ein – von einer poetischen Sopranarie eingeleitetes – Duett, in dem sich die Stimmen (neben dem hellen Spielsopran der Florestine auch der Tenor von Andrew Owens) sanft mischen können. Ein rarer Ruhepunkt.

Der Rest ist ein wenig mühsam, aber für Neugierige die seltene Möglichkeit, „Figaro Teil 3“ in einer szenischen Produktion zu erleben. Der ORF schneidet (akustisch) mit und produziert damit ein Desideratum im Aufnahmenkatalog der jüngeren Musikgeschichte. Auf Ö1 ist „La mère coupable“ am 16. Mai zu hören (19.30 Uhr).

zum Stück

„La mère coupable“: Oper in drei Akten (1966); Musik von Darius Milhaud; Libretto von Madeleine Milhaud nach dem Stück „L'autre Tartuffe ou la mère coupable“ von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais.

Im Theater an der Wien wird das Stück in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln gezeigt. Musikalische Leitung: Leo Hussain, Inszenierung: Herbert Föttinger, Bühne: Walter Vogelweider, es spielt das ORF Radio-Symphonieorchester Wien.

Darsteller: Markus Butter (Le Comte Almaviva), Mireille Delunsch (Comtesse Almaviva), Andrew Owens (León), Frederikke Kampmann (Florestine), Aris Argiris (Figaro), Angelika Kirchschlager (Suzanne), Stephan Loges (Begearss),

Vorstellungen: 10., 12., 15., 17. Mai, Theater an der Wien

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2015)