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Die stillen Begleiter am Ende des Lebens

Hilda Jäger ist Gast, Mohammed Amini ehrenamtlicher Mitarbeiter im Tageshospiz der Caritas in Liesing.
Hilda Jäger ist Gast, Mohammed Amini ehrenamtlicher Mitarbeiter im Tageshospiz der Caritas in Liesing.Die Presse
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Palliativstationen und Hospize wären ohne die Hilfe von ehrenamtlichen Mitarbeitern kaum machbar. Für die Freiwilligen selbst ist die Arbeit mit Sterbenden oft eine immense Bereicherung.

Am liebsten mag Hilda Jäger die Atemübungen. „Manchmal schlafen wir dabei auch ein.“ Was aber kein Problem ist, denn es geht entspannt zu, hier im Tageshospiz. Zeichnen, Singen, Qigong, vielleicht auch einmal eine Massage. Oder nach dem Essen einfach nur ein bisschen liegen und schlafen. Einmal pro Woche wird die 88-Jährige morgens von ihrer Wohnung in Simmering abgeholt und nach Liesing gebracht. Und sie ist jedes Mal traurig, wenn um 14 Uhr ihr Fahrer wieder vor der Tür steht, um sie heimzubringen.

Hospiz, das klingt nach Sterben, nach Abschied, nach Tod. Doch eine Atmosphäre von Trauer ist hier nicht zu spüren. Man sitzt beisammen, lauscht Geschichten – vielleicht etwas lauter erzählt, damit es auch jeder hört. Es gibt Essen, es gibt Wohlfühlangebote, aber auch Wickel, um Schmerzen zu lindern. Ein Seelsorger ist da, bei Bedarf können Befunde mit Ärzten besprochen werden. Doch vor allem sind es ein paar Stunden in einer familiären Atmosphäre. Einer Atmosphäre, in der unheilbar kranke Menschen eine schöne Zeit verbringen, den Alltag mit der Krankheit ein wenig hinter sich lassen können. Dementsprechend spricht hier auch niemand von Patienten – die Menschen, die hierherkommen, sind Gäste.


Unbezahlte Arbeit

Mohammed Amini ist einer derjenigen, der dafür sorgt, dass sich die Menschen hier wohlfühlen. Er hilft mit, das Frühstück zuzubereiten. Er setzt sich zu ihnen und hilft bei der Maltherapie. Er bringt ihnen Getränke. Plaudert mit den Gästen, hat aber auch ein Ohr für Angehörige – denn auch für sie soll es eine Entlastung sein, eine Möglichkeit, über Dinge zu sprechen, über die man daheim nicht sprechen kann. „Ein fescher junger Mann“, sagt Hilda Jäger und blinzelt dem 34-Jährigen zu. „Wenn ich noch 50 Jahre jünger wäre...“

Es sind Menschen wie Mohammed Amini, die dafür sorgen, dass das Hospizwesen überhaupt funktionieren kann. 25.036 unbezahlte Stunden im Dienst der Caritas Wien leisteten ehrenamtliche Hospizmitarbeiter wie er im Vorjahr. Von den 289 Mitarbeitern des mobilen Caritas-Hospizes der Erzdiözese Wien waren 235 ehrenamtliche. Gerade im Hospiz- und Palliativwesen, das fast ausschließlich von Spenden lebt, ginge es ohne sie nicht.

Allein im Tageshospiz St.Barbara in Liesing arbeitet rund ein Dutzend Menschen unentgeltlich an den beiden Öffnungstagen mit. Amini, ein gebürtiger Iraner, der in Graz studierte und seit fünf Jahren in Wien lebt, ist immer dienstags hier. Vor etwa zwei Jahren sei er beruflich flexibler geworden – und so beschloss der freischaffende Musiker, der in Orchestern Oboe spielt und auch Privatstunden gibt, sich zu engagieren. „Das war auch eine Tradition in meiner Familie.“


An Grenzen gestoßen

So fragte er bei der Caritas nach Möglichkeiten. „Ich wollte nicht zwangsläufig in ein Hospiz, aber auf jeden Fall in den sozialen Bereich.“ Schließlich landete er aber tatsächlich in jenem Bereich, in dem es um die Betreuung unheilbar kranker und sterbender Menschen geht. Im mobilen Hospizdienst, bei dem Menschen zu Hause betreut werden, und eben auch im Tageshospiz. „Hausbesuche sind schwieriger, weil man da allein mit den Patienten ist“, erzählt er. Und das eine oder andere Mal stieß er dabei auch an seine Grenzen – etwa bei einem Patienten mit einer psychischen Krankheit. „Er hatte immer wieder Stimmungswechsel – und ich hatte nicht das Gefühl, dass er sich in meiner Anwesenheit besser fühlt.“

Umgekehrt hat er genau dieses Gefühl, wenn er im Tageshospiz mit den Gästen arbeitet. Es sind unheilbar kranke Menschen, die aber noch begrenzt mobil sind. Wie oft sie hierherkommen, ist unterschiedlich. Manche sehen die Mitarbeiter nur zwei-, dreimal. Andere wie Hilda Jäger gehören schon seit fast drei Jahren zu den Gästen: „Ich bin schon zweimal von der Onkologie wieder heimgegangen“, erzählt sie. Die Hände, die tun ihr schon weh, es fällt ihr schwer, nach Dingen zu greifen. Die Augen lassen nach. Ohne Hörgerät versteht sie kaum mehr etwas. Und Fortbewegung ist nur mehr mit dem Rollstuhl möglich. Doch trotz allem wirkt sie hier im Tageshospiz nicht unglücklich.


Man kann viel lernen

„Ich werde daheim gut betreut, meine Nichte kümmert sich um mich. Und ich habe immer wieder Besuch“, erzählt sie. „Nur niemand will etwas vom Sterben wissen.“ Im Hospiz ist das anders. Hier kann sie auch über dieses Thema sprechen. Mit anderen Gästen, die vielleicht ganz ähnliche Gefühle haben. Und natürlich mit ehrenamtlichen Mitarbeitern. „Wir reden mit den Gästen über Gott und die Welt“, sagt Amini, „von Alltags-Small-Talk bis ins Philosophische.“ Es sind Gespräche, von denen nicht nur die Gäste profitieren, auch die Ehrenamtlichen haben etwas davon. „Man kann dabei viel lernen“, meint der 34-Jährige, „denn man redet über Themen, über die man sonst eben nicht so viel spricht.“

Gelegentlich wird er von Freunden gefragt, ob ihn die Tätigkeit im Hospiz nicht deprimiere – immerhin ist er dort ja von Menschen umgeben, die schwer krank sind, die vielleicht nicht mehr lang zu leben haben. Und die dem drohenden Tod womöglich voller Angst entgegensehen. Doch für Amini gibt es auch ganz andere Erfahrungen: „Wenn man sieht, dass jemand einen schlechten Tag hat, kann man ihn beruhigen. Und wenn man dann sieht, wie er mit einem Lachen wieder rausgeht, hat man das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben.“

Es ist eine Aufgabe, die viel menschliches Gespür erfordert. Situationen, in denen Menschen Grenzerfahrungen machen, brauchen aber auch Helfer, die wissen, was sie tun. Dementsprechend ist ehrenamtliche Mitarbeit erst nach Absolvierung eines Kurses möglich. Einführungskurs für Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung ist der Name der Ausbildung, bei der Interessierte sich unter anderem mit dem eigenen Sterben auseinandersetzen müssen. Geübt wird aber auch die richtige Kommunikation – und das auf allen Ebenen. Denn gerade im Hospiz kann etwa auch Schweigen die richtige Art der Kommunikation sein. Und bei Menschen, die sich nicht mehr artikulieren können, ist es auch wichtig, nonverbale Anzeichen zu erkennen, etwa zu erkennen, ob ein Patient gerade Nähe braucht oder lieber in Ruhe gelassen werden will.


Emotional fordernd

„Es geht auch darum, Haltung zu erlernen“, sagt Karin Weiler, die den Kurs für Ehrenamtliche im Kardinal-König-Haus leitet. „Unter anderem, um sich selbst zurücknehmen zu können.“ Auch muss man fähig sein, im Team zu arbeiten – denn nur auf sich allein gestellt ist man schnell überlastet. Gerade in einem Umfeld, das emotional fordernd ist – wenn etwa ein Mitarbeiter zu einer Sitzwache gerufen wird: Wünscht sich jemand, beim Sterben nicht allein zu sein, sitzt ein Ehrenamtlicher neben ihm. Meist ganz still – und trotzdem intensiv präsent. Rund eineinhalb Stunden dauert eine solche Sitzwache, danach wird man abgelöst.

Klar muss auch sein, dass ehrenamtliche Mitarbeiter nicht die Rolle von Familienmitgliedern übernehmen können. Und dass es auch schwierig sein kann, ein freundschaftliches Verhältnis mit Patienten einer Palliativstation zu beginnen. „Eine professionelle Distanz“, sagt Weiler, „bietet einen gewissen Schutz.“ So bleibt man beim Umgang mit Patienten in der Regel beim Sie. Ehrenamtliche werden auch davor gewarnt, ihre Telefonnummern weiterzugeben – damit man nicht plötzlich auch außerhalb der Dienstzeiten ständig verfügbar ist.

Ganz abschalten lässt sich die Arbeit aber ohnehin nie. „Manche Situationen nimmt man mit nach Hause“, sagt Michaela de Rosa. Die 47-Jährige arbeitet seit zwei Jahren ehrenamtlich im Hospiz der Caritas Socialis am Rennweg. Und ist dort tatsächlich mit Menschen konfrontiert, die nur mehr wenige Tagen, vielleicht ein paar Wochen zu leben haben. Für pflegerische Aufgaben gibt es andere, sie ist vor allem hier, um mit den Menschen zu reden. Ihnen die Hand zu halten. Das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein.


Tod der Mutter

Ihren Job in der Hotelbranche hat sie sich so eingeteilt, dass sie jeden Freitagvormittag für drei bis vier Stunden im Hospiz arbeiten kann. Auf die Idee dazu kam sie durch den Tod ihrer eigenen Mutter, die von einer Krankenschwester eine intensive Sterbebegleitung erfuhr. „Und ich habe schon so viel Zeit verplempert – also habe ich bei der Caritas Socialis angerufen und mich gemeldet.“

Menschen beim Sterben zu beobachten sei natürlich manchmal hart. „Aber dadurch, dass man weiß, wo man ist, nämlich in einem Hospiz, weiß man auch, was gerade passiert.“ Für sie ist die ehrenamtliche Tätigkeit eine Möglichkeit, „Zeit zu schenken und etwas Gutes zu tun“. Und nicht zuletzt lerne man viel über sich selbst. Dass es in schwierigen Situationen etwa kein Zeichen von Schwäche ist, auch Hilfe für sich selbst zuzulassen. Und dass so manches Problem, das einen beschäftigt, nach dem Gespräch mit einem Sterbenden plötzlich ganz klein wird. „Für mich ist die ehrenamtliche Arbeit eine unglaubliche Bereicherung“, sagt de Rosa. „Es erdet.“

Lexikon

Hospiz. Einrichtung für schwerkranke und sterbende Menschen. Neben stationären Hospizen gibt es auch mobile Hospizteams, für zu Hause. In Krankenhäusern integriert spricht man auch von Palliativstationen.

Tageshospiz. Tageweise können Patienten und Angehörige in angenehmer Atmosphäre entspannen.

Palliativmedizin. Die Behandlung von unheilbar kranken Menschen, die auf die Beherrschung von Schmerzen und Beschwerden abzielt. Die Verlängerung des Lebens steht nicht im Fokus, sondern die Lebensqualität.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2015)