Song Contest: Die Party der Andersartigkeit

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Die finnische Downsyndrom-Punkband hat es nicht in das Finale geschafft. Das inoffizielle Motto des diesjährigen ESC bleibt dennoch: Brücken bauen und Barrieren beseitigen.

60 Jahre sind eine lange Zeit, um Vielfalt zu ermöglichen. Und tatsächlich war schon fast alles da in der Geschichte des Eurovision Song Contest: sehr alte, sehr entzückende Frauen (die Großmütter aus Buranowo, Russlands Beitrag 2012), blinde Musikerinnen (Corinna May für Deutschland 1999) und sehr verrückte Männer (Stefan Raab für Deutschland 2000; Alf Poier für Österreich 2003). Die „unstoppable“ Conchita wandelte im Vorjahr den Liederbewerb zur Toleranzparty. Ein Mann in Frauenkleidern und Bart, das empörte zunächst nicht nur Russland, sondern auch weniger aufgeschlossene Zeitgenossen in Österreich. Heute ist Conchitas Aussehen und Auftreten ganz selbstverständlich, Österreich gilt in Europa – auch dank Life Ball und der gleichgeschlechtlichen Ampelpärchen – als besonders tolerantes, offenes Land. Das führt mitunter zu skurrilen Szenen: Bei einer Pressekonferenz im Vorfeld der ersten Shows wurde eine der Künstlerinnen gefragt, warum sie nicht ein Lied gewählt habe, das zu mehr Toleranz gegenüber lesbischen, schwulen und Transgender-Menschen aufruft. Die Themen sollten sich die Künstler doch noch selbst aussuchen dürfen.

Noch dazu, wo das inoffizielle Motto in diesem Jahr unübersehbar ein anderes ist. Dem Slogan des ORF, „Building Bridges“, folgend, zeigt sich, dass es heuer vor allem um das Überwinden von Barrieren geht und darum, dass auch körperlich und geistig behinderte Menschen an einem so glamourösen Show-Wettbewerb teilnehmen können. Das zeigte vor allem die Teilnahme der finnischen Punkband Pertti Kurikan Nimipäivät, in der drei Musiker das Downsyndrom haben und einer Autist ist. Umso größer war die Enttäuschung nach dem ersten Semifinale am Dienstag, bei dem die finnischen Favoriten ausgeschieden waren. Im Vorfeld hatten Buchmacher der Band gute Chancen für den Finaleinzug ausgerechnet. Optimistisch bleiben aber die Musiker von PKN selbst. Sie hätten nicht verloren, sondern „den ganzen Wettbewerb gewonnen“, sagten sie bei einer Pressekonferenz.

Auftritt im Rollstuhl

Die Finnen sind raus, aber auch beim zweiten Semifinale am Donnerstag ging es um das Barrierenüberwinden. Polens Kandidatin Monika Kuszyńska trat mit ihrem rührigen Liebeslied „In the Name of Love“ als letzte der 17 Kandidaten auf und spielte darin sogar auf den ORF-Slogan an: "Let us build a Bridge". Dass sie bei ihrer Performance im Rollstuhl saß, fiel auf den ersten Blick kaum auf – ihr langes, weiß-goldenes Kleid verlieh ihr eine besondere Eleganz. Das picksüße Lied mag nicht jedermanns Geschmack sein, aber ihr souveräner Auftritt auf der Bühne überzeugt. Die 35-Jährige sitzt seit einem Autounfall im Jahr 2006 im Rollstuhl. Der „Presse“ verriet sie in einem Interview: „Es war schwierig für mich, mich im Rollstuhl zu akzeptieren; ich dachte damals, dass es für die Menschen auch schwierig sein könnte. Lange Zeit dachte ich, dass ich erst auf die Bühne zurückkehre, wenn ich ganz gesund bin.“ Doch sie eroberte sich die Bühne schon viel früher wieder. Im Video zu ihrem Lied erinnern kurze Ausschnitte an ihre Konzerte vor dem Unfall. Bei ihrem Auftritt am Donnerstag hatte man Monika Kuszyńska angeboten, die Bühne über eine Rampe zu betreten. Doch sie lehnte das ab und wollte stattdessen auf die Bühne gehoben werden.

In der ohnehin sehr positiv gestimmten ESC-Fan-Community gab es bisher so gut wie nur Lob für die Organisation und die perfekte Showinszenierung des ORF. Inklusion ist auch ein Thema hinter den Kulissen. Alain Forotti ist deutscher Journalist – und er ist blind, sieht nur mehr Umrisse und braucht daher immer einen Begleiter. Seit Donnerstag der Vorwoche ist er bereits in Wien und berichtet für vier deutsche Radiosender, darunter Radio Berlin 88,6, das zum RBB gehört. Er fühlt sich in der Song-Contest-Woche und dank der freiwilligen Helfer, die ihm vom ORF bereitgestellt wurden, bestens umsorgt und betreut, wie er sagt. Und er kann mit Fug und Recht behaupten, vergleichen zu können. Denn es ist sein 25. Song Contest. Als gebürtiger Luxemburger hat er sich früh mit dem ESC-Virus angesteckt, sein Heimatland hat immerhin schon fünf Mal gewonnen. Die Arbeit wird ihm hier in Wien sehr angenehm gemacht, sagt er. Im Pressezentrum des ESC, einer großen Halle an der Rückseite der Stadthalle, die mit über 800 Arbeitsplätzen ausgestattet ist, entsteht nicht nur an den Showabenden der Eindruck, dass sich hier eine große, europäische Familie trifft. Es mag pathetisch klingen, aber die Anwesenden sagen, dass es sich anfühlt:  Ob schwul oder lesbisch, dick oder dünn, im Rollstuhl oder nicht – alle gehören dazu und werden bejubelt.

Song Contest 2015

Beim zweiten Semifinale am Donnerstagabend sangen 17 Länder um die zehn letzten Plätze für das Finale am Samstag. Neben den zehn Ländern, die am Dienstag den Aufstieg in das Finale geschafft haben, sind jedenfalls fix vertreten: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, erstmalig Australien, Italien, Spanien und – als Gastgeberland – Österreich. Die Show wird am Samstag ab 20.15 Uhr auf ORF eins übertragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2015)

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