Wiens Hassliebe zu Dachausbauten

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Dachausbauten auf historischen Gebäuden haben - außer bei deren Bewohnern - ein schlechtes Image. Sie können aber die Bausubstanz aufwerten. Jetzt sollen sie katalogisiert werden.

Wien. „Dachausbauten sind für alte Häuser etwas Gutes“, sagt Baupolizei-Sprecher Hannes Kirschner – und das nur wenige Tage, nachdem ein einsturzgefährdetes Gründerzeithaus in der Liechtensteinstraße am Alsergrund evakuiert werden musste. Weil das Gebäude das Gewicht des 20 Jahre zurückliegenden Dachausbaus plötzlich nicht mehr tragen konnte, kam es im Erdgeschoß zu großen Rissen. Auch in der Äußeren Mariahilfer Straße stürzte vergangenes Jahr ein Haus teilweise ein. Schuld war ebenfalls die Baustelle am Dach.

Kirschner spricht von Einzelfällen und unsachgemäßer Bauführung. „Generell trägt ein Ausbau aber zur Stabilität und Erdbebensicherheit von Gründerzeithäusern bei.“ Grund dafür sei die Stahlbetondecke, die bei Umbauten eingezogen werde. Auch Stadtentwickler trommeln für den Dachausbau – immerhin wachse Wien rasant und Wohnraum müsse geschaffen werden.

In der öffentlichen Meinung stehen die gläsernen Dachausbauten, die seit den 90er-Jahren in der ganzen Stadt in den Himmel schießen, nicht ganz so gut da und sind in vielerlei Hinsicht ein Reizthema.

 

Probleme in Außenbezirken

Denn auch wenn ein sachgemäßer Ausbau für die Statik positiv sein mag, hakt es leider gerade daran immer wieder, wie Fälle der Vergangenheit zeigen. So mussten 2014 mehrere Häuser wegen Einsturzgefahr evakuiert werden. In allen Fällen handelte es sich um Gründerzeithäuser außerhalb des Gürtels, in denen umgebaut wurde. Die Altbauten in den Außenbezirken weisen eine deutlich schlechtere Bausubstanz auf als jene in den Innenbezirken, weil sie damals als billige Arbeiterunterkünfte errichtet wurden. Diese Häuser umzubauen, bedarf speziellen Fachwissens und Fingerspitzengefühl.

Ein Ausbau stellt nicht nur für die Häusersubstanz, sondern auch für die Nerven der Bewohner eine erhebliche Belastung dar. Monatelang müssen sie mit Lärm, Dreck und Einschränkungen leben. Außerdem kommt es häufig zu Schäden im darunter liegenden Geschoß. „Wir haben viele Fälle, wo es während des Umbaus hineinregnet“, sagt Kirschner. Zu den negativen Folgen eines ausgebauten Daches zählen auch eine Verschlechterung der Belichtung, der Verkehrssituation und dass die Erdgeschoßzonen häufig zu Garagen umgebaut werden, was wenig zum urbanen Leben beiträgt.

Dazu steigen häufig die Mieten im ganzen Haus, weil etwa ein Lift eingebaut wurde, was zu einer Wertsteigerung führt. Die Wohnungen direkt unter dem Dach, die nach 2001 errichtet wurden, unterliegen keinerlei Mietzins-Regelung. Dementsprechend teuer sind sie und werden meist von Gutverdienern bewohnt, was von den anderen Bewohnern oft wenig goutiert wird.

Besonders emotional wird die Debatte, wenn es um Dachausbauten in denkmalgeschützten Häusern geht. Derzeit machen Bürgerinitiativen im ersten Bezirk mobil, die Angst vor der Verschandelung ihres Heimes machen.

Das Barockhaus in der Schwertgasse 3 ist ein mehrfach geschütztes Haus. Der Besitzer reichte vor vier Jahren erste Pläne für den Dachausbau ein – seitdem gehen die Gutachten hin und her. Etliche Behörden waren schon mit dem Fall befasst, Zeitungsartikel dazu verfasst. Bisher wurden alle Einreichungen abgelehnt. Auch am Bauernmarkt 1 soll das Haus und somit auch das Dach um- und ausgebaut werden. Der letzte Mieter wehrt sich dagegen medienwirksam.

 

Katalogisierung geplant

Rückenwind bekommen die Bürgerinitiativen vom Denkmalschutz. Präsidentin Barbara Neubauer will der emotionalen Debatte ein Ende machen und eine Katalogisierung der Dachstühle in der Innenstadt vornehmen. „Es ist gar nicht klar, welchen Bestand wir haben. Ich will eine Studie, für die ich gerade ein Konzept mache.“ Diese soll in ein bis zwei Wochen fertig sein. „Aber um sie durchzuführen, brauchen wir Geld“, sagt sie im Gespräch mit der „Presse“. Sowohl das Kulturministerium von Josef Ostermayer wie auch das Wohnbau-Ressort von Michael Ludwig haben finanzielle Unterstützung gegenüber der Presse zugesichert.

Nicht nur im ersten Bezirk hat man den Überblick über die Bautätigkeiten verloren: Überall gibt es Baustellen auf dem Dach – wie viel Wohnraum dadurch wirklich gewonnen werden kann, ist schwer zu schätzen. Eine Studie wurde zuletzt 2004 von der MA 19 durchgeführt.

Diese geht davon aus, dass es in Wien etwa 32.000 Gründerzeithäuser gibt, wovon rund die Hälfte für Dachausbauten geeignet ist. In ein Dach passen zwei bis drei Wohnungen, daraus errechneten die Autoren der Studie ein Potenzial von 30.000 bis 40.000 Wohnungen. 4.400 Dächer waren zu diesem Zeitpunkt schon ausgebaut, seitdem erteilte die Baupolizei rund 500 Baugenehmigungen pro Jahr. Kirschner nennt vor allem Neubau, Alsergrund, Rudolfsheim-Fünfhaus oder die Brigittenau als boomende Bezirke. Das Problem mit den Dachausbauten im ersten Bezirk dürfte sich bald von selbst erledigt haben: „Dort ist praktisch schon alles ausgebaut, es gibt kaum noch Potenzial. “

AUF EINEN BLICK

Dachausbauten können die Stabilität von Gründerzeithäusern verbessern, sofern nicht unsachgemäß gearbeitet wird. Dennoch kommt es immer wieder zu Evakuierungen aufgrund von Einsturzgefahr. Wie viele Dachausbauten es in Wien gibt, lässt sich nur schwer sagen. Eine Studie aus dem Jahr 2004 kommt auf bis zu 40.000 Dachgeschoßwohnungen. Der erste Bezirk ist in punkto Dachausbauten beinahe ausgeschöpft. Das Denkmalamt will eine Katalogisierung der Dachstühle in der Innenstadt vornehmen.