Genetik: In der Wolle gefärbt

(c) AP (Danny Lawson)
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Das Rindergenom ist da, zum wiederholten Mal. Spannenderes gibt es von Schafen und Pferden. Ein Genmarker gibt Aufschlüsse, wie sich Schafe ausbreiteten. Pferde waren vor Zuchtversuchen nur schwarz oder rotbraun.

An den Rändern halten sie sich noch, die (Nachkommen der) ersten Schafe, die vor 11.000 Jahren im Nahen Osten domestiziert wurden, etwa das Jakobs-Schaf: „Ich will heute durch alle deine Herden gehen und aussondern alle gefleckten und bunten Schafe. Was bunt und gefleckt sein wird, das soll mein Lohn sein.“ So sprach Jakob zu Laban (1.Mose 30, 32), es ist der erste Bericht über die Zuchtwahl, auf der Darwin später seine Evolutionstheorie begründete. Frühen Züchtern wie Jakob ging es um das Fleisch, nicht um die Wolle, auf sie und andere „sekundäre Merkmale“ wurde erst in einer zweiten Welle gezüchtet, da war die erste längst (auch) über Europa verbreitet.

Und welches heutige Schaf stammt nun aus welcher Welle? Eine Gruppe um Massimo Palmarini (Glasgow) hat einen Genmarker gefunden, der es verrät. Der stammt gar nicht vom Schaf, sondern von einem endogenen Retrovirus, der das Schaf in immer neuen Varianten befallen und sich in seinem Genom eingenistet hat. Mit seiner Hilfe („Retrotyp“) kann man datieren: Die Nachkommen der ersten Welle halten sich eben noch an den Rändern, das Mufflon in Sardinien, Korsika und Zypern, das Jakobs-Schaf und andere frühe Züchtungen auf den ganz kleinen der britischen Inseln, den Hebriden, Orkneys etc. (Science, 324, S.532).

So wirft die Genetik doch noch Spannendes ab, am Rande, der Mainstream hingegen schleppt sich eher mühsam dahin. Zwar werden die sequenzierten Genome ausgerufen wie eh und je – diesmal in Science das des Rindes (S.522,528) –, die Welternährung werde profitieren, die Medizin werde es, und im großen Genom-Vergleich würden auch die Besonderheiten der Menschen endlich klarer. Aber wer sich davon nicht ganz betäuben lässt, erinnert sich dunkel daran, dass das Genom des Rindes bereits 2005 publiziert wurde.

Entsprechend dünn ist die neue Suppe – man hat z.B. besonders aktive Gene der Milchproduktion gefunden! –, und komplett ist die Sequenz auch noch nicht. „Bis es wirklich fertig ist – das ist ein Status, den noch kein Genom eines Säugetiers erreicht hat, den Menschen eingeschlossen –, werden wir fortfahren, die Lücken zu schließen“, verspricht Steven Salzberg (University of Maryland). Was, auch das Genom des Menschen, das anno 2000 von US-Präsident Clinton als aufgeschlagenes „Buch der Natur“ begrüßt wurde, ist immer noch nicht ganz da? Nein, es wird es wohl auch nie sein, und wenn doch, wird seine Aussagekraft beschränkt bleiben: Der Text im Buch der Natur besteht nicht nur aus Genen, immer deutlicher wird, dass viele epigenetische Phänomene hineinspielen, durch die die Gene selbst reguliert werden, etwa von der Umwelt.

Erst Züchter machten die Pferde bunt

So versandet die Genomerei, sie hat die in sie gesetzten – zum Geldakquirieren übertriebenen – Hoffnungen nur partiell erfüllt. Aber die Ränder bleiben, bei den Schafen, auch bei den Pferden: Dass die vor etwa 5500 Jahren in Kasachstan domestiziert wurden, wusste man schon. Aber dass sie dann erst bunt wurden, ist neu. Arne Ludwig (Berlin) hat Haarfarbengene von Pferdefossilien analysiert: Vor der Domestizierung waren alle schwarz oder rotbraun mit schwarz. Erst die Zuchtwahl brachte andere Farben und Tupfer hinein (Science, 324, S.485).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2009)

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