Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Eine meisterliche Novität

(c) EPA (STEPHEN CHERNIN)
  • Drucken

Mit Olga Neuwirths jüngstem Werk und Mahlers "Lied von der Erde" eröffneten die Wiener Philharmoniker das 37. Musikfest.

Geradezu undenkbar, Matthias Goerne wäre bei dieser Aufführung von Mahlers „Lied von der Erde“ nicht mit von der Partie gewesen! Im Konzerthaus wurden die Solopartien diesmal nicht, wie üblich, von einem Tenor und einer Altistin gesungen, sondern (wie vom Komponisten als Alternative vorgesehen) von einem Tenor und Bariton. Ohne den Goerne wäre das künstlerische Ergebnis dieses Eröffnungskonzerts der „Wiener Festwochen“ ein anderes gewesen. Erst mit seinem Einsatz als Solist gewann diese Mahler-Symphonie an Kontur.

Unglaublich, mit welcher Intensität und Detailgenauigkeit er nicht nur seinen Part gestaltete, sondern mit dieser differenzierten Lesart unverzüglich die übrigen Musiker zu einer subtileren Interpretation dieser Partitur animierte. Selbst wenn Harding nicht alle seiner Anregungen übernahm. Vor allem im Finalsatz, dem Abschied, wählte der englische Dirigent zu breite Tempi. Das nahm diesem berührenden Abgesang manches an innerer Bewegtheit und Spannung.

Ohnedies erwies sich Harding mehr als Koordinator denn eigenständiger Gestalter dieses von den Mühen des Lebens wie der Unendlichkeit des Seins kündenden Werks. Oberflächlich-strahlend, aber zu wenig nuancenreich phrasiert und dynamisch schattiert sang Klaus Florian Vogt den Tenorpart. Auch von ihm hätte man sich – bei aller stupenden Sicherheit und Bravour, mit der er seine Aufgabe bewältigte – mehr emotionale Dichte, vor allem eine eindringlichere Auseinandersetzung mit den Texten erwartet.

Gleich Mahler zieht Olga Neuwirth bei ihrem kürzlich in Köln uraufgeführten Orchesterwerk „Masaot/Clocks without Hands“, das an diesem Abend seine akklamierte österreichische Erstaufführung erlebt hat, einen weiten programmatischen Bogen. Inspiriert von einem Traum, in dem ihr Großvater und ein altes Tonband mit Liedern unterschiedlicher Völker eine Rolle gespielt haben, und angeregt durch die Bauprinzipien von Mahlers ebenfalls Liedmelodien zitierender erster Symphonie, präsentiert sie in diesem 20-minütigen, leise anhebenden, sich bald zu heftig-bewegter Klanglichkeit steigernden Opus eine Art Erinnerungspanorama altösterreichischer Vergangenheit: ausgedrückt durch markante Melodiefragmente und die Wellenbewegungen des Meeres symbolisierende Klangbögen. Metronomschläge gemahnen an die unaufhaltsam tickende Zeit, erinnern gleichzeitig pointiert an Ligetis „Poème Symphonique“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2015)