Vom Leben auf dem Vulkan

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Bruno Klimek, der an der Volksoper "Così fan tutte" inszeniert, über Mozarts psychologische Dramaturgie und die Kunst illusionistischer Verwandlung auf dem Theater.

Bruno Klimek stammt aus einer theaterbegeisterten Familie und war in Mannheim ab 1988 zunächst Oberspielleiter bei Nicolas Brieger, dann Schauspielchef. Seit 2000 arbeitet er als freier Regisseur. Mozart nennt er „ein Geschenk“ für seinen Berufsstand, „weil er einer jener Komponisten ist, die wirklich dramaturgisch denken. Man kann der Musik folgen, dann ist man als Regisseur jedenfalls auf der richtigen Seite. Gleichzeitig gibt er – ohne seine Figuren jemals zu denunzieren – viele Möglichkeiten, Geschichten weiterzuerzählen, in die Tiefe zu gehen.“

Freilich: „In der langjährigen Beschäftigung habe ich erkennen dürfen, dass in der Rezeption mit diesem Komponisten oft Unfug getrieben wurde. Als Regisseur bin ich glücklich, wenn es mir gelingt, beweisen zu können, dass Mozart viel intelligenter ist als der niedliche, nette Bube, als der er immer wieder hingestellt wird. Es handelt sich um einen großen, psychologisch-philosophischen Komponisten.“

Mozarts messerscharfes Bühnenkalkül

Einer, dem's der Herr nicht, wie es das Sprichwort will, im Schlaf schenkt: „Je länger man sich mit einem Werk wie ,Così fan tutte‘ beschäftigt, desto mehr erkennt man, dass da nichts dem Zufall überlassen ist. Da fliegt nicht einfach ein Genius vorüber und lässt irgendwas fallen...“

Eines der Bilder, die Mozarts Kalkül erläutern können: „Warum spielt dieses Stück in Neapel? Diese Stadt wird von einem Vulkan beherrscht. Der Vesuv wird sogar besungen! Was bedeutet es, in einer Gegend zu sein, wo ein Vulkan ist? Das ist „eine schlagende Metapher für dieses Stück, in dem das Weltbild der handelnden Personen restlos auf den Kopf gestellt wird. Alle Sicherheit, die sie bis dato hatten, verwandelt sich ins Unsichere, was verlässlich war, kippt ins Austauschbare. Das sind permanente innere Erschütterungen – bis zum Schluss.“ Sie spiegeln sich in den äußeren vulkanösen Erschütterungen Neapels wider.

Klimek möchte mit seiner Inszenierung zeigen, wie sehr Mozarts Dramaturgie auf Ausdünnung, auf Konzentration abzielt. Die Bühne wird also von Szene zu Szene immer leerer werden. Begonnen wird mit Theater auf dem Theater. Klimek: „Die Frage ist ja: Wie kann man eine Geschichte plausibel erzählen, in der vorkommt, dass zwei junge Damen ihre Geliebten in den Krieg ziehen lassen und sie wenig später, wenn die in dümmlichen Verkleidungen zurückkehren, nicht mehr erkennen? Wie macht man das, ohne die Damen restlos zu denunzieren?“

Daher zunächst ein Spiel zwischen Theatermenschen, die einander kennen – „das Publikum lässt sich ja immer darauf ein, dass da oben welche so tun als ob. Wir fangen bei einer Schauspielprobe an, und die Figuren rutschen dann in die Geschichte hinein. Wenn die delikaten, heiklen Verwandlungen stattfinden, ist das Thema Verwandlung gar nicht mehr zu diskutieren. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt.“

„Das ist die Wirksamkeit des Theaters. Theater kann das Leben auf den Kopf stellen, weil etwas passiert, was uns zutiefst angreift. Das ist auch mit denen möglich, die sich in ein scheinbar sicheres Spiel hineinbegeben. Was spielerisch angenommen wurde, wird für die Spieler zur Realität – weil die Wahrheit an ihnen haftet. Die werden sie nicht mehr los.“

Totale Durchmischung der Charaktere

Klimek arbeitet mit Julia Jones, jener Dirigentin, mit der er vor Jahren bereits seine erste „Così“-Inszenierung (in Darmstadt) erarbeitet hat. Und er hat zwei Besetzungen zur Verfügung, die im Repertoire die Aufführung auch „durchmischt“ umsetzen werden: „Wir haben auch kreuz und quer probiert“, sagt er und spielt damit verschmitzt darauf an, dass das für dieses Werk wohl die einzig adäquate Arbeitsmethode darstellen dürfte.

ZUR PERSON: BRUNO KLIMEK

Geboren 1958, als Spross einer Theaterfamilie in Tübingen: „Erdbebengebiet; da rüttelt es ständig.“

Ab 1988 Oberspielleiter, dann Schauspielchef in Mannheim. Seit 2000 freier Regisseur. [ Barbara Pálffy]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2015)

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