"Children of Hate": Kinder des Krieges im 20. Jahrhundert

Ein vietnamesisches Baby erhält eine neue amerikanische Mutter.
Ein vietnamesisches Baby erhält eine neue amerikanische Mutter.(c) Imago (imago stock&people)
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Kinder ausländischer Soldaten wurden in allen Kriegen diskriminiert. So unterschiedlich ihr Schicksal ist, so sehr eint sie die Suche nach Identität.

Als Kinder des Krieges werden Kinder bezeichnet, die von ausländischen Soldaten gezeugt und von einheimischen Frauen geboren werden. Die Autorinnen Sabine Lee und Ingvill C. Mochmann versuchen in einem Beitrag im Buch "Besatzungskinder" auf das Schicksal dieser Kinder aufmerksam zu machen, die zumeist von klein auf Diskriminierung ausgesetzt waren: Sie wurden als "Russenbankert" (Deutschland und Österreich), "Bui Doi" (Vietnam), "Children of Hate" (Kongo) oder "Devil's Children" (Ruanda) bezeichnet.

Jahrzehntelang wurden die Kinder des Krieges von der Forschung nicht beachtet. In ihrem Beitrag "Kinder des Krieges im 20. Jahrhundert" versuchen die Autorinnen daher nun anhand der Beispiele Zweiter Weltkrieg (1939-45), Vietnamkrieg (1955-75) und Bosnienkrieg (1992-95) nachzuzeichnen, was es heißt, ein Kind des Krieges zu sein.

Die Wehrmachtskinder in Norwegen

Barbara Stelzl-Marx, Silke Satjukow (Hg.):
Barbara Stelzl-Marx, Silke Satjukow (Hg.): "Besatzungskinder", Böhlau Verlag, 538 Seiten, 35 Euro.(c) Böhlau Verlag

Viele betroffene Frauen haben - aus Angst vor Rache und Repressalien - die wahren Hintergründe ihrer Schwangerschaft verschwiegen oder die Identität des Vaters verheimlicht. Dennoch schätzt man, dass in Frankreich während der Besatzung durch deutsche Soldaten rund 200.000 Kinder des Krieges gezeugt wurden - in den Niederlanden sollen es bis zu 15.000, in Norwegen bis zu 12.000 gewesen sein. Am meisten weiß man über die Besatzungskinder in Norwegen. Die Norweger galten als "arisch", Beziehungen zu Norwegerinnen waren also durchaus erwünscht. Betroffene Frauen wurden sogar von der SS-Organisation "Lebensborn" finanziell und materiell unterstützt.

Nach dem Kriegsende wurden die Frauen allerdings bestraft. "Sie wurden interniert, als unterdurchschnittlich intelligent eingestuft (da sie sich mit dem Feind eingelassen hatten), es wurden ihnen in der Öffentlichkeit die Köpfe kahlgeschoren und sie waren vielen weiteren Erniedrigungen ausgesetzt", schreiben Lee/Mochmann. Im öffentlichen Dienst beschäftigte Frauen wurden entlassen. Frauen, die Deutsche geheiratet hatten, wurde die norwegische Staatsbürgerschaft entzogen. Doch nicht nur die oft alleinerziehenden Frauen wurden stigmatisiert - natürlich auch ihre Kinder, die als "Deutschenkind" beschimpft wurden. Diese wurden teilweise von norwegischen Eltern adoptiert - sie erhielten dann neue Namen, um ihre Herkunft zu verheimlichen. Oder sie wuchsen bei den Großeltern auf, im Glauben, diese seien ihre Eltern. Die leibliche Mutter wurde nicht selten als Tante vorgestellt.

Die finanzielle Lage der Mütter war meist prekär, auch weil Wehrmachtskinder von sozialer Unterstützung ausgeschlossen wurden. Die Kinder wurden häufiger physisch und psychisch von Erwachsenen oder gleichaltrigen Kindern attackiert. Im Vergleich zu "echten" norwegischen Kindern wiesen sie einen schlechteren Gesundheitszustand sowie ein niedrigeres Bildungsniveau auf. Auch die Selbstmordrate war eine höhere. Das größte Problem für die betroffenen Kinder war aber die Frage nach der eigenen Identität, da sich die biologische Herkunft oft erst nach dem Tod der Mutter klären ließ. Denn nach dem Krieg wollte niemand über diesen sprechen. Die Wehrmachtskinder empfanden sich selbst nicht als vollwertige Mitglieder der norwegischen Gesellschaft. "Die Wahrnehmung, das Gemeinste auf dieser Erde zu sein, was es geben könnte, hat mir als Kind viele dunkle Stunden bereitet", erinnert sich ein norwegisches Wehrmachtskind.

Die "Amerasians" in Vietnam

Während viele Wehrmachtskinder Ungewissheit über ihre biologische Herkunft hatten, war dies bei den sogenannten "GI-Kindern", die während des Vietnamkriegs geboren wurden, nicht der Fall. Sie wurden als "Mischlingskinder" in eine "rassenhomogene" Gesellschaft hineingeboren - und waren meist auf den ersten Blick erkennbar. Sie konnten schon allein aufgrund ihres Aussehens nicht einfach untertauchen, ihre Identität war nicht zu verheimlichen.

Die US-Regierung reagierte darauf unter anderem mit der Operation "Babylift": Nach dem Fall Saigons im April 1975 war das Schicksal der GI-Kinder akut gefährdet. Also wurden mehr als 3300 Kinder in die USA, nach Kanada und Europa ausgeflogen, um dort adoptiert zu werden. Diese Aktion war nicht unumstritten, weil angezweifelt wurde, dass das Wohl des Kindes im Vordergrund stand: Die Bedürfnisse adoptionswilliger US-Eltern konnten so unbürokratisch befriedigt werden. Tatsächlich waren die meisten der "evakuierten" Kinder über ihre Adoption froh, denn ihnen taten sich Möglichkeiten auf, die den zurückgebliebenen "Amerasians" verwehrt blieben. Dennoch wollte auch diese Kinder später ihre asiatische Herkunft kennenlernen, was ebenfalls zu Problemen mit ihrer Identität führte.

Allerdings verblieben die meisten GI-Kinder in Vietnam. Durch den Abzug der Amerikaner wuchsen natürlich fast alle dieser Kinder ohne biologischen Vater auf. Viele wurden auch auf Drängen der Familie von ihren Müttern aufgegeben, man fürchtete Repressalien im kommunistischen Nachkriegsvietnam. Kinder, die bei ihren Müttern verblieben, waren Opfer gezielter Benachteiligungen ihrer Familien. "Dazu gehörte etwa die politische und wirtschaftliche Umerziehung in den sogenannten New Economic Zones, weit entlegenen desolaten Zonen, durch deren Bewirtschaftung die Nahrungsmittelengpässe des neuen Vietnam behoben werden sollten", wie die Autorinnen schreiben. Die betroffenen Kinder hatten nahezu keine Informationen über ihre Väter. Die Mütter und Familien zerstörten aus Selbstschutz alle Dokumente - also auch Fotos und Briefe - die auf amerikanische Verbindungen hinwiesen.

Aufgrund der Diskriminierungen, denen die GI-Kinder in Vietnam ausgesetzt waren, wurde 1987 der "Amerasian Homecoming Act" verabschiedet, in dessen Folge rund 25.000 vietnamesische GI-Kinder und bis zu dreimal so viele ihrer Verwandten in die USA auswanderten. Das setzte der Diskriminierung aber nur bedingt ein Ende, wie die Autorinnen festhalten: "GI-Kinder waren ihr ganzes Leben lang als 'amerikanische' Elemente in Vietnam ausgegrenzt worden und viele von ihnen hatten sich bereits in ihrer Heimat mit den USA identifiziert. Bei ihrer Ankunft in Amerika fanden sie sich jedoch in diversen 'Klein-Saigons' der USA wiederum am Rand der Gesellschaft." Zudem gelang es nur drei Prozent der "heimgekehrten" GI-Kinder, ihre Väter zu finden.

Kinder aus Vergewaltigungen in Bosnien

Die Lage in Bosnien war wieder eine ganz andere: Viele Kinder des Bosnienkrieges wurden nach systematischen Vergewaltigungen geboren. Viele der Vergewaltigungsopfer waren selbst noch Kinder. Die sexuelle Gewalt wurde den Opfern oft in Anwesenheit von Eltern, Ehemännern oder Kindern zugefügt. Die meisten Vergewaltigungen begingen serbische Soldaten - reguläre und noch öfter irreguläre Streitkräfte - an muslimischen Frauen. Die Verbrechen waren "nicht spontaner Natur, sondern geplant als Teil einer Kriegsstrategie, die auf die Erniedrigung der Opfer abzielte, aber auch auf die Demütigung der gesamten ethnischen Gemeinschaft mit dem Ziel, die Identität der Opfer zu zerstören." Besonders erschreckend: Frauen wurden teilweise so lange vergewaltigt, bis eine Schwangerschaft nachgewiesen war. Sie wurden danach so lange festgehalten, bis ein Abbruch der Schwangerschaft nicht mehr möglich war.

Viele der betroffenen Mütter hatten in der Folge große Schwierigkeiten, dem Kind körperliche und emotionale Zuwendung zu geben. Viele Mütter schwankten zwischen Liebe und Hass gegenüber ihren Kindern. Diese Eltern-Kind-Bindung ist allerdings ausschlaggebend für die emotionale Entwicklung des Kindes. Darüber hinaus waren viele bosnische Kinder, die einer Vergewaltigung entstammen, wegen ihres "serbischen" Blutes Attacken Gleichaltriger ausgesetzt. Studien zeigen auch, dass viele Kinder dazu neigten, sich für die furchtbare Lage ihrer Familien verantwortlich zu fühlen.

Die Suche nach der eigenen Identität

Das Fazit der Autorinnen: "Ob im Nachkriegsdeutschland oder -österreich, ob in Vietnam, den USA oder Bosnien – Kinder von fremden Soldaten hatten gegen eine Reihe von Widrigkeiten in Kindheit und Jugend zu kämpfen, die oft Langzeitfolgen bis ins Erwachsenenalter hatten. Wenn man von diesen Härten eine als dominant herausgreifen müsste, würde die Frage und Suche nach der eigenen Identität, nach den familiären Wurzeln, hervorstechen."

Literaturtipp:

Barbara Stelzl-Marx, Silke Satjukow (Hg.): "Besatzungskinder", Böhlau Verlag, 538 Seiten, 35 Euro.

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Kriegsfolgenforschung. Der Krieg nimmt und bringt Kinder: als Folge von Liebesaffären, Prostitution und Vergewaltigung. Doch die Kinder des Feindes waren zumeist nicht willkommen.

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