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Toleranz und leere Betten: Was bringt der Song Contest?

AUSTRIA EUROVISION SONG CONTEST 2015
AUSTRIA EUROVISION SONG CONTEST 2015APA/EPA/ROBERT JAEGER
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Ein unschätzbarer Werbewert, eine ausverkaufte Stadt, Besucher aus der ganzen Welt und Wien als Inbegriff einer weltoffenen, toleranten Stadt. Die Erwartungen an den Song Contest sind groß. Was wird sich erfüllen?

Der Song Contest und Österreich – das war nicht immer eine problemlose Beziehung: Jahrelang von vielen als unnötiger Gesangswettbewerb abgetan, konnte sich im Vorjahr plötzlich das halbe Land mit einer Sängerin mit Bart solidarisieren. Viel wurde seither in das Event hineininterpretiert. Es war die Rede vom „unschätzbaren“ Werbewert und einer Stadt, in der kein Bett mehr frei sein wird. Welche Erwartungen haben sich erfüllt? Sieben Thesen zum Großereignis diese Woche.

Die Österreicher sind noch immer keine besonders großen Fans.

Eine Woche vor dem Song Contest ist von einer kollektiven Euphorie in der Stadt nicht besonders viel zu bemerken. Zwar werden ab Montag vermutlich tausende Fans in die Public Viewing Zone vor dem Rathaus drängen, so wie immer, wenn es etwas gratis zu sehen gibt, und der Verkehr wird rund um die Stadthalle etwas ins Stocken geraten. Aber sonst? Die freudige Stimmung wird sich wohl in Grenzen halten. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass der Mai – seit jeher dicht an Feiertagen und Terminen – heuer so voll ist, dass ein durchschnittlich eventbegeisterter Wiener nicht mehr weiß, welche Veranstaltung er zuerst besuchen soll. Abgesehen vom Song Contest und dem Life Ball (Samstag) finden derzeit auch die Wiener Festwochen statt, am Donnerstag gab es das Gratiskonzert der Philharmoniker in Schönbrunn. Dass die Österreicher allgemein nicht die größten Fans des Events sind, zeigen auch die Ticketverkäufe. Am Samstag waren noch für alle Shows (mit Ausnahme des Finales) Karten zu haben. Die stärkste Konkurrenz ist hier allerdings das Fernsehen, denn die Semifinali und das Finale werden live übertragen. (win)

Niemand ist der große Gewinner, es verdienen viele ein bisschen.

Wurde zu viel erwartet? Eine Woche vor dem Event ist Wien laut der Hotel-Buchungsseite Booking.com gerade einmal zu knapp 70 Prozent ausgebucht. Und auch am Finalwochenende, so heißt es bei Wien Tourismus, werde es freie Betten geben. Und das ist keine Überraschung. Selbst Wien-Tourismus-Chef Norbert Kettner hat vor einer Goldgräberstimmung in der Stadt gewarnt. Grund dafür ist die Struktur des Events. Der Wert des ESC liegt in der Werbung. Entscheidend sind die Bilder, Artikel und Videos, die den rund 200Millionen Sehern auf der ganzen Welt von Wien gezeigt werden und die sie langfristig in die Stadt locken sollen. Vor Ort fällt der Effekt des Song Contest aber eher mager aus. Die Österreichische Hoteliersvereinigung geht von rund 6000 Gästen aus, die nach Wien kommen, vielleicht 10.000 – so viel wurden in der ORF-Ausschreibung für die Event-Location verlangt. Kaum spürbar in einer Stadt, die 62.000 Betten hat. Zum Vergleich: Zum Europäischen Radiologie-Kongress kamen 20.000 Teilnehmer.

Auch dürfte eine gewisse Verdrängung stattfinden, heißt es aus der Österreichischen Hoteliersvereinigung. Wien sei gerade zu Pfingsten schon immer gut besucht gewesen. Heuer könnten Stammgäste die Reise verschieben, weil sie am ESC kein Interesse haben. Enttäuschte Gesichter wird es bei jenen Hoteliers geben, die diese Entwicklung nicht vorausgesehen haben. Und vielleicht sogar bewusst die Preise erhöht und Zimmer zurückgehalten haben. Größer gesehen, wirken die Zahlen dann wieder besser: In einer Studie hat das Institut für Höhere Studien eine Bruttowertschöpfung von 38,1 Mio. Euro durch den Song Contest prognostiziert. Und einen Werbewert von circa 100 Millionen Euro. (win)

 

Der ESC bringt politische Vorteile – den Grünen.

Seit Conchita Wurst gewonnen hat, ist der Song Contest (partei)politisch aufgeladen. Zuerst tobte der Kampf der roten und schwarzen Landesfürsten um den Austragungsort. Danach folgten Spekulationen, die Wien-Wahl könnte wegen des internationalen Events auf Juni vorverlegt werden. Doch wem nutzt das Event wirklich; in Hinblick auf die Wiener Wahl am 11. Oktober?

Ein altes Argument lautet: Der SPÖ nutzt der Song Contest am meisten. Internationales Flair zieht in die Stadt, das sorgt für gute Stimmung, von der die Stadtregierung profitiert. Das ist aber falsch. Zwar versuchen rote Stadträte den Song Contest zu nutzen (vor allem Umweltstadträtin Ulli Sima), in Simmering oder Favoriten beschäftigt sich das rote Wahlvolk aber mit anderen Themen: Arbeitsplätze, hohe Mieten, Ausländer. Dass eine Sängerin mit Bart als Song-Contest-Gewinnerin in der Stadthalle auftritt, ist in den gesellschaftspolitisch eher konservativ verorteten SPÖ-Kernschichten ebenso wenig nützlich wie bei vielen Migranten, die gerne rot wählen. Nebenbei: Die Fußball EM 2008 hat der SPÖ auch nichts gebracht. Nicht in den damaligen Umfragen, und nichts bei der Wien-Wahl 2010. Bei jungen, urbanen und liberalen Menschen kommen Conchita Wurst und der Song Contest dagegen exzellent an. Also bei typischen Grün-Wählern. Das kann Maria Vassilakou durchaus zur politischen Mobilisierung grüner Sympathisanten nutzen. Neue Schichten werden die Grünen mit ihren Kernthemen aber nicht erreichen. Ähnliches gilt für die Neos. Die FPÖ dagegen ist in der Zwickmühle. Sie hat (aufgrund der gesellschaftspolitisch sehr konservativen Wählerschaft und auch der eigenen Überzeugung) Conchita Wurst und den Hype kritisiert. Allerdings nicht laut, weil nicht wenige ihrer Wähler den Song Contest gerne (im TV) ansehen und Kritik am ersten österreichischen Sieg seit 1966 als (wie würden nicht wenige FPÖ-Wähler sagen) „Nestbeschmutzung“ gesehen werden kann. Und die ÖVP? Für die konservative Wirtschaftspartei ist beim Song Contest erst etwas zu holen, falls es zu einer Kostenexplosion käme – und das vor der Wien-Wahl bekannt wird. (stu)

 

Der Wettbewerb stärkt die Gay Community in der Stadt.

Rund um Life Ball und Song Contest finden in Wien derzeit so etwas wie pinke Wochen statt. Kein Ausnahmezustand. „Wien legt sich schon seit Jahren, vor allem im Tourismusmarketing, ins Zeug, sich lesben- und schwulenfreundlich zu zeigen. Das hat auch einen bleibenden Effekt: Es geht ins Bewusstsein“, sagt Christian Högl, der Obmann der Homosexuellen-Initiative Hosi Wien. „Wir haben in den vergangenen Jahren in Wien einen Quantensprung gemacht. Und der Song Contest in Wien ist jetzt so etwas wie das Tüpfelchen auf dem I“, sagt Högl.

Diskriminierung im Alltag in Wien sei im Grunde kein Thema mehr. Trotz aller Forderungen, die im Bezug auf rechtliche Gleichstellung noch offen sind. „So etwas wie auf der Straße beschimpft zu werden, gibt es de facto nicht mehr, der Umgang ist in den vergangenen 15 Jahren ganz selbstverständlich geworden“, so Högl. Veranstaltungen wie Life Ball oder Song Contest tragen dazu bei, dass die Themen der Homosexuellen Community stärker ins Bewusstsein rücken – die Präsenz und Aktionen wie die gleichgeschlechtlichen Ampelpärchen – die in der Community positiv aufgenommen worden seien – stärken das Selbstbewusstsein. Und das Gefühl, vielleicht doch in einer weltoffenen Stadt zu leben. (cim)

Der Song Contest macht Kinder und Jugendliche toleranter

Hat Conchita Wursts Sieg die Gesellschaft toleranter gemacht? Ja, sagt die Kinder- und Jugendpsychologin Cornelia Steger, „vor allem Kinder und Jugendliche“. Während Steger bei Erwachsenen eher eine „Pseudotoleranz“ („Conchita ist okay, solange mein eigenes Kind nicht so wird“) ortet, habe die Begeisterung für Conchita, die vor allem im Vor- und Volksschulalter ausgeprägt ist, positive Auswirkungen.

Weil „Kinder begreifen, dass diese Frau mit Bart sich etwas traut, was offensichtlich nicht selbstverständlich ist und damit Erfolg hat“. Davor hätten Kinder wenig Zugang zum Thema Homosexualität gehabt, das zwar in Medien präsent sei, aber fast immer in Formen, „die für Kinder nicht greifbar sind“ – Stichwort Verpartnerung. Dank der positiv besetzten Figur Conchita könne man Kinder nun leichter an sexuelle Orientierungen heranführen. Vermitteln, dass sich auch Mann und Mann oder Frau und Frau lieb haben können. Im Fasching seien heuer viele Buben als Conchita gegangen. „Davor wäre nicht sehr vielen Buben eingefallen, zum Spaß Mädchenkleidung zu tragen.“ Wichtig für Eltern sei es, sagt Steger, zu betonen, dass das Bewundernswerte an Conchita der Tom Neuwirth ist, der seine Ausgrenzung überwunden, die Repressionen ausgehalten hat und sich für Toleranz einsetzt. Das Outing als homosexuell würde Jugendlichen durch Conchita aber nicht leichter gemacht. „Die Selbstzweifel und die emotionale Belastung nimmt einem keiner ab“, sagt Steger. „Aber man kann versuchen, am Beispiel Tom Neuwirth Mut zu machen.“ (mpm)

Der ORF trägt die (teure) Aufgabe mit Fassung.

Schon vor einigen Tagen tönte die ORF-Spitze bei einer Pressekonferenz: „Wir sind bereit für den Song Contest“, was Beobachter mit der Bemerkung quittierten: Wenn nicht jetzt, wann dann? Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist die Austragung des Gesangswettbewerbs die größte Veranstaltung, die er in seiner Geschichte je durchgeführt hat. Dass die Verantwortlichen unisono zugaben, eine „ergriffene Nervosität“ zu spüren, ist da irgendwie verständlich. Letztlich hatte das Team um Generaldirektor Alexander Wrabetz, TV-Direktorin Kathrin Zechner und Executive Producer Edgar Böhm nur exakt ein Jahr Zeit für die Vorbereitungen – und kann nun endlich zeigen, was beim weltverbindenden „Building Bridges“-Konzept herauskommt. Wobei den Sender diese Leistungsschau teuer kommt: Das Event kostet den ORF 25 Millionen Euro (die Stadt Wien zahlt 11,7 Millionen Euro), gut zehn Millionen Euro kommen durch den Kartenverkauf in der Stadthalle und Sponsoren wieder herein. Finanzchef Richard Grasl ist zuversichtlich, dass der Budgetrahmen nicht überzogen wird. Die genaue Rechnung kann man freilich erst danach machen. (awa)

Wien präsentiert sich jünger, das tut der Stadt gut.

Das Ziel war von Anfang an klar. Einen „Imagewandel“ erhoffe man sich vom ESC. „Das junge Wien“ solle beim Song Contest repräsentiert werden, „das Vielfältige“, sagte Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) im November. Mehrere Monate danach setzt Wien bei seiner Vermarktung trotzdem auf bekannte Bilder. Mit einem Ringstraßen-Video ging man in Barcelona, Paris, Hamburg und London auf Werbetour. Auch in den „100 Trips for Free“ (dem journalistischen Rahmenprogramm) gehören Touren zur Hofburg oder nach Schönbrunn zum Standardprogramm. Zum Glück ist das aber nicht alles: Eine Tour zu Wiener Kreativbetrieben überrascht, ebenso Bungee-Jumping vom Donauturm. Ein Kochkurs mit Konstantin Filippou und Touren durch die Märkte lassen die Stadt nicht mehr an Vorvorgestern erinnern. Ob die Journalisten – viele von ihnen Blogger und wahre ESC-Fans – dieses Bild auch in ihrer Heimat vermitteln werden, wird sich zeigen. (win)

 

>> Song Contest 2015: Public Viewing in Wien

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2015)