H. erholt sich im Hotel

Walter Kappachers Text „Der Fliegenpalast“, der sich Hugo von Hofmannsthal widmet, ist weit mehr als eine der üblichen Künstlernovellen. Und nebenbei gibt es eine kleine Geschichte der alpinen Sommerfrische.

Das ist jetzt Bad Fusch: Ostende mit Bergstöcken, Nizza mit rindsledernen Schnürstiefeln, Baden-Baden voll Sektionsrätinnen.“ Der schriftstellernde Diplomat Alexander von Villers mokierte sich in seinen „Briefen eines Unbekannten“ (1881) über den Trubel im Pinzgauer Höhenluftkurort. Heute ist nichts mehr übrig vom ehemaligen Glanz, außer Schwammerlsuchern und vereinzelten Wanderern verirrt sich niemand mehr in das kleine Seitental. Keines der Hotels, keiner der Gasthöfe steht mehr, außer der Ruine des „Grandhotels“, in dessen letzte intakte Räume man, seit es sich im Besitz einer obskuren katholischen Organisation befindet, ab und an Ordensschwestern huschen sehen kann.

Es ist weder dieses von einer üppigen Vegetation zurückeroberte Bad Fusch unserer Tage noch jenes seiner Hochzeit im Fin de Siècle, in das Walter Kappacher seinen „Fliegenpalast“ stellt. „H.“, der Protagonist dieser Erzählung, ein berühmter, fünfzigjähriger Schriftsteller, sucht das Grandhotel „in der Fusch“ während der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg auf, um in vertrauter Umgebung einen Ausweg aus einer Schaffenskrise zu finden.

Obwohl „H.“ beim Personal Wert darauf legt, nicht mit seinem Namen angesprochen zu werden, damit ihm seine Berühmtheit nicht zur Last falle, wird er erkannt – etwa vom Privatarzt einer hier kurenden Baronin, der ihm nach einem Schwächeanfall zu Hilfe eilt: „Herr von Hofmannsthal, nicht?“ Dass dieser in seinen Jugendtagen mit den Eltern alljährlich Teile der Sommerfrische im „Fliegenpalast“ – wie Kappacher die Mutter H.s das Grandhotel titulieren lässt – verbrachte und später immer wieder kam, wird in allen Fuscher Ortschroniken stolz betont. Man könnte meinen, Kappacher nimmt sich hier eine „Künstlernovelle“ vor, sind doch die Umstände, die Befindlichkeiten direkt den Quellen entnommen. Hofmannsthal schrieb in jenem August 1924 an den Germanisten Walther Brecht: „Es ist sonderbar genug in einer Landschaft herumzugehen, in deren engem, aber charaktervollem Gesicht sich kein Zug geändert hat – und seinem Selbst von vor 20 Jahren, vor 30 Jahren, vor 40 Jahren dem Knaben, dem Jüngling u. dem Mann auf engen Waldwegen u. Bachstegen zu begegnen.“

Diese labile Stimmung, die Begegnungen mit dem jüngeren Ich geben den Grundton, Hofmannsthals „Briefe des Zurückgekehrten“ (1901) das Grundthema der Erzählung – die Rückkehr in eine biografisch determinierte Landschaft – vor. Kappacher hält sich zwar an die Eckdaten der Hofmannsthal-Biografie, dazwischen bewegt er sich jedoch völlig frei. Er versucht nicht zu rekonstruieren, er montiert keine „echten“ Dokumente (wie die Brecht-Postkarte) in den Text und entgeht damit der Falle des Trivialen, in die historische Dichterromane (etwa Müller-Guttenbrunns „Lenau“) gerne tappen.

Kappacher gönnt sich vielmehr, mit Hofmannsthal die Vorliebe zu teilen, Gespräche und Briefe zu erfinden. Die gefährlichen Untiefen der Larmoyanz umschifft Kappacher ebenso souverän, sein „H.“ ist zwar ein aus der Zeit Gefallener, der sich in ausgiebigen Rückblicken ergeht, aber er verfällt angesichts ungepflegter Spazierwege und der Veränderungen der Nachkriegsgesellschaft hin zu mehr Lärm sowie weniger Eleganz und Etikette nicht ins Jammern, er bleibt ein stiller Beobachter. Das liegt auch daran, dass dieser Schriftsteller genug mit sich selbst zu tun hat, mit seinem Gefangensein in einer unheilvollen Melange aus Ruhebedürfnis, Schreibblockaden, Einsamkeit, gesundheitlicher Labilität und Gereiztheit. („Er hatte sich gewünscht, ungestört zu sein in der Fusch, und dieser Wunsch hatte sich erfüllt; gleichzeitig hatte er den Eindruck, noch an keinem Ort der Welt so verlassen gewesen zu sein wie hier.“) Die Dinge des Lebens scheinen ihm mit zunehmend schwächerer Konstitution zu entgleiten, die immergleichen Gedanken, die Gespenster der unvollendeten Arbeiten suchen ihn heim.

Es ist faszinierend zu lesen, mit welcher Leichtigkeit es Kappacher gelingt, diese Krise in ein atmosphärisch dichtes Landschafts- und Zeitbild zu platzieren, dabei (mitunter ironische) Distanz zum historischen Vorbild zu wahren und zugleich hohe Präzision obwalten zu lassen. Wie nebenbei ist eine kleine Geschichte der alpinen Sommerfrische sowie eine Phänomenologie der Arbeits- und Leseorte (die Bänke!) untergemischt. Es gehört zu dieser Leichtigkeit, dass Kappachers Schreiben seine Produktionstechnik nicht offenlegt und die einzelnen Elemente der Erzählung in Schwebe hält, Atmosphäre wird dabei beiläufig erzeugt. Unbeschwertheit bedeutet bei Kappacher nicht Mangel an Komplexität: Der Text bedient sowohl das Kolloquiale, etwa durch umgangssprachliche Einsprengsel, als auch die Metaebene durch die zahlreichen Korrespondenzen zum Hofmannsthal'schen Œuvre und die Selbstreflexionen (Anspielung auf eine Künstlernovelle bei Balzac).

Es ließe sich aus gegebenen Anlässen (Verlagswechsel, 70. Geburtstag, Ehrungen) einiges über Äußerlichkeiten sagen, aber Kappacher hält sich gerne vom „Betrieb“ fern. So folgt man lieber der Emphase von Peter Handkes Laudatio zum Hermann-Lenz-Preis 2004: „Es genügt, glaube ich, zu sagen, dass er etwas ganz Seltenes oder selten Gewordenes ist: Er ist Schriftsteller, er ist Autor, er ist ein Urheber (Ur-Heber).“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2009)

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