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Die USA als Fan der europäischen Integration

Das Europabild, das an US-Hochschulen gelehrt wird, geht von den Vereinigten Staaten von Europa aus. Grund dafür ist nicht Naivität, sondern ein geopolitisches Verständnis, wonach nur die Großen etwas zu sagen haben.

Hinwendung der USA zum pazifischen Raum, Aussöhnung mit dem kommunistischen Kuba, permanente Einmischung in die Entwicklungen des Nahen und Mittleren Ostens: Zuweilen scheint es, als steckten die Vereinigten Staaten ihre Nase in alle Angelegenheiten dieser Welt hinein, nur das Geschehen in Europa interessiere sie nicht mehr wirklich; als wären die transatlantischen Beziehungen nur noch eine Nebensächlichkeit, bestenfalls dazu gut, um Marktliberalisierungen à la TTIP durchzuboxen.

Aber weit gefehlt: Tatsächlich ist die Zukunft Europas zumindest an den amerikanischen Universitäten ein breit debattiertes Thema. Von 40 Seminaren im Bereich der Politikwissenschaften in Yale beschäftigen sich fünf direkt mit Europa. Seit dem russischen Vorgehen gegen die Ukraine, und dem damit einhergehenden Schlag gegen die europäische Solidarität, redet man auch im amerikanischen Alltag wieder darüber, was da in Europa passiert und wie die dortige Situation zu verbessern wäre.

Wieder Diskurs über Europa

Der Europa-Diskurs spielt in den USA also wieder eine Rolle. Wirklich überraschend dabei ist die Qualität der Debatte und ganz besonders ein Aspekt: wie sehr der europäische Einheitsgedanke im Denken der Amerikaner im Vordergrund steht.

„What will Europe do?“, ist eine Frage, die in Yale in Seminaren und bei Prüfungen oft gestellt wird. Als wir zuletzt in einem Eurasienkurs die strategische Bedeutung des Kaukasus diskutierten, fragte der Professor, welche Interessen denn Europa in der dortigen Region habe. Europas Interessen – nicht die Interessen Deutschlands, Frankreichs oder Österreichs. Genauso war es, als wir im selben Kurs den Ukraine-Konflikt erörterten oder als wir uns über die Bedeutung eines Abkommens mit dem Iran den Kopf zerbrachen.

Natürlich könnte man sagen, dass die „Amis“ eben einfach nicht wissen, dass es ein Vereinigtes Europa nach wie vor nicht gibt, sondern die EU einen Verbund von 28 souveräner Nationalstaaten darstellt, die letztlich eben alle ihre eigene außenpolitischen Süppchen kochen. Falsch getippt: In den USA sind sich alle über die europäische Subsidiarität durchaus im Klaren.

Wenn der Professor in Yale von Europa anstelle vom Land XYZ spricht, dann entspricht diese Wortwahl einer ganz spezifischen amerikanischen Haltung: nämlich der Meinung, dass in dieser Welt nur die Großen wirklich etwas zu sagen haben. Haben während des Kalten Krieges die USA und die Sowjetunion als Supermächte die internationale Ordnung dominiert, drängen heutzutage aufstrebende Nationalstaaten wie China, Indien, Russland oder Brasilien in die erste Reihe; oder eben Verbünde kleinerer Staaten wie die EU.

Der US-Blick auf das Größere

Ein europäischer Staat mit einem Bruttoinlandsprodukt von 400 Milliarden Dollar hat wenig zu melden in einer Welt, in der China laut der Investmentbank Goldman Sachs im Jahre 2050 eine Wertschöpfung von rund 50 Billionen Dollar jährlich vorweisen wird. In derselben Studie findet man mit Großbritannien 2050 auf Platz neun den ersten größeren europäischen Staat; Frankreich folgt auf Platz zehn. Die EU als Block rangiert auf dem vierten Platz. Die Amerikaner, an deren Universitäten die europäischen Gasinteressen in Aserbaidschan analysiert oder Konflikt versus Kooperation mit Russland in der Ukraine-Frage abgewogen wird, sind in ihrem Europaverständnis den Europäern weit voraus.

Angetrieben von amerikanischem Optimismus und geopolitischem Pragmatismus gehen die US-Studenten schon von den Vereinigten Staaten von Europa aus – anstelle der in Europa bieder hochgehaltenen Einzelstaatlerei.

Nur gelegentlich fällt der Blick auf den Einzelstaat: Über Österreich ist zu hören, dass dort eine starke rechtsradikale Partei existiere; dass Bundespräsident Heinz Fischer den russischen Staatschef Wladimir Putin empfangen habe, während der Rest der EU verschärfte Sanktionen gegen Russland debattierte; und dass Conchita Wurst im Song Contest siegte. Wenn Amerikaner ihren Blick nach Wien, Berlin oder Brüssel richten, dann also mit der Absicht, europäische Interessen zu evaluieren – und nicht einzelstaatliche.

Freilich, im amerikanischen Hochschulwesen gehört Yale zu den Ausnahmen. Yale steht ein Stiftungskapital zur Verfügung, das das Bruttoinlandsprodukt von Bosnien (plus Liechtenstein) übersteigt. Das ermöglicht es, dass hier die Top-Professoren unterrichten. Aus Europa waren hier in den vergangenen Jahren unter anderem José Manuel Barroso, Viviane Reding, Pascal Lamy, aus Österreich Wolfgang Petritsch, Erhard Busek und Alfred Gusenbauer zu Gast.

US-weites Studenten-Netzwerk

Mit dem Ziel, die europäische Idee an Universitäten überall in den Vereinigten Staaten weiterzuentwickeln, haben wir in Yale eine von der EU geförderte European Student Conference organisiert und ein amerikaweites Studentennetzwerk, European Horizons, gegründet. Mittels Zweigstellen an verschiedenen Universitäten wollen wir Europa verstärkt zum Thema machen und gemeinsame Positionen zur Stärkung der europäischen Identität, zur Nachhaltigkeit der sozialen Marktwirtschaft und zur Forcierung der europäischen Integration finden.

Verfechter der europäischen Integration gibt es in Amerika genug. Zuletzt forderte die amerikanische Spitzendiplomatin Victoria Nuland in einem Vortrag in Yale eine europäische Banken- und Energieunion, eine fiskalpolitische Konsolidierung und eine europäische Armee. Nulands Ton war eindeutig, ihre Mission unmissverständlich: Die USA wollen ein geopolitisch starkes Europa, das gemeinsam mit den Amerikanern das Modell der liberalen Demokratie verteidigt, das sich angesichts des Erstarkens autokratischer Staaten in verschiedenen Weltgegenden mit massiven Herausforderungen konfrontiert sieht.

Anknüpfen an Jean Monnet

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Visionen aus dem Ausland einst die Schaffung der Europäischen Union selbst maßgeblich beeinflussten. Jean Monnet, heute hochgehalten als einer der Gründerväter der EU, verbrachte Jahre seines Lebens in Amerika und beriet Präsident Franklin D. Roosevelt, bevor er später die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl mit in die Wege leitete.

Mit dem Studentennetzwerk European Horizons wollen wir an dieses Vorbild anknüpfen. Auch wenn Monnets Fußstapfen viel zu groß sein mögen, ergeben sie doch eine Spur, der zu folgen sich lohnt. Letztlich wollen wir erreichen, dass nicht nur Amerikaner fragen, was „Europa tun wird und was es tun soll“, sondern dass sich die Europäer selbst intensiv mit dieser Frage auseinandersetzen und die richtigen Antworten finden.

Über das Vereinigte Europa wird in Zukunft hoffentlich nicht nur an den amerikanischen Hochschulen geträumt, vielleicht bemühen sich die Europäer gemeinsam, diese Vision zu verwirklichen.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DER AUTOR




Igor Mitschka
ging in Wien zur Schule und begann 2011 an der Yale-Universität mit dem Studium der Politikwissenschaften und der Internationalen Beziehungen. In Yale begründete er die European Student Conference, die im Februar 80 Studenten aus den USA mit Professoren und Entscheidungsträgern zusammenbrachte. [ Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2015)