Mit der Auszeichnung sollen die Verdienste des 59-jährigen Deutschen um die Stärkung des EU-Parlaments gewürdigt werden.
Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, ist am Donnerstag mit dem Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen 2015 ausgezeichnet worden. Der 59-jährige deutsche Sozialdemokrat warb in seiner Dankesrede eindringlich für die Europäische Union. "Wer Hand an dieses Projekt legt, versündigt sich an der Zukunft der nachfolgenden Generationen", sagte Schulz.
Seine Generation habe Sorge dafür zu tragen, "dass wir dieses großartige Haus unseren Kindern nicht als Ruine Europas hinterlassen", betonte Schulz bei der Verleihung im Aachener Rathaus. Um die europäische Einigung zu sichern, "müssen wir das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen, Europa endlich verstehbar machen, Europa ein vertrautes Gesicht geben", forderte der EU-Parlamentspräsident.
"Hört auf, die Europäische Union schlecht zu reden"
Schulz richtete zugleich einen Appell an die Regierungschefs der EU-Staaten: "Hört auf damit, alle Misserfolge und ungelösten Probleme Brüssel in die Schuhe zu schieben, die Erfolge aber auf die eigene nationale Fahne zu schreiben." Das trage zur Entfremdung der Menschen von der EU bei.
Schulz forderte, damit aufzuhören, "die Europäische Union schlecht zu reden". "Wir haben gemeinsam so viel erreicht - gerade wir Deutschen sollten uns das vergegenwärtigen", mahnte der SPD-Politiker. Feinde seien zu Freunden geworden, Diktaturen zu Demokratien, Grenzen seien geöffnet worden, der größte und reichste Binnenmarkt der Welt geschaffen worden. "Wir haben Menschenrechte und Pressefreiheit, aber keine Todesstrafe oder Kinderarbeit. Warum sind wir darauf nicht stolz?"
Der Parlamentspräsident mahnte, die EU zu erneuern. Das europäische Haus sei ein wenig in die Jahre gekommen. "Lasst es uns erneuern, damit es in seinem Glanz erstrahlt", forderte Schulz.
Das Preis-Direktorium zeichnete Schulz "in Würdigung seiner bedeutenden Verdienste um die Stärkung des Parlaments und der demokratischen Legitimation in der EU" aus, wie es auf der Urkunde hieß. Das Engagement des Deutschen, sich für die Europawahl 2014 erstmals auf einen Spitzenkandidaten pro Parteienfamilie zu verständigen und damit auf einen Anwärter für das Amt des Kommissionspräsidenten, sei ein historischer Meilenstein für die Demokratisierung der EU gewesen, hieß es in der Begründung. Schulz sei ein herausragender Vordenker des Vereinten Europa.
Internationale Gäste bei der Preisverleihung
Bei der Preisverleihung im Aachener Rathaus traten der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande und der jordanische König Abdullah II. als Redner auf. Acht Staats- und Regierungschefs hatten sich zum Festakt angesagt, darunter aus Österreich Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ), - außerdem Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Ratspräsident Donald Tusk (beide selbst Karlspreisträger) und der Vorsitzende der Eurogruppe, Jeroen Dijsselbloem.
Gauck forderte die Europäer in seiner Rede auf, angesichts neuer Gefahren von innen und außen enger zusammenzurücken und warnte zugleich vor einer Rückkehr des Nationalismus. "Wir erleben eine Krise des Vertrauens, des Vertrauens in das politische Projekt Europas, so wie es bisher existiert", sagte Gauck laut Redemanuskript. In fast allen EU-Staaten gebe es populistische Tendenzen von links und rechts. Nach der Wahl etwa in Großbritannien sei zudem unsicher, wie groß der Zusammenhalt der Mitgliedstaaten noch sei. Dabei müssten die Europäer gerade jetzt ihre fundamentalen Werte verteidigen, sagte Gauck etwa in Bezug auf terroristische Bedrohungen und die Kriege in der Ukraine oder Libyen. "Und immer, wenn es um Fundamentales geht, ist es unerlässlich, dass wir als Europäer zusammenrücken", betonte er.
Mit dem Karlspreis werden jedes Jahr Politiker für ihren Einsatz für die EU-Integration gewürdigt. Zu den Preisträgern zählten u.a. die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (2008) oder der französische Präsident Francois Mitterand (1988). Preisträger aus Österreich waren bisher Kanzler Franz Vranitzky 1995 sowie als erster Preisträger 1950, der Gründer der Paneuropa-Bewegung Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi, Sohn eines k.u.k.-Diplomaten und einer Japanerin.
Der Aachener Karlspreis
Der internationale Karlspreis der deutschen Stadt Aachen gilt als eine der bedeutendsten Auszeichnungen Europas. Er wird seit 1950 an Persönlichkeiten und Institutionen vergeben, die sich in führender Position um die europäische Einigung verdient gemacht haben.
Ins Leben gerufen wurde der Karlspreis auf Initiative des Aachener Kaufmanns Kurt Pfeiffer: Er regte 1949 die Schaffung eines Preises für Verdienste um die westeuropäische Verständigung und den Weltfrieden an.
Zum Namensgeber wurde Kaiser Karl der Große, der als erster Einiger Europas gilt und im 8. Jahrhundert Aachen in Zeiten des "Reiseherrschertums" zu seiner Lieblingspfalz, also zu seiner bevorzugten, vorrübergehenden Residenz, erkor. Der Karlspreis besteht aus einer Urkunde, einer Medaille und einem Geldpreis von 5.000 Euro. Er wird traditionell zu Christi Himmelfahrt im Krönungssaal des Aachener Rathauses verliehen.
(APA/AFP/dpa)