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"Mad Max": Ein Fiebertraum in Rostrot

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Charlize Theron als Furiosa in "Mad Max: Fury Road".(c) Warner

George Miller zeigt mit „Mad Max: Fury Road“, dass Kino nicht nur für die braven Geschichtenerzähler und Marketingplanerfüller da ist. Es gehört auch den Verrückten.

George Miller ist Vertreter einer untergehenden Gruppe von Filmemachern, den Genre-Autoren. In den Mittachtzigern, als Hollywood seine Blockbuster am Fließband produzieren ließ, gehörte ihnen der Mittelbau der Filmindustrie: Künstler wie Joe Dante („Gremlins“), John Carpenter („Die Klapperschlange“) oder eben auch Miller durften sich mit ordentlichen Budgets in ihre häufig extravaganten, manchmal hintersinnigen, immer aber bedingungslosen Fantasien stürzen. Falls der Film im Kino nicht gut ankam, blieben immer noch die stattlichen Einnahmen aus dem boomenden VHS-Markt: Da gingen jene Genres besonders gut, die für das Kino zu räudig, zu brutal, zu wenig mehrheitsfähig waren, darunter Horrorfilme, Science-Fiction und auch postapokalyptische Wahnvorstellungen.

Dass George Miller es dreißig (!) Jahre nach „Jenseits der Donnerkuppel“ zu einem weiteren „Mad Max“-Abenteuer gebracht hat und dass er dabei selbst Regie führen durfte und nicht wie industrieüblich durch einen jüngeren, hipperen Kollegen ersetzt wurde, ist ein Wunder – und spricht Bände über die Zähigkeit und Universalgenialität dieses mittlerweile siebzigjährigen Ausnahmeregisseurs. Seine Handschrift ist auch in „Fury Road“ sofort erkennbar: Die Kamera ist entfesselt, der Schnitt frenetisch, die Action hyperkinetisch. Gesprochen wird, wie in den drei Vorgängerfilmen, wenig. Und wenn, dann wird geschrien, um die Motoren der gewaltigen Höllengefährte und Streitwagen zu übertönen, die über die öden Böden donnern.

Umkämpft: Die Körpersäfte

Statt Mel Gibson starrt in „Fury Road“ der Brite Tom Hardy in Richtung Zivilisationsende. Max Rockatansky ist aber noch immer der vom Leben kaputt gerittene, von existenziellen Dämonen geplagte Einzelkämpfer, der in den Achtzigern zur Ikone wurde. Eingefangen von den fahlen Soldaten des nur mittels eines Beatmungsgeräts samt dämonischem Mundstück überlebensfähigen Diktators Immortan Joe (beeindruckend wie schon als Toecutter im ersten „Mad Max“-Film Hugh Keays-Byrne) wird er im wahrsten Sinn des Wortes blutleer gemacht.

In „Fury Road“ sind es nicht mehr natürliche Ressourcen, für die man sich den Schädel einschlägt, es sind die körpereigenen Säfte: Die Frauen werden geschwängert, um ihnen dann in Melkapparaturen die Muttermilch aus der Brust zu pumpen. Furiosa (kahl geschoren: Charlize Theron) ist ein „Imperator“ und damit eine von Joes ranghöchsten Systemerhalterinnen: Als ihr mit einigen geretteten Frauen, den sogenannten Five Wives, die Flucht gelingt, entspinnt sich eine gewaltige Verfolgungsjagd über die Fury Road. Mittendrin, eh klar: Mad Max.

Das Drehbuch zu diesem knapp zweistündigen Action-Tornado stammt erneut von Miller selbst. Allerdings hat er sich den Comic-Künstler Brendan McCarthy, dessen Arbeiten selbst vom ersten „Mad Max“-Film beeinflusst sind, zur Unterstützung geholt: Er verantwortet viele der Charakterdesigns, vor allem allerdings die Konzeption der Fahrzeuge. Jedes davon ist für sich genommen ein Hauptdarsteller: ausgehöhlte und ineinandergestapelte Buicks sitzen auf gigantischen Fahrgestellen, andere Autoteile wurden auf Panzerraupen montiert, ein Vehikel mit Lautsprecherboxen fungiert als Bühne.

In seiner kontinuierlichen Fahrt nach vorn ähnelt der neue „Mad Max“ dem zweiten Film der Reihe am stärksten: „Der Vollstrecker“ hat die basale Bewegung von A nach B zum Gerüst für eine zwar brachiale, aber hoch effektive Dramaturgie gemacht. Eine Idee, die sich in „Fury Road“ wiederholt: Charaktere werden nicht über Worte, sondern Handlungen definiert. Die spektakulären Kostüme (Designerin Jenny Beavan darf sich schon jetzt Oscar-Hoffnungen machen) erzählen ihre Geschichten mit: Der Häuptling der Bullet Farmers etwa trägt die Gewehrkugeln auch als Kopfschmuck.

Das wüste Hantieren mit Symbolen passt auch zur spirituellen Motivik der Figuren: Alle suchen Erlösung vor Vergangenheit oder Zukunft und landen in der grotesken Gegenwart. „Fury Road“ ist ein herrlich anachronistischer Fiebertraum in Rostrot und Stahlblau geworden, eine verschwitzte, verdreckte Ode an das Kino als Erlebnisraum, ein Rücksturz in eine Ära der vielleicht visionären, vielleicht verrückten Fantasten. Bei der Erzählung selbst sitzen etliche Schrauben locker: Die Mythologie hinter Immortan Joe und den Five Wives wird nur angerissen, und die gezeigte Welt erscheint lediglich als Teil eines postapokalyptischen Albtraums. Dennoch: Am Ende weiß man wieder, dass das Kino nicht für die braven Geschichtenerzähler und Marketingplanerfüller da ist. Es gehört den Verrückten und Wahnsinnigen. Wie „Mad Max“ und George Miller.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2015)