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China: 64.000 Dollar für eine Unze Gold?

(c) EPA (Michael Reynolds)

China würde den Yuan gern zur Reservewährung machen. Aber wie? Eine Idee wäre die Deckung der Währung durch Gold. Dafür müsste allerdings der Goldpreis steigen. Und zwar stark.

Wien. Die Idee liegt schon lang in der Luft – wurde aber nie ganz ernst genommen: Was, wenn China zum Goldstandard zurückkehrt und seiner Währung Yuan (Renminbi) so zu internationaler Bedeutung als Reservewährung verhilft? Genau dieses Szenario haben die Analysten von Bloomberg Intelligence (BI) jetzt durchgespielt – mit erstaunlichen Ergebnissen.

Als Goldstandard wird ein System bezeichnet, in dem eine Währung an die Goldreserven eines Landes gebunden wird, was die Ausweitung der Geldmenge (Inflation) erschwert. Die Hochzeit des klassischen Goldstandards, in dem Währungen als eine gewisse Menge Gold definiert waren, war das 19. Jahrhundert. Laut BI bräuchte China beim aktuellen Preis von rund 1200 Dollar pro Unze fast 525.000 Tonnen des Edelmetalls für eine solche Golddeckung.
Es gibt aber nur rund 175.000 Tonnen Gold auf der Welt. China könnte also selbst dann sein Geld nicht vollständig mit Gold decken, wenn Peking alles Gold der Welt aufkaufen würde.

Es gibt aber noch einen anderen Weg: den Goldpreis. Damit China seine Währung durch Gold decken kann, müsse der Goldpreis steigen. Und steigen. Und weiter steigen. Die Zahl, die von Bloomberg Intelligence ausgerechnet wurde, wirkt auf den ersten Blick wie ein Tippfehler: 64.000 Dollar pro Unze wären nötig für die Wiedereinführung einer Form des Goldstandards in China. Das wäre das 50-fache des aktuellen Goldpreises. Wohlgemerkt: Die Berechnung geht davon aus, dass China bereits das Zehnfache seiner offiziell bekannten Goldreserven angehäuft hat.

 

Bisher nur 1054 Tonnen

Die stehen seit 2009 bei genau 1054 Tonnen. Zwar gehen praktisch alle Experten davon aus, dass China inzwischen weit mehr Gold hat – aber nur die chinesische Führung selbst kann diese Frage endgültig beantworten. Die Schätzungen liegen zwischen 5000 und aberwitzigen 30.000 Tonnen. China ist der größte Goldproduzent weltweit und wechselt sich mit Indien in der Rolle des größten Importeurs ab. Anders gesagt: Seit Jahren hat (netto) keine Unze Gold das Land verlassen. Viele Experten glauben, dass die Chinesische Zentralbank einen Großteil des in China geförderten Goldes sofort in ihre Tresore packt.

Die Analysten von Bloomberg sind für ihre Berechnungen davon ausgegangen, dass China inzwischen über rund 10.000 Tonnen Gold als Währungsreserve verfügt – also in etwa so viel wie die Eurozone, deren Mitgliedsländer gemeinsam heute über die größten Goldreserven weltweit verfügen. Auf Platz zwei liegen die USA mit rund 8000 Tonnen. Seit dem Ende des Bretton-Woods-Systems Anfang der 1970er-Jahre spielt Gold im Währungssystem keine klar definierte Rolle mehr.

Eine Rückkehr zum klassischen Goldstandard wird von vielen Ökonomen als unmöglich betrachtet – von manchen sogar als gefährlich. Die Experten von BI glauben aber auch nicht an ein Comeback des Systems einer strikten Gold-Bindung, das wir im 19. Jahrhundert gesehen haben. „Es wäre wahrscheinlich sehr anders als der alte Goldstandard“, so Kenneth Hoffman, leitender Analyst für Metalle bei Bloomberg Intelligence.

„Es braucht etwas Neues. Es wäre nicht das traditionelle System, bei dem man mit Geld in eine Bank gegangen ist und mit einer Unze Gold wieder zurückgekommen ist.“ Eine konkrete Beschreibung dieses neuen Systems gibt Hoffman nicht. Aber das muss er vielleicht gar nicht. Tatsächlich kursiert die Theorie eines sehr ähnlichen Systems bereits seit dem Ende der 1990er-Jahre unter Goldexperten. Mit einem kleinen Unterschied: Damals stand der Euro in der Mitte der Überlegungen. Wie heute ging es um eine aufstrebende Währung, die den US-Dollar als Weltgeld ablösen könnte.

Der Clou bei dieser „Freegold“ genannten Theorie: Statt eines rigiden Goldstandards, der von der Politik einfach wieder suspendiert werden könnte, würde Gold in diesem System zwar seine Rolle als zentraler Bezugspunkt spielen – würde aber frei von den Währungen gehandelt. Die würden – so wie heute – rund um Gold im Wert fluktuieren. Zuletzt war es der damalige Weltbank-Chef, Robert Zoellick, der 2010 eine solche Rolle für Gold vorgeschlagen hat.

 

Eine Lösung für die Krise?

Heute wie damals brauchte es aber einen massiv höheren Goldpreis, damit ein solches System gestartet werden kann, denn die Geldmenge ist seit 1970 explodiert. Aber: Weil Gold praktisch nur als monetäres Metall eingesetzt und kaum in der Industrie benötigt wird, würde eine einseitige Aufwertung des Metalls durch die Zentralbanken wohl keine allzu großen Verwerfungen auf dem Markt verursachen.

Die Zentralbanken könnten sich so praktisch rekapitalisieren – genauso wie die Bevölkerung und sogar die Staaten. 64.000 Dollar für eine Unze Gold klingt sicherlich völlig irre. Aber vielleicht ist es auch eine Lösung für die Schuldenkrise.

Auf einen Blick

China ist bald die größte Wirtschaftsmacht der Welt. Aber der Yuan ist global noch bedeutungslos. Durch eine Golddeckung würde sich das auf einen Schlag ändern. Aber dafür brauchte China entweder eine halbe Million Tonne Gold – oder einen sehr hohen Goldpreis, wie Bloomberg Intelligence ausgerechnet hat: 64.000 Dollar pro Unze wären notwendig für einen neuen Goldstandard.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2015)

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