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Vormarsch des Islamischen Staates sorgt für Massenflucht

SYRIA PALMYRA CONFLICT
Bei Palmyra(c) APA/EPA/STR (STR)
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Der IS rückt in historische Stadt Palmyra ein. Mutmaßlicher Tunis-Attentäter in Italien verhaftet.

Rom/Bagdad. Eine Festnahme in Italien hat am Mittwoch die Diskussion über eine mögliche Terrorgefahr durch Mittelmeerflüchtlinge in Europa weiter angeheizt: Seit Dienstagabend sitzt in Italien ein 22-jähriger Marokkaner hinter Gittern, der verdächtigt wird, an dem blutigen Anschlag auf das Bardo-Nationalmuseum in Tunesien vor zwei Monaten beteiligt gewesen zu sein. Er ist mit internationalem Haftbefehl gesucht und in Gaggiano unweit von Mailand gefasst worden. Pikantes Detail: Nach Europa gelangte der Verdächtige offenbar an Bord eines Flüchtlingsbootes, das mit 90 weiteren Menschen vor einem Monat Sizilien erreicht hatte. In Italien leben seine Mutter und seine Brüder.

Die Staatsanwaltschaft Mailand teilte mit, er werde beschuldigt, den Anschlag vom 18. März mitorganisiert und mitausgeführt zu haben. Bei der Attacke, zu der sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannte, sind 22 Menschen ums Leben gekommen, darunter 17 ausländische Touristen. Die tunesische Polizei hat zwei Attentäter erschossen und nach einem dritten Mann gefahndet.

Schon lang befürchten europäische Sicherheitsexperten, dass sich auch mutmaßliche Terroristen unter die Flüchtlinge mischen könnten, die zu Tausenden über das Mittelmeer nach Europa kommen. Die Festnahme des mutmaßlichen IS-Attentäters ist nun Wasser auf die Mühlen jener rechten Parteien, die mit dem Terrorargument die Aufnahme von Flüchtlingen generell unterbinden wollen. Der Chef der ausländerfeindlichen italienischen Oppositionspartei Lega Nord, Matteo Salvini, forderte am Mittwoch prompt die Aussetzung des Schengen-Abkommens und die sofortige Wiedereinführung von Grenzkontrollen.

 

Ruinen von Palmyra in Gefahr

Unterdessen konnte die IS-Terrormiliz auch erneut eine Reihe von militärischen Erfolgen erzielen. Am Mittwoch nahmen IS-Kämpfer nach Angaben von Aktivisten den nördlichen Teil der Stadt Palmyra in Syrien ein, deren Ruinen Weltkulturerbe sind. Es wird befürchtet, dass die Miliz die historischen Stätten zerstört, sollte sie dorthin vordringen. Die syrischen Behörden gaben an, deshalb hunderte Statuen in Sicherheit gebracht zu haben. Erst im März haben die IS-Milizen die Ausgrabungsstätten der jahrtausendealten assyrischen Stadt Nimrud sowie das Unesco-Weltkulturerbe Hatra im Irak dem Erdboden gleichgemacht.

Gleichzeitig versuchten die IS-Kämpfer, ihre Gebietsgewinne in der irakischen Provinz Anbar, westlich der Hauptstadt, zu festigen. Am Wochenende hat der IS die Provinzhauptstadt Ramadi in seine Gewalt gebracht. Bewohner berichteten, die schwarze Flagge der Jihadisten wehe auf wichtigen Gebäuden der Stadt, es würden Verteidigungsanlagen aufgebaut und Minengürtel angelegt. Dort erbeutete der IS offenbar auch ein Waffenlager, dessen Inhalt nach Angaben eines irakischen Armeeangehörigen ausreichen könnte, um die Gruppe über Monate mit Munition zu versorgen.

 

Rückschlag für Antiterrorkoalition

Eine Attacke auf einen irakischen Stützpunkt südöstlich von Ramadi in der Stadt Husaiba al-Sharqiya legte außerdem den Schluss nahe, dass der sogenannte Islamische Staat versuchen könnte, das Gebiet zwischen Ramadi und der östlich davon gelegenen Stadt Falluja, die die Miliz seit Langem beherrscht, unter Kontrolle zu bekommen.

Der Fall von Ramadi stellt auch einen schweren Rückschlag für die US-geführte internationale Anti-IS-Koalition dar, die seit dem Sommer vergangenen Jahres Stellungen des Islamischen Staates aus der Luft bombardiert. Die Regierung in Bagdad bereitet derzeit eine neue Offensive vor, in deren Zentrum schiitische Milizen stehen, die über eine weit bessere militärische Schlagkraft verfügen als die schwache irakische Armee. Das schürt die Angst vor neuen Übergriffen, da die Provinz Anbar eine großteils sunnitischen Bevölkerung hat.

 

Teheran bietet Hilfe gegen IS an

Gleichzeitig ist der Einsatz der schiitischen Milizen vor allem Washington ein Dorn im Auge, weil diese zumindest teilweise vom Iran unterstützt werden – wenngleich sich die US-Regierung mit offiziellen Äußerungen zurückhält.

Teheran erklärte sich am Mittwoch „zu jeder Hilfe“ bereit, um den Vormarsch des Islamischen Staates im Westirak zu stoppen. Bisher hat der Iran nur bestätigt, die schiitischen Kräfte beratend zu unterstützen. Eine weitgehende direkte Zusammenarbeit mit den irakischen Streitkräften gilt aber als offenes Geheimnis. Spezialeinheiten der iranischen Revolutionsgarden sollen direkt in die Kämpfe eingegriffen haben. (ag./red)

AUF EINEN BLICK

Ein mutmaßlicher Attentäter der Anschläge auf das Bardo-Nationalmuseum in Tunesien ist in Italien festgenommen worden. Der 22-jährige Marokkaner namens Touil Abdelmajid (Bild) ist mit internationalem Haftbefehl gesucht und am Dienstag nahe Mailand gefasst worden. Laut Polizeiangaben kam er vor einem Monat mit einem Flüchtlingsboot nach Europa. Das heizt die Debatte weiter an, wie man in Europa mit der Gefahr umgehen soll, dass Terroristen sich unter die Mittelmeerflüchtlinge mischen könnten. Zu dem Anschlag in Tunis vor zwei Monaten mit 22 Toten hat sich der sogenannte Islamische Staat (IS) bekannt. [ Reuters ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2015)