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Energie: Ein Atomkraftwerk verärgert Montenegro

(c) EPA (Tomas Hudcovic)
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Albanien plant ein Kernkraftwerk nahe der montenegrinische Grenze. Der größte Teil des produzierten Stroms soll über Montenegro und Bosnien ins kroatische Netz eingespeist werden.

Belgrad. Fern des eigenen Staatsgebiets will Kroatien ein binationales Atomkraftwerk errichten lassen: Ausgerechnet im Naturschutzgebiet des albanischen Shkodrasees planen Zagreb und Tirana ein gemeinsames Kraftwerk. Der Nachbar, Montenegro, zeigt sich verärgert: Zwei Drittel des Sees liegen auf seinem Territorium. Aus seinem Unmut macht das Land keinen Hehl. Es sei „logisch“, dass die Hauptstadt Podgorica dem eventuellen Bau eines Atomkraftwerks am albanischen Shkodrasee nicht zustimmen werde, so Sinisa Stankovic, Staatssekretär im montenegrinischen Umweltministerium. Offiziell sei Montenegro von den Nachbarn noch nicht über deren Pläne informiert worden, so der Beamte. Aber zumindest Tirana dürfte an der Kraftwerksbeteiligung „kein Interesse“ haben. „Dieses Projekt verursacht nur Schaden – und keinen Nutzen“, sagt Stankovic.

Der gemeinsame Nato-Beitritt Anfang April hat in den vergangenen Monaten zu einer Intensivierung der Kontakte zwischen Kroatien und Albanien geführt. Nach der Eskalation des ukrainisch-russischen Gaskonflikts, dessen Folgen auch Kroatien empfindlich trafen, ist Zagreb um eine Diversifizierung der heimischen Energieversorgung bemüht. Auch ist vonseiten der kroatischen Wählerschaft weit weniger Unmut gegen die Regierung zu befürchten, wenn Pläne zum Bau eines Atomkraftwerks auf fremdem Staatsgebiet stattfinden.

Bislang deckt das in und gemeinsam mit Slowenien betriebene Atomkraftwerk Krsko rund 15 Prozent des kroatischen Strombedarfs ab. Vorstöße zum Bau eines zweiten Meilers im Grenzgebiet zu Serbien sind bei den Anrainern auf Ablehnung gestoßen.

 

Offene Ohren

Es war denn auch Kroatiens Premier Ivo Sanader, der beim Besuch seines Amtskollegen Sali Berisha im Februar den Betrieb eines gemeinsamen AKW in Albanien anregte und dabei auf offene Ohren stieß. Mitten im Wahlkampf kommt dem um sein Amt bangenden Berisha die Verheißung einer neuen Großinvestition offenbar gelegen. Binationale Arbeitsgruppen tüfteln bereits am Vier-Milliarden-Euro-Projekt. Schon in den nächsten Wochen sollen erste Verträge zum Bau des 1500-Megawatt-Werks unterzeichnet werden. Realisiert werden soll der Bau durch das kroatische Versorgungsunternehmen Hrvatska Elektroprivreda (HEP), das auch am AKW im slowenischen Krsko zur Hälfte beteiligt ist.

Der größte Teil des produzierten Stroms soll über Montenegro und Bosnien ins kroatische Netz eingespeist werden. Die Einladung zum Einstieg in das Projekt lehnt Podgorica indes ab. Nicht nur weil der See zum Nationalpark erklärt wurde sind Umweltschützer besorgt, sondern vor allem deshalb, weil das AKW in einem potenziellen Erdbebengebiet gebaut werden soll. Das Umweltministerium in Podgorica warnt wiederum, dass das geplante Kraftwerk nicht nur den Tourismus im Adria-Staat, sondern auch die politischen Beziehungen zu den Nachbarstaaten beeinträchtigen könnte.

Gelassener reagiert hingegen Montenegros langjähriger Premier Milo Djukanovic auf die atomaren Ambitionen der Nachbarn. Er sieht keinen Anlass, deren Pläne für ein grenznahes AKW „nervös“ zu verfolgen: „Bis solche Projekte überhaupt realisiert werden, sind Jahrzehnte nötig.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2009)