Fühlen und denken mit Beethoven

Immer galt die "Ode an die Freude" als politisch opportunes Signal: 1938, 1945, 1955, 1989...

Man darf es so sehen: Mit einer Aufführung von Beethovens Neunter hat Philippe Jordan einen beeindruckenden Schlusspunkt hinter seine erste Saison als Chefdirigent der Wiener Symphoniker gesetzt. Tausende waren dabei – live und via Fernsehen –, denn die Neunte erklang am 8. Mai auf dem Heldenplatz. Seit drei Jahren musizieren die Symphoniker an dem geschichtsträchtigen Ort, weil es gilt, des Endes des Zweiten Weltkriegs zu gedenken: „Alle Menschen werden Brüder“, die poetisch-musikalische Vision zweier Klassiker als Folie für Politikerreden und Erinnerungsdokumente aus dem Mund von Menschen, die zwischen 1938 und 1945 nicht nur mental, sondern auch aktiv gegen ein Terrorregime vorgegangen sind – und dabei ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben.

Was könnte besser dazu passen als Beethovens „durch Nacht zum Licht“ führende Komposition, in deren ersten Sätzen die Kämpfe und Widerwärtigkeiten des Lebens zum Klingen kommen – und von den Symphonikern intensiv ausgelotet wurden: Selten fühlt man beim Eintritt der Reprise im Allegro maestoso so deutlich, wie dem gesamten ins Wanken geratenen Klangsystem quasi endgültig der Boden wegzubrechen droht...

Vielleicht hat auch mancher Hörer daran gedacht, dass Leonard Bernstein einst, als die Mauer fiel, den Text des Finalsatzes ändern ließ: Statt einer „Ode an die Freude“ wurde die Symphonie zur „Ode an die Freiheit“. Historisch bewanderte Beobachter denken aber wohl auch daran, dass Freiheitshymnen, wie sie gerade Beethoven mit „Fidelio“ und der Neunten geschaffen hat, immer ins Programm genommen werden, wenn es gilt, politische Zelebrationen zu verbrämen. Vielleicht dürfen wir hoffen, dass sich heutzutage alle oder zumindest fast alle das Richtige dabei denken, wenn ein Kuss „der ganzen Welt“ gewidmet wird.

Die Neunte erklang als Bedeutungsträgerin freilich nicht nur am 8. Mai 2015 auf dem Heldenplatz. Man spielte sie (und den „Fidelio“, versteht sich) auch 1938 in Wien, 1945, 1955. Wichtig ist ja wohl auch immer, was die Musik dem einzelnen Hörer mitteilt. Es ist, apropos, ein besonders dramatischer, expressiv musizierter Mitschnitt einer Aufführung der Neunten unter Wilhelm Furtwängler von Anfang der Vierzigerjahre überliefert, bei dem die zuvor geschilderte, „gefährliche“ Passage aus dem ersten Symphoniesatz besonders verzweifelt, besonders unausweichlich klingt. Auch damals hieß es im Finale: „Seid umschlungen, Millionen“, und vor allem wurde auch damals die Frage gestellt: „Ahnest du den Schöpfer, Welt?“ Samt der Antwort: „Such ihn überm Sternenzelt!“ Auch damals, im Berlin Adolf Hitlers, wird sich jeder Hörer dazu etwas gedacht haben, vielleicht sogar das Richtige.

E-Mails an:wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2015)

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