Suchen die Berliner wirklich einen Dirigenten?

Deutschland lacht über die angebliche Entscheidungsschwäche eines Orchesters im Namen des Zeitgeistes.

Die Hampelmänner der Nation – so oder so ähnlich bezeichnen die ersten deutschen Kommentatoren die Berliner Philharmoniker, die am Montag ihren neuen Chefdirigenten küren wollten und nach knapp elf Stunden einer heftigen Diskussion ohne Ergebnis auseinandergingen. Die selbstbestimmten Musiker wollen sich noch ein paar Monate Zeit nehmen, lautete die Conclusio der Abordnung, die sich spätnachts den verdutzten Journalisten stellte.

In Wahrheit war das vermutlich kein Versagen, sondern eine kluge Entscheidung. Übers Knie brechen darf man eine solche Kür nicht, wenn offenkundig die demokratische Gesellschaft deutlich in zwei unversöhnliche Lager zerfällt.

Man kann es verstehen: Der Druck der öffentlichen Meinung zwingt auch Musiker dazu, künstlerische Kernfragen dem allseits gepflegten politisch-korrekten Fassadenputz hintanzustellen. Als ob es, um nur ein Beispiel zu geben, darum ginge, wie viel Jugendarbeit oder Randgruppen-Eingliederungsversuche ein Orchester leistet.

So lang nicht ehrlicherweise festgestellt werden darf, dass es in Wahrheit nur darauf ankäme, wieder eine weltweit unverwechselbare, singuläre Basis für die Aufführung von Symphonien Mozarts, Beethovens, Brahms' und Bruckners zu legen, so lang wird die Frage, wer der rechte Chefdirigent für die Berliner Philharmoniker sein könnte, nicht vernünftig zu beantworten sein.

Wird dann noch ein künstlerisch höchstrangiger Kandidat von den Meinungsmachern quasi politisch diskreditiert, weil er vielleicht nicht nachplappert, was der Zeitgeist seinen in Sachen PR geschmeidigeren Kollegen diktiert, liegt die Sache vollends schief.

Welche Kriterien ein Dirigent heutzutage erfüllen muss, hat jüngst Valery Gergiev erfahren, dem man beschied, er müsse sich „mit der schwullesbischen Community“ arrangieren, wenn er Chef der Münchner Philharmoniker werden möchte. Früher einmal hätte man vielleicht gefragt, ob er gut genug Richard Strauss dirigiert . . .

Die Berliner sind also nicht zu beneiden. Es geht längst vor allem darum, was irgendwelche Aktivisten vor den europäischen Konzertsälen und während Gastspielreisen in den USA für diskutierenswert halten; irgendwann darf man sich dann auch darum kümmern, welches Tempo man für Beethovens Fünfte nimmt. Wahrscheinlich brauchen die Berliner Zeit, um sich klar zu werden, welche Fragen sie überhaupt zu stellen haben.

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2015)

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