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Konzept des guten Lebens

Kein Leuchtturm mehr: In Lateinamerika ist der Drang zur Utopie verloren gegangen.

Für Regionalstudien bedeuten Personen, die bikulturell aufwachsen, Glücksfälle. Constantin von Barloewen erbringt den entsprechenden Beleg für Lateinamerika: Bei deutschen Eltern in Buenos Aires aufgewachsen, sozialisiert und ausgebildet an internationalen Universitäten, etablierte er sich in Deutschland als Experte, dessen Vertrautheit mit Lateinamerika ihn für die Debatte über Entwicklung prädestinierte.

Als vergleichender Kulturwissenschaftler mit multilingualer Kompetenzreüssierte er bei internationalen Organisationen, Unesco und Goethe-Instituten, und landete zuletzt als Chefintellektueller beim finanziell bestgestellten Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam, wo Klaus Töpfer nach seiner Zeit als deutscher Minister und anschließend als Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms Hof hält.

Sein Auftrag an Barloewen: Bringen Sie mir die kreativsten Köpfe Lateinamerikas, um über Entwicklung zu philosophieren. Deren Vortragsmanuskripte, ergänzt um eine (wohl reichlich auktorial instrumentierte) Barloewen-Einführung ergeben die Art von dickem Band, der als Geschenkexemplar in Bibliotheken verstaubt, weil der Preis prohibitiv wirkt.

Das ist schade, weil nicht alle, wohl aber die Mehrzahl der Texte über Lateinamerikas intellektuelle Befindlichkeit Auskunft geben. Deutschsprachige Leser zum Beispiel können sich mit Francisco Sagasti vertraut machen, einem peruanischen Ingenieur und Soziologen, den ich für einen der Meisterdenker des heutigen Lateinamerika halte. Wer über den Ursprung des buen vivir, das Konzept des „guten Lebens“ – heute inflationär im Gebrauch – nachforschen will, kann bei den beiden andinischen Indigenen Simón Yampara und Yuri Guandinango mit „sumak kawsay“ den Ursprung kosmischer Harmonie entdecken.


Werkstatt von Lebensweisen

Constantin von Barloewen begreift Lateinamerika „als eine Werkstatt von Lebensweisen und Formen in einem hohen kreativen Ausmaß“. Da wir heute in einer unübersehbar ruinösen Moderne leben, will ich Zweifel an dieser These anbringen. In der Tat war Lateinamerika in vergangenen Dekaden, gerade für uns Europäer, eine Art Leuchtturm für utopische Entwürfe: Revolution in Mexiko und Kuba, Befreiungskampf der Guerilleros, Sozialismus in Chile, militärisch eingefasste Modernisierung in Peru, Befreiungstheologie in Nicaragua, ein linker Peronismus in Argentinien – dies alles hat uns in Europa aufgewühlt.

Und heute? Lateinamerika hat sich erfreulicherweise wirtschaftlich konsolidiert, probiert erfolgreich zu sein, ist aber auch brav und langweilig geworden. Irgendwie ging der Drang zur Utopie verloren. Selbst in Gesellschaften, wo – wie in Nicaragua oder El Salvador – ehemalige Guerilla-Comandantes den Präsidenten stellen, überwiegt dröge Praxis. War nicht auch Brasiliens Präsidentin ursprünglich marxistische Stadt-Guerillera?

Am aufregendsten erweist sich noch das „plurinationale Bolivien“ mit einem Indigenen als Staatschef (Präsident Evo Morales), dem eine bemerkenswerte Inklusion der indianischen Bevölkerungsmehrheit gelingt. Nur hilft uns das nicht weiter. Ich verstehe von Barloewens Leidenschaft für „sein“ Lateinamerika. Aber die Entwürfe für eine zukünftige verträgliche Moderne kommen nicht mehr von dort. ■

Constantin von Barloewen, Manuel Rivera, Klaus Töpfer (Hrsg.)

Nachhaltige Entwicklung in einer
pluralen Moderne

Lateinamerikanische Perspektiven. 568 S., geb., €50,50 (Matthes & Seitz Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2015)