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Mazedonien: „Es gibt keinen Grund für Krieg“

Supporters of the ruling VMRO-DPMNE party and Prime Minister Nikola Gruevski take part in a rally in Skopje
Skopje(c) REUTERS (OGNEN TEOFILOVSKI)
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Ali Ahmeti, Ex-Chef der albanischen UÇK und Regierungspartner von Premier Gruevski, bestätigt, dass einzelne UÇK-Kämpfer zur Kumanovo-Gruppe gehörten.

Die Presse: Zur albanischen Untergrundgruppe, die nun in Kumanovo ausgehoben worden ist, gehörten Ex-Mitglieder der „Nationalen Befreiungsarmee“ (UÇK). Das sagt zumindest die Regierung in Skopje. Sie waren während des Aufstandes 2001 Chef der UÇK. Was wissen Sie also über diese Gruppe?

Ali Ahmeti: Die „Nationale Befreiungsarmee“ UÇK wurde 2001 demobilisiert, denn wir haben das Friedensabkommen von Ohrid geschlossen. Und dieses Abkommen wurde von allen Mitgliedern der UÇK akzeptiert. Leute, die sich bei ihren Aktivitäten möglicherweise jetzt auf die UÇK berufen, tun das als Einzelpersonen. Sie können aber nicht für die Organisation sprechen – und sie handeln nicht in Übereinstimmung mit der Entscheidung vom 26. September 2001, die UÇK zu demobilisieren.

Aber wer steckt hinter der Gruppe in Kumanovo?

Ich kann nicht verneinen, dass wir einige der Leute kennen, die daran beteiligt waren. Einige davon waren frühere Mitglieder der UÇK. Aber das heißt nicht, dass wir irgendwelche Ziele unterstützen, die dem widersprechen, was wir gemeinsam im Ohrid-Abkommen von 2001 vereinbart haben.

Warum hat sich diese Gruppe formiert?

Die Entstehung und die Ziele dieser Gruppe bleiben ein Rätsel. Ich will mich nicht an Verschwörungstheorien beteiligen. Derzeit kursiert hier in der Region viel Desinformation. Wir müssen richtige Informationen sorgfältig von den Gerüchten und Falschinformationen trennen. Meine Sorge ist auch: Warum hat Moskau aus der Sache ein Thema gemacht? Russlands Außenminister Lawrow hat gesagt, die euroatlantische Erweiterung auf dem Balkan sei eine Provokation für Russland. Und vor einigen Tagen hat Lawrow bei einem Besuch in Serbien behauptet, die Vorfälle in Mazedonien seien von der Nato, der EU und Washington provoziert worden. Ich weise das massiv zurück. Alle unsere Bürger, Mazedonier und Albaner, haben klargemacht, dass sie Nato und EU beitreten wollen. Nicht die EU hat von Mazedonien verlangt, der Union beizutreten. Mazedonien ersucht die EU, beitreten zu können.

Denken Sie, Russland will Einfluss in Mazedonien gewinnen?

Es mag diese Bemühungen geben. Aber Moskau wird damit keinen Erfolg haben, denn diese Versuche widersprechen dem, was ein Großteil der Bürger Mazedoniens will.

Sehen Sie nach der Schießerei in Kumanovo zwischen mazedonischen Sicherheitskräften und der albanischen Untergrundgruppe die Gefahr eines neuen Krieges?

Nein, ich sehe diese Gefahr nicht. Denn es gibt keine Gründe für einen solchen Krieg.

Sie haben gesagt, es sei ein Rätsel, welche Ziele diese albanische Gruppe in Kumanovo verfolge. Aber ist die Existenz dieser Gruppe ein Hinweis darauf, dass bei der Versöhnung zwischen Mazedoniern und Albanern etwas nicht funktioniert?

Leider haben nicht alle mit gleichem Eifer daran gearbeitet, den Geist und die Bestimmungen des Ohrid-Abkommens umzusetzen. Aber nicht alle haben akzeptiert, dass dieses Abkommen die Tür für Frieden und Dialog geöffnet hat. Ohrid hat 2001 den Krieg gestoppt. Das sollten alle Politiker – ganz gleich ob Mazedonier oder Albaner – respektieren.

Welche Punkte des Ohrid-Vertrages wurden nicht umgesetzt?

Das Ohrid-Abkommen und die Verfassung besagen klar, dass Albanisch eine offizielle Sprache in ganz Mazedonien ist. Die mazedonische Seite interpretiert das aber anders. In der Frage gibt es große Differenzen zwischen dem albanischen und dem mazedonischen politischen Block. Wir haben Experten aus Belgien und der Schweiz eingeladen. Sie sollen uns helfen, ein Gesetz zu entwerfen, das in Übereinstimmung mit der Verfassung aus Albanisch eine offizielle Sprache macht.

Reicht der Ohrid-Vertrag noch aus, oder braucht es ein neues Abkommen, um das Zusammenleben von Mazedoniern und Albanern im gemeinsamen mazedonischen Staat zu regeln?

Jeder Versuch, ein neues Abkommen zu finden, wäre ein Schritt zurück. Wir müssen uns vielmehr gemeinsam bemühen, den Geist und die Bestimmungen des Ohrid-Vertrages in die Tat umzusetzen.

Die Opposition behauptet, dass Ihr Koalitionspartner, also die Partei von Premier Gruevski, den Vorfall in Kumanovo inszeniert habe, um daraus politisches Kapital zu schlagen.

Diese tragischen Vorfälle in Kumanovo sollten nicht für tagespolitische Auseinandersetzungen missbraucht werden. Es gab bisher zwei Treffen aller Parteiführer im Land, und ich hoffe, dieser Dialog hilft dabei, die Lage zu entspannen.

Gleichzeitig holt die Opposition aber tausende Demonstranten auf die Straße, die den Rücktritt der Regierung fordern.

Es ist ein verfassungsmäßiges Recht eines jeden Bürgers, zu demonstrieren. Das muss aber friedlich geschehen.

Die Opposition beharrt auf dem Rücktritt des Premiers. Erwarten Sie Neuwahlen?

Ich will nicht über das Ergebnis des Dialogs der vier politischen Parteien spekulieren.

ZUR PERSON

Ali Ahmeti war Kommandant der „Nationalen Befreiungsarmee“ (UÇK), die 2001 für mehr Rechte der albanischen Volksgruppe in Mazedonien kämpfte. Nach dem Ohrid-Friedensabkommen ging er in die Politik. Er ist Chef der Partei Demokratische Union für Integration DUI, die Teil der Regierungskoalition ist. [ EPA ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2015)