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Die heimische Angst vor dem sanften Druck

'Klo-Kicker'
Klo-KickerAPA

In Österreichs Politik will man von Nudging wenig wissen. Konzepte im Gesundheits- und Verkehrsbereich gehen aber schon in diese Richtung. In Deutschland ist das Thema offiziell auf der Agenda.

„Was ist das genau?“ „Das sagt mir gar nichts.“ Fragt man in Österreichs politischen Kreisen nach dem Wort Nudging, kommt man vielerorts nicht weit. Das Thema ist hierzulande noch Neuland – im Gegensatz zu anderen Ländern.

Nudging („Anstupsen“) bedeutet, dass man mit kleinen, psychologischen Tricks Bürger zum vernünftigen Handeln animiert, ohne gesetzlichen Zwang und ohne Konsequenzen bei Zuwiderhandeln. In mehreren Staaten ist das schon ein Thema. Die Herrentoilette ist gewissermaßen ein Paradebeispiel für Nudging geworden. Als am Amsterdamer Flughafen Schiphol das Bild einer Fliege direkt in das Pissoir geklebt wurde, ging so gut wie nichts mehr daneben – sehr zur Freude des Reinigungspersonals. Die kleine Fliege war eine Orientierungshilfe, ein Wegweiser in die richtige Richtung, und so ist aus dem Amsterdamer Urinal das sichtbare Ergebnis des Konzepts „Nudging“ geworden.

Im März hat nun auch das deutsche Bundeskanzleramt eine Stelle für drei Referenten ausgeschrieben, die sich den Schwachstellen des Bürgers widmen sollen. Eingestellt wurden ein Psychologe, eine Verhaltensökonomin sowie eine Juristin, allerdings ist ihre Funktion auf die laufende Wahlperiode begrenzt. Ein Testlauf sozusagen. Die einzelnen Ministerien haben demnach auch schon übermittelt, wo sie sich Verbesserungen wünschen.

Das deutsche Gesundheitsministerium etwa hätte gern mehr geimpfte Menschen, insbesondere Erwachsene. Wie genau die Empfehlungen und Ideen des Teams aussehen werden, bleibt noch abzuwarten: Das Team hat erst die Arbeit aufgenommen.


Gesundheit und Verkehr. In Österreich geht man auf Distanz zum Thema Nudging. „Grundsätzlich ist das für uns kein Thema“, heißt es etwa aus dem Umweltministerium. Man wolle „Bewusstseinsbildung, keine Manipulation“. Man setze lieber auf „Push and Pull“: So gebe es etwa einerseits gesetzliche Tempobeschränkungen nach dem Luftreinhaltungsgesetz (also ein Verbot), andererseits aber Förderungen für E-Fahrzeuge und Hybridgefährte. Nudging sei ein schwieriges Thema und noch zu wenig bekannt, erklärt man im Gesundheitsministerium. Man wolle sich dieses anschauen, noch sei es aber zu früh, dazu etwas zu sagen.
Freilich: Schaut man genau hin, könnte man auch in Österreich schon erste Ansätze von Nudging erkennen. So erhalten Krankenversicherte Informationen, wie viel Kosten sie im Vorjahr im Gesundheitssystem verursachten. Und bei manchen Verkehrskonzepten in Wien – so sagen Grün-Politiker hinter vorgehaltener Hand recht unverblümt – gehe es auch darum, mit komplizierten Fahrwegen das Autofahren an bestimmten Orten schwer zu machen. Damit die Wagenlenker auf andere Verkehrsmittel umsteigen.

Alchemie und Guru-Stil? Auch in Deutschland ist man zurückhaltend, wenn es um die Bezeichnung Nudging geht, wird sie doch direkt mit einem Eingriff in die Freiheit des Einzelnen in Verbindung gebracht. Dass der Staat dort (sanft) eingreift, wo der Mensch seine Vernunft vergisst, indem er zu viel isst oder trinkt, raucht oder in Steuerfragen schummelt, wird als Manipulation scharf kritisiert. Die „Bild“ sah einen „Guru“-Regierungsstil auf das Land zukommen, der „Spiegel“ schrieb gar von Alchemie. Im Bundeskanzleramt hingegen ist vielmehr von einem „wirksamen Regieren“ die Rede: Man wolle keinen paternalistischen Weg einschlagen.


Nudging in 136 Staaten. Neu ist Nudging jedenfalls nicht, Wirtschaft und Werbung haben schon oft auf das Konzept zurückgegriffen. Seit der Jurist Cass Sunstein und der Ökonom Richard Thaler aber ihr Buch „Nudging“ veröffentlicht haben (2008), nehmen sich immer mehr Regierungen dem Anstupsen an, das bisweilen als sanfter oder liberaler Paternalismus bezeichnet wird. 136 Staaten sollen bereits mit Nudging ihre Bürger leiten – ob es nun um Organspende geht, um gesunde Ernährung oder Mülltrennung. Die USA, Großbritannien und Dänemark haben eigene Nudging-Abteilungen, die der Regierung zuarbeiten.

Kreative Wege geht man auch in Japan: In Straßenabschnitten der Präfektur Aichi im Zentrum des Landes baute man ein besonderes Asphaltprofil ein: Wenn ein Fahrer genau die Geschwindigkeit von 50 km/h erreicht, erzeugt dies die Melodie eines Kinderliedes. Das soll Autofahrern Anreiz bieten, das Tempo einzuhalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2015)