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Dem Kind gerecht, nicht kindlich

Viel Husch und Pfusch beim Bau von Kindergärten, doch hin und wieder ein Lichtblick. Zum Beispiel in Rohrendorf bei Krems: ein Bau mit ungeküns-telten Materialien und Raum zum In-den-Himmel-Schauen.

Am Nachmittag gehe sie gern in den neuen Trakt des Kindergartens, um einen Kaffee zu trinken und die Stimmung zu genießen, erzählt Karin Zorn, Leiterin des Kindergartens in Rohrendorf bei Krems mit sichtlichem Stolz auf die Räumlichkeiten. Zu verdanken hat sie diese der Architektin Gabu Heindl, die sich mit ihrem Beitrag in einem geladenen Wettbewerb gegen die Lokalmatadore durchsetzen konnte. Mit puren, ungekünstelten Materialien schuf sie ein Umfeld, das die Bedürfnisse der kleinen Nutzer und ihrer Betreuerinnen perfekt erfüllt, auch wenn die Formensprache auf den ersten Blick nichts Kindliches hat. Kindgerecht ist er dennoch – und wie. Heindl hat großen Wert darauf gelegt, den größten Standortvorteil, den Garten, so zu berücksichtigen, dass er das ganze Jahr über erlebbar ist.

Die neuen Gruppen wurden mittels eines neuen Zugangs im Bauwich zwischen Bestand und benachbarter Feuerwehr angedockt. Dem leicht abfallenden Gelände folgend, leitet ein langer, sich verjüngender Gang als Promenade mit Sogwirkung ins Innere, der auch als Abstandhalter zwischen den „privaten“ Gruppenräumen und dem „öffentlichen“ Foyer wirksam wird. Kein Anstrich, keine Farbe, keine formalen Spielereien treten in Konkurrenz zu den naturgemäß omnipräsenten Spielsachen und Basteleien. Die gestalterische Energie floss vor allem in das Bemühen, sinnliche Erlebnisse zu stimulieren und dem Kindergartenalltag eine robuste Struktur zur Verfügung zu stellen.

Besonders die zum Garten hin orientierten Wände der Gruppenräume haben es in sich. Tiefe Fensternischen stehen als Rückzugsorte zum Basteln und Träumen oder als Mini-Bühnen zur Verfügung. Zusätzliches Licht kommt von oben, einerseits durch die Oberlichten der Scheddächer über den Gruppenräumen, andererseits durch „Lichtkamine“ in den Nebenräumen, die dadurch zu beliebten kontemplativen Räumen zum In-den-Himmel-Schauen wurden.

Die das Gebäude säumende Holzterrasse stellt auch bei matschigem Gartenboden eine brauchbare Aktionsfläche im Freien bereit, und in die Fassade integrierte Abstellräume schlucken alle Gerätschaften, die zum Spielen im Garten benötigt werden. Die Kinder nehmen das Angebot, das auf unaufdringliche Weise da ist, mit großer Selbstverständlichkeit an.

Auch Kindergarteninspektorin Martha Denk ist erfreut über den Zubau und zeigt ihn gerne her. Oft beobachte sie, dass die Sichtweisen der Kinderpädagoginnen und jene der Architekten nicht in Einklang stehen und mehr Vertrauen der einen in die fachliche Kompetenz der anderen wünschenswert wäre. In Rohrendorf hingegen sei das Zusammenspiel zwischen den Akteuren von hohem gegenseitigem Respekt getragen gewesen.

Fast 600 Kindergartengruppen sollen laut Auskunft der Abteilung Kindergarten der Landesregierung bis zum Jahr 2010 in Niederösterreich errichtet werden. 180 Millionen Euro werden investiert, um flächendeckend den Raumbedarf für die Betreuung von Kindern ab zweieinhalb Jahren zu decken. Meist handelt es sich um Zubauten und Adaptierungen, aber auch rund 60 Neubauten werden errichtet. Ob sich die 1000 zusätzlich angeworbenen Betreuerinnen auf ihren neuen Arbeitsplätzen so wohlfühlen werden wie Frau Zorn, ist hingegen nicht garantiert.

Denn obwohl das Land im Rahmen der Kindergartenoffensive tüchtig fördert – zwei Drittel statt des üblichen einen Drittels der Baukosten werden übernommen –, erweisen sich die Gemeinden als knickrige Auftraggeber. Architekten erzählen von geladenen Wettbewerben, bei denen den Teilnehmern für die Ablieferung aufwendiger Beiträge keine oder lächerlich geringe Entschädigungen angeboten werden. In Jurygremien fehlen oft die Fachpreisrichter, und transparente Dokumentationen der Entscheidungsfindungen sind ohnehin rar. Es kommt auch vor, dass zwecks Planerfindung mittels einseitiger „Ausschreibung“ bei einem halben Dutzend Architekten und Baumeistern die Honorarvorstellungen abgefragt werden und dann kurzum der Billigste beauftragt wird. Öffentlich anprangern wollen die meisten Architekten diese Gepflogenheiten nicht, denn für viele kleine und junge Büros sind diese Aufträge aus den Gemeinden die einzige Möglichkeit, zu Referenzprojekten zu kommen. Diese erhöhen wiederum die Chance, zu Wettbewerben für größere öffentliche Projekte geladen zu werden. Sie sehen sich also gezwungen, auch zu nicht kostendeckenden Bedingungen zu arbeiten.

Das Auskommen der Planer soll nicht unsere Sorge sein. Ihre Misere haben sie sich durch die Bereitschaft zu Honorardumping und fehlende Solidarität untereinander im Wesentlichen selbst zuzuschreiben. Es kann auch nicht erwartet werden, dass in Orten, in denen bis dato die Bau- und Vergabekultur aufgrund schlichter Unbedarftheit der Entscheidungsträger kein Thema war, die Kindergartenoffensive zu baukünstlerischenMeilensteinen führen wird. Und es ist umgekehrt auch nicht immer so, dass mangelhaft vorbereitete Wettbewerbe oder Direktbeauftragungen zwangsläufig zu schlechten Resultaten führen. Die interessanteren und zweifellos besseren Ergebnisse gibt es aber bestimmt in jenen wenigen Gemeinden, die ordentlich vorbereitete Verfahren abhalten, zu denen sie der Aufgabe gewachsene Planer einladen. Zumindest sollte man verlangen dürfen, dass öffentliche Gelder für gute Gebäude, die tatsächlich die vollmundig angekündigten Qualitätsverbesserungen erfüllen, eingesetzt werden und nicht zur Förderung der Freunderlwirtschaft. Klar, es ist Eile geboten, und die Gemeinden wollen sich nicht mit umständlichen Verfahren aufhalten. Damit sind aber keine unsauberen Vergabepraktiken und schnell hingepfuschte Bauten zu entschuldigen.

Gabu Heindl wurde dank des gelungenen Zubaus zur Teilnahme an weiteren Wettbewerben gebeten. Eigentlich ein schöner Erfolg für die international tätige Architektin und Theoretikerin, deren Architekturbüro gerade in Schwung kommt. Der eine oder andere Folgeauftrag aus Niederösterreich hätte gut in das Konzept gepasst. Dennoch hat sie zwei Einladungen ausgeschlagen. Nicht ohne sich vorher einerseits gründlich zu überlegen, ob sie sich damit nicht die Aussicht auf weitere Aufträge schon am Beginn verbaue und ob sich die Gemeinden, die sich immerhin dazu durchringen, an eine ihnen noch unbekannte Architektin heranzutreten, vor den Kopf gestoßen fühlen könnten. Ein gewisser Stolz, das Wissen um den Wert der eigenen Arbeit und kollegiale Solidarität haben schließlich gesiegt. Warten wir also ab, wie schädlich es ist, ein starkes Rückgrat zu haben. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2009)