Der neue Burgtheater-Chef präsentiert erstes Programm. Wie Claus Peymann bringt auch Hartmann Aufführungen von seinen letzten Wirkungsstätten mit. Es wird mehr Kindertheater, auch Workshops für Kinder in der Burg geben.
Kaum neue Namen, trotzdem wirkt er geschickt gestylt – der erste Spielplan des neuen Burgtheater-Direktors Matthias Hartmann, der im Herbst Klaus Bachler ablöst. Eröffnet wird mit einem wahren Feuerwerk an Premieren: Auf Hartmanns Inszenierung von „Faust I und II“ mit Tobias Moretti (Faust) und Gert Voss (Mephisto), vermutlich vier bis fünf Stunden, 4.September, folgt am 5.9. „Der goldene Drache“ von Roland Schimmelpfennig in der Regie des Autors (im Mittelpunkt steht ein chinesischer Koch, Uraufführung). Am 6.9. hat „Adams Geist“ von Dea Loher Premiere, inszeniert von dem jungen Regie-Extremisten David Bösch; das zehn Jahre alte Stück spielt in Braunau, handelt aber nicht von Hitler, sondern vom Selbstmord eines jungen Mannes, der sich in der Welt nicht zurechtfindet. Das Nature Theatre of Oklahoma aus New York, 2008 bei den Salzburger Festspielen zu Gast, zeigt die Uraufführung „Life and Time“ (7.9.).
Stefan Pucher inszeniert die „Struwwelpeter“-Oper von Phelim McDermott, Julian Crouch, Martyn Jacques (mit Birgit Minichmayr, ab 9.9.). Insgesamt gibt es in Hartmanns erster Saison 26 Premieren.
Wie Claus Peymann bringt auch Hartmann Aufführungen von seinen letzten Wirkungsstätten mit: Kleists „Amphitryon“, Becketts „Warten auf Godot“, „1979“ – eine wüste Reisegeschichte nach einem Roman von Christian Kracht –, „Immanuel Kant“ von Thomas Bernhard und „Todesvariationen“ von Jon Fosse, der schon mehrfach am Burgtheater zu erleben war – und künftig ein zentraler Autor sein soll. Luc Bondy inszeniert Goldonis „Trilogie der Sommerfrische“, Thomas Vinterberg schreibt „Das Fest“ weiter und inszeniert es unter dem Titel „Begräbnis“ (es spielt nach dem Tod des Vaters, der seine Kinder vergewaltigte). Stefan Bachmann zeigt „Geschichten aus dem Wiener Wald“, Hartmanns Schwester Annette Raffalt den „Zauberer von Oz“. Es wird mehr Kindertheater, auch Workshops für Kinder in der Burg geben, ferner Diskussionen, Schriftstellerreden, Philosophie. Lusterboden und Kasino werden umgebaut. Jan Lauwers kommt als Artist in Residence.
Bloß nicht über Finanzen reden
Zum Finanziellen blieb Hartmann wortkarg: „Die Politik versteht die Lage.“ Zuletzt benötigte die Burg Hilfe der Bundestheater-Holding für ihre Bilanzen. Die Übernahmen aus Zürich sowie Bochum und dass 15 Produktionen der Bachler-Zeit im Repertoire bleiben, deutet auf ökonomisches Augenmaß hin. Die neue Zürcher Intendantin Barbara Frey wird dort mit Burgschauspielern „Was Ihr wollt“ einstudieren, dann kommt die Aufführung nach Wien. Auch eine Idee zum Ressourcen-Sharing. In Zürich hatte Hartmann ständig Streit ums Budget, es gab sogar Streik. Die Wiener Verhältnisse mögen ihm vorderhand paradiesisch erscheinen.
Hartmann, der als Regisseur die Kontroversen der Peymann-Zeit erlebte, gab sich Mittwoch im Arsenal bemüht verbindlich. Er jonglierte mit Motti – „Welt, Burg, Dorf“, „Burg, Bürger, Würger“ –, verwandelte seinen Ärger über vorzeitige Spielplanverlautbarungen in Freude, darüber, wie wichtig in Wien Theater sei, und betonte, dass es wenige Abgänge von Schauspielern gebe – was allerdings mit den feinen Arbeitsmöglichkeiten am Burgtheater zu tun hat. Immerhin: Martin Wuttke kommt fix ins Ensemble.
ZUR PERSON: M. HARTMANN
■Der Sohn eines Kaufmanns aus Osnabrück versuchte sich zunächst an einer kaufmännischen Lehre und begann dann als Regieassistent von Heribert Sasse. Am Burgtheater inszenierte Hartmann u.a. Schillers „Räuber“, Molières „Menschenfeind“. Neun Jahre war er erfolgreicher Intendant am Bochumer und Zürcher Schauspielhaus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2009)