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Bettenchaos in Wiens Spitälern

Leeres Krankenbett in einem Krankenhaus
Die Zahl der Gangbetten in Wiener Spitälern hat in den vergangenen Monaten stark zugenommen.BilderBox
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Gangbetten sollten im Spitalsalltag die Ausnahme sein, wurden aber zuletzt zur Regel. Dabei hat Wien eine der höchsten Bettendichten der Welt.

Manche Dinge glaubt man erst, wenn man sie mit eigenen Augen sieht. Eine Schlange beispielsweise, die ein Krokodil verschlingt. Oder den Sitz in der First Class eines Flugzeuges, der tatsächlich zu einem richtigen Bett wird. Oder eine Mutter, die frisch entbunden hat, und in einem Bett am Gang eines Wiener Spitals liegt. Mit ihrem Baby im Arm. Und das tagelang, weil die regulären Betten besetzt sind. In den vergangenen Monaten alles andere als eine Ausnahme.

Wer etwa zwischen November 2014 und April 2015 stationär auf den Lungenabteilungen des Otto-Wagner-Spitals aufgenommen wurde, hatte gute Chancen, zumindest einen Teil seines Aufenthaltes auf dem Gang der Station zu verbringen. Denn in diesem Zeitraum gab es dort keinen einzigen Tag, an dem nicht mehrere Patienten in sogenannten Überbelagsbetten, auch Gangbetten genannt, übernachten mussten. Sonst hätte man die Versorgung nicht aufrechterhalten können.

Die Nutzung von Gangbetten über einen längeren Zeitraum wurde auch von der Belegschaft des AKHs (Unfallchirurgie), des Wilhelminenspitals (Unfall und Interne), des Donauspitals (Unfall, Interne, Chirurgie, Neurologie), der Rudolfstiftung (Interne, Gynäkologie), des Krankenhauses Hietzing (Interne), des Kaiser-Franz-Josef-Spitals (Interne) und des Krankenhauses Floridsdorf (Chirurgie) beklagt. „Presse“-Recherchen bestätigten die Meldungen der Ärzte. Deren einhellige Meinung: Noch nie war die Lage für die Patienten so dramatisch wie jetzt.

Patienten wie Stefan Huber (Name geändert), der Ende Februar zweieinhalb Tage in einem Gangbett im Wilhelminenspital liegen musste, nachdem er mit einem Rettungswagen wegen akuter Magenbeschwerden eingeliefert worden war. „Es war eine entwürdigende, untragbare Situation“, sagt der 45-Jährige. „Neben mir lagen weitere, zum Teil ältere Patienten mit starken Schmerzen. Während meines gesamten 14-tägigen Aufenthaltes dort habe ich Gangbetten gesehen.“

Laut der Wiener Patientenanwältin, Sigrid Pilz, gab es allein in diesem Jahr acht Beschwerden von Patienten, die in einem Gangbett untergebracht wurden. Zum Vergleich: Im gesamten Vorjahr gab es fünf. Auch die Beschwerden wegen langer Wartezeiten nehmen zu. Während 2014 insgesamt 105 Beschwerden Wartezeiten in Spitälern betrafen, langten bereits in den ersten vier Monaten dieses Jahres 51 ein. Pilz führt die gestiegene Zahl an Gangbetten hauptsächlich auf die „mangelnde Nachfolgestruktur“ bei der häuslichen Pflege von älteren Patienten und das „Einfallstor Ambulanz“ zurück. „Die Spitäler würden ältere Patienten gern früher entlassen, können aber nicht, weil es oft einige Tage dauert, bis ihre anschließende Betreuung zu Hause anläuft. Das sind organisatorische Probleme“, sagt sie. „Die zweite wichtige Ursache sind die niedergelassenen Ärzte in Wien, die kaum Hausbesuche machen, weswegen zu viele Patienten die Ambulanzen der Krankenhäuser aufsuchen.“ Der Weg von der Ambulanz bis zur stationären Aufnahme sei dann nicht mehr weit – insbesondere bei älteren Patienten mit Mehrfachbeschwerden.

Eine weitere Ursache, die aus den betroffenen Stationen der Spitäler sogar als Hauptgrund genannt wird: die Streichung von Betten wegen des Spitalskonzeptes 2030 und der kürzeren Arbeitszeiten der Ärzte als Folge des neuen Arbeitszeitgesetzes. Während gleichzeitig das Patientenaufkommen nicht weniger wird. Im Gegenteil: Die Bevölkerung in Wien wächst nicht nur, sondern sie wird auch immer älter, wodurch es mehr geriatrische Patienten gibt.


„Keine Fata Morgana“. „Gangbetten sind keine Fata Morgana, wie von der Stadt oft suggeriert wird. Sie sind wie überlange Wartezeiten in Ambulanzen und bei Operationen in vielen Wiener Spitälern Realität“, sagt Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres. „Die Verantwortung dafür trägt die Politik.“ Patienten tagelang in Gängen ausharren zu lassen sei dem angeblich besten Gesundheitssystem der Welt nicht würdig. „Dieser Trend wird sich fortsetzen, sollte die Stadt an ihren Plänen einer Personalreduktion festhalten und keine umfassenden Strukturveränderungen durchführen, wie beispielsweise die Auslagerung von Patienten auf den niedergelassenen Bereich, in dem man die Zahl der Kassenverträge aufstockt.“

Im Februar dieses Jahres erreichte das Phänomen der Gangbetten zudem eine neue Dimension, als das Arbeitsinspektorat die durch sie eingeengten Fluchtwege kritisierte. Als Reaktion darauf wurde von der Generaldirektion des Krankenanstaltenverbundes (KAV) eine „Taskforce“ einberufen, die speziell auf den Unfallchirurgie-Abteilungen Möglichkeiten ausloten soll, um die Situation zu entschärfen. Generell seien Gangbetten im KAV natürlich nicht vorgesehen. Ganz ausschließen könne man sie wegen des gesetzlich vorgeschriebenen Versorgungsauftrages allerdings nie.

Außerdem sei nicht jedes Bett, das in einem Gang steht, auch ein Gangbett. Es gebe also auch Betten, „die etwa zum Transport von Patienten oder zu Reinigungszwecken für den Abtransport vorgesehen sind und deswegen kurzfristig am Gang stehen können“. So gab es laut KAV beispielsweise am Montag, 27. April, ab 20 Uhr in allen Spitälern des KAV inklusive AKH lediglich 31 Gangbetten, am Sonntag, 26.April, 25 und am Donnerstag, 16.April, 20 – bei insgesamt 7600 Betten in allen KAV-Spitälern inklusive AKH. Dass die Belegschaft aus Spitälern eine deutlich höhere Zahl an Gangbetten angibt, sei „schwer nachvollziehbar“. Umgekehrt bezeichnet Szekeres die Zahlen des KAV als „nicht plausibel“.

Bemerkenswert: Österreich hat mit 7,7 Spitalsbetten pro 1000 Einwohner die vierthöchste Dichte laut OECD-Statistik. Jene von Wien ist sogar um 0,2 Prozentpunkte höher. Dass es dennoch zu solchen Problemen mit Gangbetten kommt, führt Gernot Rainer, Gründer der neuen Ärztegewerkschaft Asklepios, auf die „Krankenhauskultur“ in Österreich zurück. Das Gesundheitssystem habe die Patienten jahrzehntelang dazu erzogen, lieber die Spitalsambulanzen als niedergelassene Ärzte aufzusuchen, und werde jetzt die Geister, die es rief, nicht mehr los. Das habe dazu geführt, dass 80 Prozent der Ambulanzpatienten die nachgeschaltete Infrastruktur des Spitals eigentlich gar nicht brauchten und genauso gut zu einem niedergelassenen Arzt gehen könnten.

Auch die Ärztekammer beteiligte sich an dieser „Erziehung“, zuletzt 2009 mit der Imagekampagne „Die Wiener Spitalsärzte sind immer für Sie da!“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2015)