Jetzt noch anmelden und den ganzen Sommer selbst ernten, ganz ohne Öko-Touch: Felder zum Selbsternten haben auch für Gourmets viele Vorteile. Etwa Kürbisblüten, Babykarotten und wirklich reife Paradeiser.
Auch hiesige Städter müssen seit einiger Zeit nicht mehr ohne Spaten, Scheibtruhe und Gießkanne auskommen: Selbsterntefelder boomen. Nobelgärtnereien und Versandhäuser mit Schwerpunkt auf den guten alten Dingen, die gediegenes Edelwerkzeug aus oftmals britischer Traditionsproduktion im Sortiment haben, wird der Trend freuen. Utensilien wie geschmiedete japanische Pflanzhacken, Gartenbindegarn aus der Designdose oder Schaufeln mit handgenähtem Ledergriff müssen im Katalog nun nicht mehr überblättert werden. Denn es gibt immer mehr Parzellen am Stadtrand oder in Stadtnähe, die man für eine Saison mieten kann, wo Gemüse vom „Vermieter“ angebaut und gegossen wird und man nur mehr Unkraut jäten und ernten muss.
Freilich: Ein schickes Image müssten sich Selbsterntefelder erst aufbauen. In den wenigen Medienberichten laufen sie meist unter „Ökoparzelle“, viel mehr als Bezirksjournal und Jungeltern-Blogs war bisher in Sachen Öffentlichkeit auch noch nicht drin. Selbsterntefelder sind aber nicht nur für ein, zugespitzt gesagt, birkenstock-/tofu-/dinkelaffines Publikum interessant, das für die Kinder die feldeigenen Regenwürmer und Larven zur ekelpädagogischen Expositionstherapie nützt. Vielmehr lassen sich dem saisonalen Gemüse vom „eigenen“ Feld auch gourmettechnische Vorteile abgewinnen.
Wenn Rüben, Fisolen, Pastinaken oder Zucchini biologischen Ursprungs sind, stört das wohl auch Feinschmecker nicht. Und wer sich immer schon gefragt hat, wo man bloß die Minigemüse für
die stylishen Päckchen von „Junge Rote Rüben mit Kräutern und Créme Frâiche im Pergament“ her-
bekommt, die in Büchern von Donna Hay und Co. so verführerisch von den Seiten lachen, ist mit einem Selbsterntefeld gut bedient.
Seltenes Junggemüse. Denn den Zeitpunkt der Ernte sucht man sich schlussendlich selbst aus, auch wenn man als Mieter natürlich Infos zur idealen Erntezeit erhält. Rote Rüben, Karotten oder Zwiebel zieht man dann aus der Erde, wenn man sie braucht oder wenn man zum Beispiel gerade Lust auf rote Jungzwiebeln hat, die kaum wo erhältlich sind, die sich aber etwa im Salat außerordentlich gut machen. Wer schon einmal Zucchiniblüten zum Stückpreis von drei Euro im Delikatessengeschäft gekauft beziehungsweise eher doch nicht gekauft hat, wird sich über die gelben Farbtupfer auf seinem Feld besonders freuen. Je nach Laune kann man sie samt den Jung-zucchini pflücken – oder auch ohne und das Gemüse weiterwachsen lassen. Im ersten Fall fächere man den grünen Teil auf, fülle die Blüte vorsichtig mit Ricotta oder Ähnlichem und brate das Ganze kurz in Butter, im zweiten Fall kann man die Blüten (auch die vom Kürbis!) hacken und mit Safran und Obers zu einer veritablen Sauce für Tagliolini oder andere Nudeln verarbeiten.
Diese Blüten bekommt man zum Beispiel am Haschahof am Favoritener Stadtrand. Seit 1987 betreibt Rudolph Hascha dort seinen „Pflückgarten“. Sein Team sät in langen Reihen mehr als zwanzig Gemüsearten, zum Teil jeweils mehrere Sorten: bei den Erdäpfeln Desiree und Ditta, also leicht mehlige und festkochende; Kraut und Zwiebel gibt es je in roter und weißer Version; auch mehrere Paradeiser- und Paprikasorten werden für die Haschahofkunden gepflanzt. Um sinnvolle Parzellen zu bekommen, wird quer zu den Anbaureihen geteilt, somit erhält jeder Mieter Reihen von zwei bzw. vier Metern mit Radieschen, Gurken, Lauch, etc. Die Scheibtruhen, die man sich ausborgen kann, erleichtern den Transport des geernteten Gemüses zum Auto ungemein, und Gießkannen empfehlen sich ebenfalls, um die Erde zu befeuchten und so etwa Pastinaken-
trümmer ohne Bandscheibenvorfall aus der Erde zu ziehen. Es ist nämlich ganz schön überraschend, wie schnell manches Gemüse enorme Ausmaße annehmen kann (und – wie Radieschen oder Fisolen – dann holzig und unbrauchbar wird). Den Erntezeitpunkt selbst zu bestimmen und daher auch selbst einschätzen zu müssen hat eben nicht nur Vorteile.
Gemischtes Zielpublikum. Das Publikum des Haschahofs ist gut durchmischt: Bobojungfamilien mit Kindern in hübsch rot-weiß getupften Gummistiefeln, angesichts derer man sich sofort wieder Schuhgröße 32 wünscht, neben türkischen Großfamilien und einsamen Alternativlingen. Manche Mieter beachten die Parzellengrenzen, die durch selbst zu spannende Schnüre gekennzeichnet sind, mehr, manche weniger. Soll heißen: Manche versehen die Anschlagtafel des Haschahofs mit rührenden Geständnissen wie „Entschuldigen Sie bitte vielmals, ich habe versehentlich von Parzelle 78 zwei Zwiebeln und eine Karotte genommen. Bitte bedienen Sie sich ebenfalls auf meinem Feld!“, andere pflücken relativ ungeniert von nicht vermieteten Feldern. Gut fürs natürliche Gleichgewicht, sozusagen.
Haschahof
Rosiwalgasse 41–43, 1100 Wien, Tel.: 01/688 55 11
Saisonbeitrag 2009: Ernteparzelle (ca. 80 m²): 168 Euro Singleparzelle (ca. 40 m²): 101 Euro Erntebeginn voraussichtlich im Mai mit Radieschen und Spinat.
Bio-Stadtgut Lobau/Essling
Schafflerhofstraße 22, 1220 Wien, Tel.: 01/712 249 911 Ernteparzelle (ca. 80 m²): 100 Euro
Selbsternte
Grenzgasse 111/15, 2340 Mödling Tel.: 02236/86 63 73 Traiskirchnerstr. 1, 2512 Tribuswinkel, Tel.: 02252/457 67 Krottendorferstraße 110, 8052 Graz Wetzelsdorf, Tel.: 0316/28 15 61 Carlbergergasse 6, 1230 Wien Tel.: 0699/198 105 72 Hirschstettner Straße 85, 1220 Wien Tel.: 01/280 68 51